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So mythisch inszeniert Achim Freyer den "Oedipe" in Salzburg | BR24

© Bayern 2

George Enescu erzählt in seiner Oper "Oedipe" die alte Geschichte vom Vatermörder Ödipus, der gegen sein Schicksal ankämpft und doch verliert. Regisseur Achim Freyer hat das Stück jetzt bildmächtig auf die Bühne der Salzburger Festspiele gebracht.

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So mythisch inszeniert Achim Freyer den "Oedipe" in Salzburg

George Enescu erzählt in seiner Oper "Oedipe" die alte Geschichte vom Vatermörder Ödipus, der gegen sein Schicksal ankämpft und doch verliert. Regisseur Achim Freyer hat das Stück jetzt bildmächtig auf die Bühne der Salzburger Festspiele gebracht.

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Da liegt er schon im Bühnenzentrum, der kleine, frischgeborene, noch etwas schmutzige Ödipus mit dem viel zu großen Kopf und dem kleinen, aber schon muskelaufgeblasenen Körper. Da dehnt er sich und streckt sich, versucht sich an ersten Posen, aus denen er immer wieder hinfällt. Und trotzdem spürt man sie schon, diese Anmaßung Mensch, die sich hier verkörpern wird, hier in den Bilderwelten des 85-jährigen Künstlers und Regisseurs Achim Freyer, der sich für diesen „Oedipe“ mal wieder einen ganzen Kosmos von traumtiefen, traumschönen und traumschrecklichen Bildern und Zeichen erfunden hat – fern jeder Realität und jeder Gegenwart.

Bald schon wird dieser Ödipus eine rote Boxerhose tragen, wird das Schicksal herausfordern, indem er die Sphinx besiegt, die als fürchterliches Wesen, begleitet von flutschigen Scheren und riesigen Insekten, die Bühne betritt. Ihr wird er auf ihre Rätselfrage: „Wer ist größer als das Schicksal?“, sein: „Der Mensch“ entgegen schleudern und wird sich trotzdem in sein Schicksal fügen, das er zu fliehen meinte, denn letztlich tötet er den eigenen Vater und heiratet die eigene Mutter.

Aus seinen ausgestochenen Augen hängen blutrote Bänder

Die rote Boxerhose wird ihn durch sein Leben begleiten, er trägt sie auch unter dem Herrschermantel, der ebenso gut der Bademantel eines Sportlers sein könnte. Da ist er gerade König in Theben und trägt die kleine blaue Krone, doch dann kommt die Pest in die Stadt und der blinde Seher Teiresias lässt ihn erkennen, dass er selbst ihr Grund ist, schließlich beging er Vatermord und Inzest. Seine Frau, die auch seine Mutter ist, tötet sich daraufhin selbst und er sticht sich die Augen aus.

Aus diesen Augen werden für den Rest seiner Zeit blutrote Bänder hängen und die Boxershorts, die wird er erst ausziehen, wenn er dahingeht, nach außen blind, aber innerlich sehend und damit erkennend und erlöst. Die Boxershorts wird er ausziehen, wenn er wieder in der Mitte liegt und noch ein wenig mühsam strampelt, wie damals - zu Beginn, während sich neben ihm wieder das Grab auftut, was auch schon am Anfang geschaufelt wurde, weil das ja als einziges klar ist, wo es hingeht: so ein Leben.

Harter Schrei und zarter lyrischer Zauber

George Enescus Oper „Oedipe“, entstanden in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, erzählt nicht nur die Ödipustragödie, sondern den ganzen Lebenszyklus dieser tragisch-mythischen Figur und stellt sie dabei auch musikalisch ins Zentrum. Oedipe ist das Herz dieses mit symphonischer Wucht durchkomponierten Werkes. Und die Rolle selbst ist eine große Herausforderung, die der britische Bariton Christopher Maltman nun bei den Salzburger Festspielen mit Bravour in ihrem ganzen Spektrum auffächert: vom zarten lyrischen Zauber über den harten Schrei bis hin zu jenem Sprechgesang, in dem diesem Ödipus im Angesicht der Schrecken seines Schicksals das Singen versagt.

Dabei werden Maltman und das gesamte hochkarätige Ensemble begleitet und getragen von Ingo Metzmacher und den Wiener Philharmonikern, die die mythische Weite dieser ganz und gar ungewöhnlichen und viel zu selten aufgeführten Oper in ihre Nuancen hinein auszuleuchten verstehen. Und in sie hinein, in diese mythische Weite, rührt Achim Freyer mit all seiner bizarren Figurenwelt, mit seinen Licht- und Farbphantasien an jene letzten Geheimnisse, die einen Mythos in seiner ganzen Tragweite zum Klingen bringen.

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