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Prinzip in Gefahr: Immer mehr Museen verscherbeln Kunstobjekte | BR24

© Wiktor Szymanowicz/Picture Alliance

Unter dem Hammer: Porträt von Sir David Webster brachte knapp 13 Millionen Pfund

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    Prinzip in Gefahr: Immer mehr Museen verscherbeln Kunstobjekte

    Die Einnahmen brechen weg, die Besucher bleiben aus: Private Museen und andere Kultureinrichtungen müssen sich immer häufiger von Teilen ihrer Sammlung trennen, um finanziell zu überleben. Und manche nutzen die Krise für höchst eigennützige Ziele.

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    Unternehmen machen es, Opernhäuser und auch Museen: Kunst verkaufen, um die Löcher zu stopfen, die Corona in den Haushalt reißt. Manchmal ist das peinlich, gelegentlich dramatisch, mitunter bizarr. Die schwer gebeutelte Fluggesellschaft British Airways zum Beispiel trug im Juli das Bild "Cool Edge" von Bridget Riley zum Auktionshaus Sotheby´s und bekam dafür knapp 1,9 Millionen Pfund - für den Luftfahrt-Konzern ein "Tropfen auf dem heißen Stein", wie Beobachter sarkastisch bemerkten. Zusammen mit 16 weiteren Kunstobjekten kamen dann rund 2,2 Millionen Pfund zusammen. Das entspricht etwa 0,1 Prozent des Verlusts von British Airways allein im zweiten Quartal 2020 (2,2 Milliarden Pfund).

    Sorgen in London und Paris

    Da war das Londoner Opernhaus Covent Garden kürzlich wesentlich erfolgreicher: Es hängte ein Porträt seines ehemaligen Intendanten Sir David Webster von der Wand, ein Gemälde von David Hockney, und erlöste damit bei Christie´s immerhin knapp 13 Millionen Pfund. Geld, das in der Oper dringend gebraucht wird, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Auch ehrwürdige Institutionen wie die Londoner Royal Academy of Arts (RA) und das Musée Rodin in Paris machten sich schon ihre Gedanken. Die Royal Academy erhofft sich vom Verkauf der Marmor-Scheibe "Taddei Tondo" von keinem Geringeren als Michelangelo rund 110 Millionen Euro, um damit die 150 Arbeitsplätze zu retten. Die Pariser behelfen sich damit, von ihren Original-Abgüssen Repliken anzufertigen und diese erstrangigen Kunsthändlern wie der Gagosian Galerie in New York anzubieten.

    © Picture Alliance

    Andy Warhols "Last Supper"

    Während also renommierte Institutionen und Firmen Kunst verkaufen müssen, nutzen andere die unübersichtliche Lage, um unauffällig die Liquidität zu erhöhen. Das Kunstmuseum in Baltimore sorgt damit gerade für unrühmliche Schlagzeilen, weil es mit der Veräußerung von drei Kunstwerken insgesamt rund 73 Millionen Dollar erlösen will - und zwar nicht, um sich in der Pandemie über die Runden zu retten, sondern um die Gehälter der Mitarbeiter zu erhöhen, die Sammlung aufzupeppen und Besuchern zeitweise freien Eintritt zu ermöglichen. So jedenfalls wurde es in einer Pressemitteilung am 2. Oktober angekündigt.

    "Krisengewinnler" ergreifen die Gelegenheit

    Das sorgt in den Vereinigten Staaten für ungewöhnlich viel Aufsehen. Zeitungen wie die "Los Angeles Times" sprechen von "Krisengewinnlern". Grund dafür: Die "American Alliance of Museums" (AAM) hatte Mitte April verfügt, dass die Mitglieds-Museen zwei Jahre lang Kunst aus ihren Sammlungen verkaufen dürfen, um durch Corona entstehende Einnahmeausfälle abzufedern. Ausnahmsweise, denn eigentlich hatte die AAM 2019 beschlossen, dass Kunstverkäufe aus Museumsbeständen niemals aus rein finanziellen Gründen erfolgen dürfen. Jetzt, wo diese Regel aufgeweicht wurde, kennen einige Sammlungen kein Halten mehr. In Baltimore stehen Andy Warhols überdimensionaler Siebdruck "Das letzte Abendmahl" nach Leonardo da Vinci zum Verkauf - erwartet werden dafür vierzig Millionen Dollar - sowie jeweils ein Werk des Minimalisten Brice Marden und des abstrakten Malers Clyfford Still. Die Auktion bei Sotheby´s ist für den 28. Oktober anberaumt.

    Grundprinzip von Kunstmuseen in Gefahr?

    Nach Angaben der "Los Angeles Times" haben neuerdings auch das San Francisco Museum of Modern Art, das Brooklyn Museum, das Palm Springs Art Museum und das Everson Museum of Art im Bundesstaat New York bereits "zugeschlagen" und Teile ihrer Sammlungen zu Geld gemacht. Das Everson Museum verhökerte einen Jackson Pollock für zwölf Millionen Dollar, das Brooklyn Museum musterte zwölf Bilder aus, darunter Werke von Cranach, Courbet und Corot. Kritiker sehen dadurch das traditionelle Grundprinzip eines Kunstmuseums in Gefahr, wonach der Bestand bewahrt statt vermarktet werden sollte. Kein Wunder, dass die Geldgeber des Museums in Baltimore jetzt gegen die dortigen Veräußerungs-Pläne protestieren.

    © Bernd Wüstneck/Picture Alliance

    Bald häufiger der Fall? Auktionshammer im Museum

    Sogar in der Schweiz wurden bereits Fälle bekannt, in denen Museen sich von Kunstobjekten getrennt haben: Das Museum Langmatt in Baden erhofft sich aus Verkäufen vierzig Millionen Franken, "um den Fortbestand des Museums sicherzustellen und die Sammlung als Einheit zu retten", wie Direktor Markus Stegmann dem BR über eine PR-Agentur mitteilen ließ: "Der geplante Bilderverkauf des Museums Langmatt ist das Resultat einer langjährigen Entwicklung und hat nichts mit der Corona-Pandemie zu tun. Der Entscheid für diese Strategie war denn auch gefällt worden, bevor Corona ein Thema war. "

    Auch das Museum in Bern hat bereits Kunst verkauft. Dabei sehen die aktuellen Richtlinien des Internationalen Museumsverbands ICOM solche "Rettungsaktionen" bisher überhaupt nicht vor, wie Markus Stegmann vom Museum Langmatt in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen betonte.

    In Deutschlands öffentlichen Museen sind solche (Not-)Verkäufe bisher undenkbar und das Versilbern aus Prestige-Gründen erst recht. Die Frage ist allerdings, wie sehr liebgewonnene Traditionen in der Pandemie-Krise künftig weltweit ins Rutschen geraten. Die jüngsten Vorkommnisse sind durchaus angebracht, besorgt in die Zukunft zu schauen.

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