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Dschinns und Geisterjäger: Jonathan Strouds Grusel für Millionen | BR24

© dpa

Jonathan Stroud

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Dschinns und Geisterjäger: Jonathan Strouds Grusel für Millionen

Überall auf der Welt werden Jonathan Strouds Fantasy-Geschichten gelesen. Grusel ist universal, sagt der britische Schriftsteller. Eines aber wollte er niemals schreiben: einen weiteren Abklatsch der Harry Potter-Bücher.

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"Geistergeschichte gefällig? Aber gern. Ich kenn' da ein paar. Wie wär’s mit der Geschichte von dem augenlosen blauen Gesicht, das sich an ein Kellerfenster drückt? Oder mit der vom Geist des Blinden, der mit einem Taktstock aus Kinderknochen voran tappte? Wie wär’s mit dem Milchkrug, aus dem Blut geflossen kam? (...) Sucht euch eine aus. Ich hab sie alle erlebt."

"Wenn die Gänsehaut kommt und das Herz rast und die Phantasie losgaloppiert - dann erreicht man ein höheres Level von Existenz", sagt Jonathan Stroud, der Mann, der sich ausdenkt, was die Gänsehaut dann kommen lässt. Natürlich handelten Geistergeschichten von Toten, so Stroud - aber eigentlich erzählten sie uns, wie gut es sei, am Leben zu sein. Jede Epoche gibt diese Erfahrung weiter, über antike Mythen, über Frankenstein oder über Stroud. Grusel ist universal. Und so werden die Geschichten vom Dschinn Bartimäus und von den Geisterjägern der Agentur Lockwood und Co überall auf der Welt von Jugendlichen und Erwachsenen gelesen. Zum Beispiel in Bayern, wo Jonathan Stroud mal den Buchpreis Corine bekam, in London, wo er lebt, aber auch auf den Philippinen, in Thailand, in Japan, in Israel, in China, in Brasilien und so weiter und sofort. Der ganz große Erfolg kam vor etwa 15 Jahren, mit Bartimäus und dem Amulett von Samarkand. Zu einem schwierigen Zeitpunkt eigentlich, denn damals stand Fantasy-Literatur vollständig im Zeichen von Harry Potter.

Fantasy ja, aber keine weitere Harry Potter Version

Fantasy wollte er schreiben, aber nicht noch eine weitere Harry Potter Version, so erzählt Stroud bei einem Deutschlandbesuch. Und so stellte er die bekannte Konstellation auf den Kopf: Die richtig Bösen sind die Zauberer, die die Menschen unterdrücken, und der Zauberlehrling Nathanel, Bartimäus‘ Herr und Meister, ist ein ziemlich einsames und verstörtes Kind. Bartimäus, der Dschinn, ist das geknechtete und nicht besonders wohlwollende Monster, und Bartimäus ist es, der erzählt. "Mal überlegen, welche Gestalt sollte ich annehmen? Ich entschied mich für eine anmutige, anspruchsvolle Erscheinungsform, um meinen Beschwörer mit vollendetem Raffinement zu beeindrucken. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen - wenn mir ein kleines Eigenlob gestattet ist. Eine große, schillernde, perlmuttern schimmernde Gasblase rotierte in der Luft."

Besonders beliebt: die zahlreichen Fußnoten, die Bartimäus verwendet, ein Tausende Jahre alter Dschinn vierten Grades kann schließlich zu allem etwas sagen. Der Grundton ist sarkastisch – der britische Humor dürfte zum Erfolg der Reihe beigetragen haben. Sechs Millionen verkaufte Exemplare.

Stroud reagiert im nächsten Buch auf den Brexit

Bartimäus‘ Erfinder Jonathan Stroud, 48 Jahre alt, schmal, höflich und wertschätzend, thats‘s a very interesting question!, macht mehr den Eindruck eines freundlichen Grundschulpädagogen als den eines Gruselgeschichtenerzählers. Man glaubt ihm sofort, dass es ihn hart ankommt, wenn Fans ihm ein komplett neues Ende für ein Buch schreiben, weil sie Nathanels Tod in Band 3 nicht akzeptieren können. Trotzdem sei sein Ende richtig gewesen, sagt er dann entschuldigend, - künstlerisch richtig. Und außerdem hat er eh gerade einen neuen Bartimäus-Band angekündigt. Die Verhältnisse in dieser Saga spiegeln übrigens ziemlich genau das, was Brexit-Befürworter der Politik vorwerfen: ein korruptes Establishment, das bekämpft werden muss, ausgehöhlte Demokratie und eine tiefe Spaltung zwischen „denen da oben“ und „denen unten“.

Das Manuskript, an dem er gerade schreibe, sei im Grunde auch eine Reaktion auf den Brexit. Den Stroud selbst, das nur nebenbei, ganz furchtbar findet. Für ihn, den Leser und Liebhaber, sollte Fantasy tatsächlich immer möglichst viel mit der ganz realen heutigen Welt zu tun haben. Nur mit einem kleinen, fantastischen Twist eben.