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Willkommen im Land der Zungenbrecher. Calixto Bieito bringt Krzysztof Kieślowskis Filmzyklus "Dekalog" auf die Bühne des Münchner Residenztheaters und kann dem alten Stoff nichts Neues abgewinnen.

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Premiere am Resi: Mottenkiste meets Porno-Screens

Willkommen im Land der Zungenbrecher. Calixto Bieito bringt Krzysztof Kieślowskis Filmzyklus "Dekalog" auf die Bühne des Münchner Residenztheaters und kann dem alten Stoff nichts Neues abgewinnen.

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Von
  • Sven Ricklefs

Das ist eine dieser Geschichten, die sich eingeprägt haben, damals, vor über 30 Jahren, als man diese 10 merkwürdig liebevoll harten Filme von Krzysztof Kieślowski sah, die den Titel "Dekalog" trugen: Der Vater, der mit seinem Computerprogramm das Eis des Sees berechnet hat und es dann noch einmal persönlich überprüft. Und sein kleiner Sohn, der schon vor Weihnachten sein Geschenk bekommen hat und die Schlittschuhe ausprobieren möchte. Das Eis bricht, der Junge stirbt.

"Du sollst keine anderen Götter haben neben mir": So lautet das erste Gebot, auf das sich diese erste Episode bezieht, ohne auf den sinnlosen Tod des Kindes damit eine Antwort zu geben.

Schicksalhaftigkeit in modernem Gewand?

Zwischen Liebe und Eifersucht, Krankheit und Tod, Glaube und Verbrechen entwickelte Kieślowski seine Plattenbau-Plots aus kleinen Situationen heraus zu großen Tragödien, ohne aus ihnen Auswege zu gewähren. Das bekam in dieser merkwürdigen Mischung aus katholischer Unausweichlichkeit und sowjetischer Endzeittristesse ein ganz eigentümliches Pathos, das diese Filme aber auch längst in eine historische Distanz gerückt haben.

Und so verwundert es immer wieder, dass sich Regisseure animiert fühlen, diesen filmischen Dekalog zu theatralisieren.

Letztes Mittel: Weihnachtsbäume

Eigentlich wird Calixto Bieito für seine ebenso intelligenten wie provokanten und überaus zeitgemäßen Operninszenierungen geschätzt, nun muss man froh sein, wenn da ein Sänger die einzelnen Episoden mit sakralem Sound auf dem Skateboard durchkurvt und damit dieser Theatralisierung des Dekalogs zumindest einen Hauch von Modernität verleiht.

Denn was der Regisseur ansonsten seinem Ensemble abverlangt, riecht schon sehr nach einer eigentlich längst als überholt geglaubten Mottenkiste. Da wird bedeutungsschwer in der Gegend herumgestanden oder -gesessen, da wird sich demonstrativ zu Tode geröchelt, da ummanteln Großmütter hochdramatisch Enkeltöchter, und wenn gar nichts mehr geht, werden Grünpflanzen sinnschwer im Raum verteilt und Weihnachtsbäume schweben himmelwärts.

Nichts als Kitsch

Und es nützt auch nichts, dass sich Bieito zusammen mit seinem Team am Installativen versucht und vier große Videoscreens zu immer neuen Konstellationen dekoriert, auf denen wahlweise Pornoszenen wohl zu Kunst verschmelzen sollen, oder schwarzweißes Feuer Kernsätze des Stücks vor Hochhaustristesse umlodert.

All dieser pathetische Kitsch erzeugt so viel Unwillen, dass man sich nicht wirklich mehr auf die ohnehin manchmal arg fernliegenden Konflikte der welche Gebote auch immer brechenden Figuren einlassen mag. Nein, Krzysztof Kieślowskis Dekalog muss im wahrsten Sinne des Wortes – weiß Gott – nicht mehr auf die Bühne und in der Regie von Calixto Bieito schon gleich gar nicht.

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