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Positiv in die Zukunft: Harald Welzer plädiert für neue Utopien | BR24

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Die Angst geht um in diesen Tagen - Angst vor Ansteckung. Doch ansteckender als das Corona-Virus ist derzeit die Zukunftsangst. Denn wie viel Zukunftsmut haben wir noch? Und wie können wir Zukunftsmut wiedergewinnen?

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Positiv in die Zukunft: Harald Welzer plädiert für neue Utopien

Klimawandel, Artensterben, Digitalisierung der Arbeitswelt - der Blick in die Zukunft ist derzeit oft von Pessimismus geprägt. Gerade jetzt brauche es neue Utopien, sagt der Zukunftsforscher Harald Welzer, und wir müssten wieder anfangen, zu träumen.

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Der Blick auf die Zukunft - er sei in der westlichen Nachkriegsgesellschaft und generell in der Moderne stets eine Antriebskraft gewesen. Zumindest für lange Zeit, so der Zukunftsforscher Harald Welzer, Soziologe, Sozialpsychologe und Publizist.

"Irgendwann wird es keinen Hunger mehr geben. Irgendwann werden alle Menschen ein Dach über dem Kopf haben. Irgendwann werden alle Menschen in Demokratien leben und von den Menschenrechten profitieren. Das sind die Ideen der westlichen Nachkriegsgesellschaften, die sich zum großen Teil sogar verwirklicht haben." Harald Welzer

Welzer versteht moderne Gesellschaften als Entwicklungsprojekte. "Umwelten verändern sich, die Anforderungen verändern sich", so Welzer. "Das heißt, man muss immer nachjustieren." Dafür brauche es aber immer ein Ziel - eine Utopie einer möglichen Gesellschaft in der Zukunft.

Haben wir das Träumen verlernt?

Welche Gesellschaft wollen wir sein? Darüber muss dringend wieder gesprochen werden, findet Welzer. "Wann haben wir das zuletzt diskutiert? Wahrscheinlich in der Ära Brandt oder vielleicht noch etwas später. Jedenfalls lange nicht mehr." Utopisches Denken sei aus dem "mentalen Haushalt der Gesellschaft" verschwunden. Und damit nicht genug. Durch die Nachhaltigkeitsszene, zu der sich Welzer selbst zählt, und die wissenschaftliche Erforschung des Klimawandels seien Dystopien an die Stelle der utopischen Träume getreten.

"Wenn wir heute junge Menschen danach fragen, wovon sie träumen, dann trauen sie sich kaum etwas zu sagen, weil sie das Gefühl haben, Zukunft ist in jedem Fall etwas Negatives." Harald Welzer

Dass nicht einmal mehr junge Menschen Visionen von der Zukunft haben, sei ein verhängnisvoller Befund für eine moderne Gesellschaft, findet der Zukunftsforscher: "Das ist eine Bankrotterklärung schlechthin." Harald Welzer ist Mitbegründer und Direktor der Stiftung "Futurzwei", die alternative Lebensstile und Wirtschaftsformen aufzeigen will.

Utopie vom Ende des Wachstums

Seine große Utopie für das 21. Jahrhundert: "Dass wir unsere wirtschaftliche Tätigkeit auf ein anderes Naturverhältnis bauen." Wir haben unser Glück auf Konsum reduziert - so Welzers Diagnose für die moderne Gesellschaft. "Kapitalismus und Wachstumswirtschaft war wahnsinnig erfolgreich darin, Menschen hervorragende Lebensumstände zu bieten, sogar im globalen Maßstab." So gäbe es weniger Hunger auf der Welt, als noch vor zwanzig Jahren. Mehr Kinder könnten eine Schule besuchen. "Das Problem ist nur, dass das Ganze auf einen Umgang mit der Welt gebaut ist, der extrem zerstörerisch ist."

Es brauche eine Wirtschaft entgegen der immer schneller werdenden Zerstörung der Natur, die trotzdem den Menschen ein gutes Leben ermöglicht. "Auf diese Frage hat niemand eine wirklich präzise Antwort. Man muss experimentieren", so Welzer. Der Versuch wäre es aber "aller Ehren" wert, denn die Vorstellung vom unendlichen Wachstum auf einem endlichen Planeten sei zum Scheitern verurteilt.

Die Vorzüge an Veränderungen erkennen

Angst und Pessimismus sieht Welzer als schlechten Berater für den Blick auf die Zukunft. Könne man doch, mit etwas Kreativität, vermeintliche Einschränkungen auch als Gewinn begreifen. "Wenn ich mir zum Beispiel eine Stadt ohne Autos vorstelle, dann brauche ich dafür als Begründung gar nicht den Klimawandel. Weil eine Stadt ohne Autos ist die viel lebenswertere Stadt - denken Sie an Emissionen, Lärm, Sicherheit und Flächenverbrauch."

So könne aus einer Dystopie, wie der Klimakatastrophe, eine Utopie entstehen, "eine realistische Utopie, weil sie mit politischem Willen innerhalb kürzester Zeit umsetzbar wäre." Wieder Träumen lernen heißt für Harald Welzer, Lösungen für Probleme der Zukunft zu finden, die gleichzeitig mehr Lebensqualität und Fortschritt versprechen.