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Pop und Populismus: Über die Strategien rückwärtsgewandter Stars | BR24

© Bayern 2

Bushido, Kollegah und Co. erobern mit menschenverachtenden Texten die Charts, Andreas Gabalier polarisiert mit Hakenkreuz-ähnlichen Posen. Musikjournalist Jens Balzer seziert die Aufregerthemen der letzten Jahre – mal elegant, mal messerscharf.

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Pop und Populismus: Über die Strategien rückwärtsgewandter Stars

Bushido, Kollegah und Co. erobern mit menschenverachtenden Texten die Charts, Andreas Gabalier polarisiert mit Hakenkreuz-ähnlichen Posen. Musikjournalist Jens Balzer seziert die Aufregerthemen der letzten Jahre – mal elegant, mal messerscharf.

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Popmusik ist auch nicht mehr, was sie einmal war. Den Berliner Journalisten Jens Balzer haben die Aufregerthemen des letzten Jahres, die mit Popmusik zu tun hatten, nicht losgelassen. In einer Artikelserie und dem Essay-Buch "Pop und Populismus" analysiert er das rückwärtsgewandte Weltbild von Möchtegern-Gangsta-Rappern wie Kollegah, Farid Bang oder Bushido.

"Es war erstaunlich, wie groß der Skandal um Kollegah und Farid Bang rund um den Echo 2018 war", meint Balzer im Interview. "Das hat gezeigt, dass ganz viele Leute doch überrascht waren von den Sachen, die da gerappt werden und von dem Ton, der da herrscht, von dem Sexismus und Rassismus. Das hätte man vorher wissen können. Man hat sich halt abgewöhnt, da genauer hinzusehen. Wenn man zurückschaut in die Geschichte, gab es ja doch immer Skandale und Skandälchen rund um Bushido, rund um den Gangstarap aus Berlin, grad um die Aggro-Berlin-Leute."

Jens Balzers großer Vorteil ist: Er weiß, wovon er spricht.

"Im Feuilleton sind Bushido und das gesamte Genre ignoriert worden. Zum einen weil der durchschnittliche Feuilletonist sich dafür nicht interessiert und nicht interessiert hat. Zum anderen weil es musikalisch nicht so sonderlich interessant ist. Man kann das ja jetzt nicht unter künstlerischen Aspekten ernst nehmen. Also man muss damit eher umgehen wie ein Sozialarbeiter oder Kultur-Ethnologe und dazu haben die meisten Feuilletonisten keine Lust. Und das dritte, was hinzukommt: Vieles von dem, was man an anderen Künstlerinnen und Künstlern kritisiert hätte, was diesen sexistischen und rassistischen Ton angeht, hat man bei den Deutschrappern eher durchgehen lassen, weil die so unter einer Art Welpenschutz des Migrationshintergrund-Jugendlichen gestanden haben."

© picture alliance, Ulrich Baumgarten

Musikjournalist Jens Balzer

Als Kultur-Redakteur der Berliner Zeitung hat Balzer viele Konzerte der Musiker, über die er schreibt, besucht – und er kennt das Publikum, das sich hier einfindet.

"Bei Bushido bin ich oft gewesen in den Nuller-Jahren. Es kommt im HipHop erschwerend hinzu, dass es ohnehin wenige HipHop-Künstler und wenige Rapper gibt, die eine vernünftige Bühnenshow hinkriegen. Und Bushido ist nun wirklich unglaublich langweilig auf der Bühne, also er kann ja auch nicht wirklich rappen. Das macht unter musikalischen Aspekten gar keinen Spaß. Zu Bushido und den Deutschrappern geht ein breiter Querschnitt der deutschen Mittelschichtsjugend. Also alle diejenigen, die sich vorführen lassen, wie krass das Leben im Ghetto ist, zu dem sie selber nicht gehören. Und Leute mit Aufstiegsphantasien, die man früher eher so dem spießigen Kleinbürger zugeordnet hätte, mit Glamour und Bling-Bling-Auratisierung versehen."

Von wegen Battlerap

Die Schutzbehauptung vieler Deutschrapper, um ihre blanke Menschenverachtung zu bemänteln, lautete: ihre Texte seien im Battlerap entstanden. Eine reine Ausrede, findet Balzer.

"Das Battlerap-Argument führt in diesem Fall nicht wirklich weiter, weil die Künstler, um die es da geht, gar keinen Battlerap ausführen, sondern die beleidigen halt drauf los, ohne dass sie sich wie auf einer Battlerap-Bühne ihrerseits zurückbeleidigen lassen müssten. Und das ist ja der entscheidende Unterschied. Beim Battlerap geht es darum, dass man einmal aus der Position des Aggressors und dann wiederum aus der Position des Passiv-Erduldenmüssens zu sehen ist. Und es ist ja nicht so, dass auf die Beleidigungen von Kollegah und Farid Bang gegenüber Frauen, Christen, Juden, jemand auf der Bühne sie zurückbeleidigen würde."

© Universal Music

Dieses Plattencover sorgte für Diskussionen: "Volksrock'n'Roller" von Andreas Gabalier

Aus einer anderen Ecke dröhnen die Lieder und Statements des österreichischen Sängers und selbsternannten Volksmusik-Rock’n’Rollers Andreas Gabalier. Ihm und anderen Heimatrockern widmet Balzer ebenfalls ein Kapitel über politische Ambivalenz.

"Was das Musikalische angeht, ist da ja so eine Art doppelte Nostalgie. Er verbindet Rockmusik, die sich dann doch an 50er-Jahre Rockabilly anlehnt, mit klassischen Volksmusik- und Heimatschlager-Ikonographien und -Motiven. Dazu singt er dann, wie schön es in seiner Heimat ist und wie gern er mit seinen guten Kameraden Bergtouren macht, um auf dem Gipfel des Berges das eiserne Kreuz zu sehen. Das ist dann so ein Beispiel, wo man sich denkt: Na, das Gipfelkreuz ist normalerweise aus Holz, bei allem was ich als Flachländler weiß. Und dass das aus Eisen sein muss, sagt erst einmal nichts – ist dann aber im Zusammenhang damit, dass es auch Schallplattencover gibt, wo er in einer Körperhaltung zu sehen ist, die man als Hakenkreuz deuten kann."

Helden der prästabilisierten Harmonie

Einzelaussagen sind nicht schlimm, werden sie jedoch zusammengedacht, ergibt sich ein unangenehmes, recht beschränktes Weltbild. Balzer hat sich in die Untiefen der Popkulturen für die breiten Massen begeben und die Helden der prästabilisierten Harmonie unter die Lupe genommen, die Helene Fischers, Andreas Gabaliers und Freiwilds dieser Welt.

In seinem Buch erkundet er auch die avancierten Lebensentwürfe queerer, sexuell nicht eindeutig identifizierbarer Popkünstler wie Planning To Rock, Janelle Monaé oder Sophie. Diese werden gerne im Feuilleton und in den noch vorhandenen Musikzeitschriften abgebildet, weil sie für den gesellschaftlichen Fortschritt und die freie Entfaltung des Individuums eintreten. Zu großer Form aber läuft Balzer auf, wenn er unfreiwillig trashige Gestalten wie Gabalier analysiert.

"Gabalier ist wahrscheinlich am nächsten an einer politischen Partei, nämlich der FPÖ. Auch wenn er sich niemals selber zum Sprachrohr gemacht hat, aber doch immer die Nähe zu Heinz-Christian Strache gesucht hat und sich von dem auch wiederum als Galionsfigur der österreichischen Politik hat ausrufen lassen, ohne sich dagegen zu wehren. Und er hat zu einem gewissen Teil auch deren politische Techniken des kleinen Tabubruchs und der kleinen Grenzverschiebung nach rechts vorweggenommen, dieses 'Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen' bei gleichzeitiger Relativierung, wenn es Nachfragen und Kritik gab. Dieser Dreischritt aus Provokation, Grenzüberschreitung und Relativierung und Viktimisierung als Drittes findet sich schon Ende der 90er-, Anfang der Nuller-Jahre bei ganz vielen Popkünstlern und gerade auch Musikern, um die es in meinem Buch geht."

"Pop und Populismus" von Jens Balzer ist in der Edition Körber erschienen.

© Edition Körber

Der Essay-Band "Pop und Populismus" von Jens Balzer

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