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Post-American Jazz: Wie sich junge Jazzer von alten Idolen lösen | BR24

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Alles, bloß kein Swing! Dieses Jahr kamen fast im Wochentakt erstaunliche, tolle Jazzalben heraus, zugleich landete improvisierte Musik auch verstärkt in den Bestenlisten der angloamerikanischen Popkritik.

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Post-American Jazz: Wie sich junge Jazzer von alten Idolen lösen

2015 veröffentlichte Kamasi Washington das monumentale Album "The Epic", das als Wendepunkt im Jazz gilt. Seitdem tauchen laufend junge, neue Jazzbands und Jazz-Künstlerinnen auf und überzeugen mit frischen Ideen und unorthodoxem Spiel – auch 2020.

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Von
  • Markus Mayer

Es gibt ja diese ganz bestimmte Vorstellung von Jazz – Musik, die man spätnachts hört. Das Licht an der Bar ist runtergedreht, der Krawattenkoten gelockert, zurückgelehnt lauscht man, gern mit einem Glas Scotch in der Hand. Das mag erstrebenswert sein für manche. Das Gros der Jazzkünstlerinnen und -künstler, die in diesem Jahr phantastische Alben veröffentlicht haben, können mit dieser Vorstellung kaum etwas anfangen.

Der Londoner Jazzpianist Greg Foat beispielsweise, bedient sich auf seinem Meisterwerk "Symphonie Pacifique" (strut records) bei lateinamerikanischen Rhythmen, ebenso an kühnen Beats, die für die Dancefloor-Szenerien programmiert wurden. Also: Goodbye müder Swing, der bisher das rhythmische Fundament des Jazz bildete, stattdessen: Her mit Reggae, mit Afro-Beat, Grime und Jungle! Mit Produktionsästhetiken, die in der Popmusik entwickelt wurden. Das scheint das Motto dieser jungen Jazzkünstler zu sein, die dieses Jahr verblüffende Alben veröffentlichten.

Immer mehr Frauen improvisieren

Es sind zunehmend Frauen, die das Reich der 1001 Möglichkeiten, Musik in Improvisationen zu gestalten, erforschen. Die Londoner Saxophonistin Nubya Garcia etwa, die wie viele andere junge Jazzkünstlerinnen migrantische Wurzeln hat, verfügt über einen höchst eleganten Ton und hat ihre Kompositionen mit hochenergetischem Reggae unterlegt. "Source" (Concord), ihr Debutalbum, wird als großer Wurf gefeiert, ob der Erwartbarkeit der Stücke überzeugt es nicht restlos.

Wenn jedoch Makaya McCraven Hand an die Aufnahmen legt, sie neu mischt und anders inszeniert, bekommt Nubya Garcias Musik einen anderen, heftigen Drive. Makaya McCraven ist, wenn man so will, der Schlagzeuger der Stunde. Der US-Amerikaner ist als Sohn eines namhaften Jazzschlagzeugers vorbelastet. Wenn er zu Sessions ruft, trifft er Kollegen und Kolleginnen live auf der Bühne. Es wird wild improvisiert, frei von der Leber weg, ohne große Verabredungen. Die Aufnahmen, die dabei entstehen, schneidet, kürzt und überarbeitet Makaya McCraven später. Oder gibt sie anderen Produzenten zu Re-Mixen. Dieses Jahr hat McCraven das letzte Studio-Album von Soul-Poet Gil Scott-Heron überarbeitet. Dafür verwendete er alte Aufnahmen seines Vaters, der einst mit Hardbop-Saxophonist Archie Shepp an der Auflösung rigider Musik- und Denk-Strukturen arbeitete. Eines der Alben des Jahres: Gil Scott-Herons "We’re New Here – A Re-Imagination By Makaya McCraven" (XL Records).

Alles, nur kein Swing!

Viele Jazzkünstler, die neue Wege beschreiten, kommen aus Ländern, deren Geschichte durch koloniale Strukturen und rassistische Ausgrenzung geprägt ist. Der Schlagzeuger Asher Gamedze beispielsweise ist Südafrikaner. Er spielt zwar mit US-amerikanischen Kollegen (wie der gefeierten Klarinettistin Angela Bat Dawid). Für "Dialectic Soul" (On The Corner Records), sein Debut als Bandleader, greift er jedoch den spirituellen Jazz der 60er Jahre auf und die leise beharrenden Spielweisen, die seine Landsleute wie Abdullah Ibrahim und Johnny Dyani während der Apartheid entwickelt haben.

Was die Alben dieser jungen Jazzkünstler verbindet, ist, dass sie A, alles mögliche, nur keinen Swing als rhythmisches Fundament nutzen. Und B, nicht in Standardbesetzungen eingespielt wurden. Von Post-American Jazz sprechen deshalb Kritiker. Höchste Zeit, dass solche Termini erfunden werden, damit anders nachgedacht wird über improvisierte Musik.

Geschätzt werden auch ungewöhnliche Klangfarben, deshalb sind Ensembles ohne behäbiges Klavier angesagt. Standards, also Klassiker aus dem Real-Book, Musicalmelodien aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die bis dato als non plus ultra im Jazz galten, sind ebenfalls out.

Lieber ungewöhnlich als mit Klavier

Verehrt werden nun aus dem Kanon bisher ausgegrenzte Größen wie Sun Ra, der afrofuturistische Bigbandleader und Philosoph eines radikalen Humanismus. Einigen kann man sich auch auf Alice Coltrane. Die Frau des großen John Coltrane spielte Harfe und nahm nach dem Tod ihres Mannes mehrere Alben mit gleichsam komischer Musik auf. Ihr Instrument – die Harfe – findet sich auf diversen, neuen Jazz-Alben dieses Jahres.

Kamaal Williams, ein Tastenkünstler aus London, hat mit seinem Album "Wu Hen" (Black Focus Records) 2020 ebenfalls für ein Highlight gesorgt. Ob es auch hierzulande Persönlichkeiten gibt, die sich dem neuen Jazz verschrieben haben? Klar: Otis Sandsjö beispielsweise. Er ist zwar Schwede, lebt und arbeitet aber seit Jahren in Berlin und hat mit "Y Otis 2" (We Jazz Records) wunderbare Zukunftsmusik abgeliefert.

Das scheint den jungen Musikerinnen und Musikern wichtig zu sein: raus aus steinalten, überkommenen Bezügen und eintauchen in ein neues, unbekanntes Reich, das sich am besten mit den Mitteln der Improvisation erforschen lässt.

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