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Kultur

Die Serie "Pose" zeigt, wo Madonnas mutigste Ideen entstanden | BR24

© Netflix

Schauspielerin Indya Moore spielt die Transfrau Angel.

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    Die Serie "Pose" zeigt, wo Madonnas mutigste Ideen entstanden

    Eine neue Netflix-Serie widmet sich der Ballroom-Szene, in den 80ern wichtiger Treffpunkt für diejenigen, die in der Gesellschaft sonst keinen Platz hatten. Die Botschaft von "Pose" ist aber auch heute sehr aktuell.

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    Jeder von uns will etwas Besonderes sein. Auch die stilleren und ruhigeren Gemüter unter uns wollen doch zumindest, dass klar ist: Ich bin einzigartig. Scheitern tun wir dann, wenn wir uns nicht ausdrücken können. In den 80ern blühte in der Subkultur eine Gemeinschaft, die sich Orte schuf, in denen Selbstdarstellung aus Outfits, Charakter und Tanzen zur Sportart wurde - Ballrooms. Außerhalb dieser Clubabende war für viele Mitglieder dieser Community das Zurschaustellen ihrer selbst schwierig. Sie waren vor allem Homosexuelle, Transfrauen und alles andere als Teil der sehr weißen Oberschicht der USA.

    Die neue Netflix-Serie "Pose" spielt in eben dieser Ballroom-Szene. Wir Zuschauer lernen sie über einen Neuling kennen. Damon ist ein schwarzer Teenie aus einer ruhigen Nachbarschaft und vereint erst einmal so ziemlich alle bekannten Narrative in sich. Kaum kommt er von der Schule nach Hause, schmeißt er eine Kassette an und tanzt in göttlichen Bewegungen durch sein Zimmer. Bis sein Vater nach Hause kommt, das Patriarchat in Person, den schwulen Sohn verdrischt und aus dem Haus wirft. Damon ist ein Smalltown Boy, der von einer Karriere als Tänzer in der großen Stadt träumt – in der er auf Blanca trifft. Eine Transfrau, die ihr eigenes House gründet. Ein House ist der Zusammenschluss einer frei gewählten Familie, Zufluchtsort für alle, die in der Gesellschaft sonst nirgendwo einen Platz haben und – wie Damon – von der leiblichen Familie verstoßen wurden. Familienoberhäupte wie Blanca werden "Mother" genannt. Sie sind Mutter-Ersatz, Ratgeber, nehmen ihre Schützlinge an die Hand und bestimmen die Regeln des Zusammenlebens.

    Inspiration für Stars wie Madonna und Lady Gaga

    Diese Welt, in die "Pose" uns einführen will, inklusive eigenen Vokabulars, ist immer noch aktuell. Zum einen gibt’s in auch in Deutschland immer mehr "Voguing"-Kurse, die den expressiven Tanzstil der Ballrooms unterrichten, zum anderen speist sich so einiges aus dem Werk zwei der berühmtesten Popstars aus dieser Ära. Madonna sang nicht nur "Vogue" sondern holte sich Tänzer für ihre "Blonde Ambition"-Tour direkt aus den Ballrooms. Lady Gaga bezeichnete sich und ihr Team zu Beginn ihrer Karriere als "House of Gaga" und spielte in vielen frühen Songs auf diese Subkultur an. Gerade erst hat die u.s.-amerikanische Teyana Taylor ein Video zu ihrer Single "WTP" veröffentlicht, das einen modernen Ballroom zeigt.

    "Pose" will uns alles zeigen: Die Outfits, die Musik, die Kultur in all ihren Facetten, alles erklärt anhand von Neuling Damon und Mother Blanca. Die Serie ist wie ein Langenscheidt Mainstream-Subkultur, Subkultur-Mainstream - mit einer extra Portion Drama. Denn diese Ballrooms sind mehr als Vergnügen. Wer in den Wettbewerben gewinnt, erfährt Wertschätzung in der einzigen Community, deren Mitglied sie sein können.

    Das Leben als Transperson oder homosexuelle Person ist auch 2019 immer noch kein Zuckerschlecken, in den 80ern war es noch schwieriger. Blanca wird einer Bar für homosexuelle Männer verwiesen. Männer, die ihrer Transition zur Frau nähergekommen sind, genießen Aufmerksamkeit. Wer als Frau durchgeht, hat das große Los gezogen – aber eines das man sich hart erarbeiten muss, nicht zuletzt mit Operationen. "Pose" zeigt nicht nur Probleme in der Gemeinschaft und ihre Safe Spaces, sie ist auch selbst einer. "Pose" hat den größten Anteil an Transgender-Schauspielern, den es in einer Serie je gab und die Macher Ryan Murphy und Brad Falchuk haben zuvor schon Produktionen mit recht diversem Cast gemacht wie etwa "Glee" oder "American Horror Story".

    Das Setting mag alt sein, die Wahrheiten sind es nicht

    Auch wenn "Pose" in die Vergangenheit reist, so viel weiter sind wir manchmal noch gar nicht – oder nicht mehr. Die Talentshow für Drag Queens "RuPaul‘s Drag Race" wird begleitet von Diskussionen, ob ein Mann, der sich als Frau stylet, aber auch eine Frau sein will, überhaupt eine Drag Queen ist – ein Grabenkampf innerhalb einer Gemeinschaft. Donald Trump, der zu Zeiten von "Pose" noch erfolgreicher Geschäftsmann ist, regiert nun die U.S.A. Und auch der HIV-Virus, der in der Serie noch grassiert ist noch lange nicht Vergangenheit.

    © Netflix

    Sie feiern die Selbstdarstellung aus Outfits, Charakter und Tanzen: die Ballroom-Szene.

    Trotz Setting in der Subkultur ist "Pose" nicht nur eine Serie für Protagonisten der aktuellen Szene. Die Stärke von dieser Serie ist, universelle zeitlose Geschichten zu erzählen. Jede Person der Mehrheitsgesellschaft findet sich darin wieder, weil alltäglich ähnliche, wenn auch nicht derart tiefe, Kämpfe ausgetragen werden. Es fällt einmal der Satz "Eine Frau zu sein ist Arbeit". Amen. Glasdecke, Pay Gap und sexuelle Gewalt einmal beiseite, ist das tatsächliche Erfüllen von weiblichen und männlichen Schönheitsidealen harte Arbeit.

    An einem Punkt in der Serie wird eine der Protagonistinnen, eine Transfrau, gefragt, ob sie ihren Penis zeigen könne. Woraufhin sie antwortet: "Wenn du wissen willst, wer ich bin, ist das der letzte Ort, an dem du nachsehen solltest." Die Serie "Pose" ist ein großes Drama mit dem Herz am rechten Fleck und der richtigen politischen Botschaft zur rechten Zeit.

    © Netflix

    "Pose" zeigt die Ballroom-Szene in all ihren Facetten.

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