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Eine Odyssee voller Fake News an der Berliner Volksbühne | BR24

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Seit Chris Dercons' Rücktritt ist an der Berliner Volksbühne wieder Ruhe eingekehrt, das gilt aber nicht für die Inszenierungen. Der Isländer Arnarsson hat jetzt mit seiner "Odyssee" einen anspielungsreichen Brocken hingelegt, mit einigen Längen.

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Eine Odyssee voller Fake News an der Berliner Volksbühne

Seit Chris Dercons' Rücktritt ist an der Volksbühne wieder Ruhe eingekehrt, das gilt aber nicht für die Inszenierungen. Thorleifur Örn Arnarsson bringt mit seiner "Odyssee" den antiken Mythos anspielungsreich zum Leuchten. Leider mit einigen Längen.

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Blass geschminkt, mit freien Oberkörpern stehen sie auf der Drehbühne: Elf Schauspieler schildern den Kampf um Troja, drei Musiker liefern den Takt, erst sachte, dann immer heftiger. Die Bühne dreht sich, Nebel wabert, Scheinwerfer blenden das Publikum. Als das Schlagzeug loshämmert, vibriert der ganze Saal – eine körperliche Erfahrung. Der Chor wird lauter, das Kreisen der Drehbühne schneller, alles greift ineinander. Man denkt an die großen Maschineninstallationen von Ulrich Rasche oder an "Dionysos Stadt" von Christopher Rüping – wenn nur das chorische Sprechen besser funktionieren würde! Über weite Strecken kann man die Schauspieler nicht verstehen. Auch später, als sie nicht mehr in der Gruppe, sondern einzeln agieren, fehlt es an Nuancen und Ausdruckskraft. Und trotzdem vermag der Abend zu überzeugen.

Am Ursprung unseres zivilisatorischen Prozesses

Das Ziel hat der Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson vorab so umrissen: "Indem wir zurückgreifen auf unseren ältesten Mythos, greifen wir auch zurück auf den Ursprung unseres zivilisatorischen Prozesses. Nur wenn man weiß, woher man kam, weiß man, wie es weitergehen kann." Arnarsson spricht von einem Zeitkrater, bei dem man manchmal gar nicht wisse, was oben und was unten ist. "Die Zeit wird zunehmend komplexer und die politischen Antworten werden zunehmend einfacher. Diese Diskrepanz ist der ideale Ort für die Kunst."

Für eine Kunst, die reflektiert und zuspitzt, auch wenn sie keine eindeutigen Botschaften hat. Eine gute Stunde wird der Trojanische Krieg beschrieben. Und die Gewaltspirale dreht sich auch dann noch weiter, als Odysseus den entscheidenden Einfall mit dem trojanischen Pferd hat.

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Mythische Heldensage reloaded: Die Odysse mit Schauspielern als Silhouetten

Die List mit dem hölzernen Pferd bringt den Griechen den Sieg. Odysseus wird als Held gefeiert. Der Darsteller Daniel Nerlich stakst aber bewusst unbeholfen über die Bühne. Als er später von seiner abenteuerlichen Heimfahrt erzählt, mag man ihm kaum glauben: "Wir glauben nicht mehr an den Helden, wir glauben nicht mehr an die Geschichten, die wir aus den Kriegen hören. Diese Zentralperspektive der Erzählung existiert nicht mehr", meint der Regisseur.

Die Odyssee handelt von Macht und steckt voller Fake News

Thorleifur Örn Arnarsson erzählt die Odyssee als Geschichte, die mit Fake News gespickt ist. Für ihn ist klar, dass es beim Krieg um Troja nicht um die Befreiung der schönen Helena ging, sondern um Machtpolitik. Und Machtpolitik braucht Propaganda. Odysseus wird zum Helden stilisiert, seine Umgebung leidet – vor allem sein Sohn Telemachos, der in der Heimat zurückgeblieben ist. Telemachos fühlt sich durch die Berühmtheit seines Vaters unter Druck gesetzt. Die Fußstapfen, in die er treten soll, sind einfach zu groß. Auch Odysseus‘ Frau leidet. Der antike Mythos wird als moderne Familiengeschichte umgedeutet.

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Innige Umarmung: Die Schauspieler Theo Trebs als Menelaos und Nils Strunk als Telemachos

Und dann werden Briefe eines Soldaten verlesen, der in den letzten Jahren in Afghanistan gedient hat. Nach seiner Heimkehr ist er ein menschliches Wrack. In einem Brief heißt es: "Ich kann mich selber riechen, ich rieche nach Scheiße, weil ich den ganzen Tag durch die Hölle marschiert bin, weil ich immer wieder in Gräben voller Dreck springen musste…"

Abfall der Energiekurve

Silvia Rieger, die den Soldaten spielt, sitzt unter den Bildern von Donald Trump, John F. Kennedy und Bill Clinton, die nackt mit erigierten Penissen zu sehen sind – ziemlich plakativ. Dabei hat das Bühnenbild oft große Symbolkraft. Da hängen große Lettern aus dem Bühnenhimmel herab, die poetische Wörter formen. Man kann einzelne Zeilen lesen, aber selten das ganze Gedicht – wie bei antiken Überlieferungen. Die Odyssee ganz zu fassen, ist kaum möglich. Und das versucht der Regisseur auch nicht. Er greift einzelne Teile heraus und bringt sie zum Leuchten. Allerdings fällt zum Schluss der Inszenierung die Energiekurve ab. Da wird erzählt und erzählt und erzählt, bis die Zuschauer wegdämmern. Der letzte Teil der vier Stunden zieht sich. Weniger wäre mehr gewesen.

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