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Pop Punk Politik - Die 1980er Jahre in München

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    "Pop Punk Politik": Die Münchner Subkultur der 80er

    Der Titel "Pop Punk Politik" verrät es schon: Es geht in der Ausstellung im Münchner Literaturarchiv Monacensia nicht nur um Literatur. Roderich Fabian hat vor der offiziellen Eröffnung, die corona-bedingt verschoben wurde, einen Einblick bekommen.

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    Von
    • Roderich Fabian

    Heute sollte in der Münchner Monacensia, also dem Literatur-Archiv der Stadt, eine neue Ausstellung eröffnet werden: "Pop Punk Politik - Die 1980er Jahre in München". Leider müssen sich die Macher und das Publikum noch etwas gedulden, da wegen Corona sämtliche Museen im Freistaat geschlossen bleiben müssen. BR-Musikkritiker Roderich Fabian hat sich vom Kurator vorab durch die Ausstellung führen lassen.

    Goetz: "Ich schneide ein Loch in meinen Kopf"

    "Dieses ganze G’schwerl, diese Nullenpack soll ruhig noch jahrelang 'Big Sinn' vertreten", sagte Schrifsteller Rainald Goetz 1983 beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Mit diesem Auftritt wurde er berühmt. Weiter sagte er: "Ihr könnt’s mein Hirn haben. Ich schneide ein Loch in meinen Kopf, in die Stirne schneide ich das Loch. Mit meinem Blut soll mir mein Hirn auslaufen."

    Ein Klassiker, der Fernsehmitschnitt der Lesung von Rainald Goetz 1983 beim Ingeborg-Bachmann-Preis, also der skandalöse Auftritt, als sich der Autor die Stirn mit einer Rasierklinge aufschneidet - das kann man hier anschauen. Ralf Homann, der Künstler und Kurator dieser Ausstellung, ist von Goetz' Auftritt nach wie vor begeistert. Im ersten Raum hat er versucht, den politischen Zeitgeist der 80er insgesamt abzubilden. Hier geht es darum, dass viele junge Leute genug hatten vom Pathos der 68er, von den Ansprüchen nach Verbesserung der Welt und den verhärteten Auseinandersetzungen mit der Eltern-Generation.

    Ralf Homann meint, plötzlich ging es um Realismus und Machbarkeit und schaut dabei weit über die Stadt München und über den Kalender hinaus. "Bei mir in der Ausstellung gehen die Achtziger '78 los, nämlich mit dem großen Tunix-Kongress in Berlin: 20.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, und da wird quasi die Alternativ-Bewegung gegründet, sagen die einen. Ich sage: Die Projektemacherei beginnt ab da."

    Da nehme man sich Projekte vor, vom Selber-Lebensmittel-Herstellen, solidarische Landwirtschaft über die eigene Tageszeitung "taz", die dann entstehe, "diese ganzen Projekte, die dann immer wieder auftauchen: Eigene Buchläden, eigene Medizin, alles, was wir heute kennen: alternative Vorstellungen."

    Genuss statt Selbsterkenntnis, Ironie statt bierernst

    Und diese Vorstellungen gab es eben sogar in der Stadt München, deren subkulturelle Szene in den weiteren Räumen präsentiert wird. Allerdings: Die Szene war klein - auch damals zogen viele nach Berlin, wo man günstiger "alternativ" leben konnte. Dabei wird auch deutlich, dass die 80er ein Jahrzehnt des Übergangs waren. Wo Rock-Bands wie Sparifankal und die Stadtzeitung "Das Blatt" noch vom Welt-Veränderungsgeist der 68er beseelt waren, verändern neu gegründete Publikationen in den 80ern den Fokus, feiern Genuss statt Selbsterkenntnis, Ironie statt Bierernst, Gegenwart statt Zukunft.

    Kurator Ralf Homann erzählt: "Am Anfang haben wir noch Sparifankal und das 'Blatt', und dann kommen wir halt hier zu Elaste, Mode & Verzweiflung, die sehr berühmt geworden ist, aufgrund der Autoren, hier mit Christoph Schlingensief, der damals ja auch in München war - auf der anderen Seite eben die Fanzines: Lorenz Lorenz mit "Die Einsamkeit des Amokläufers" oder hier Marc Sargent mit seinem Fanzine "Viva", eine der ersten Ausgaben mit einem Treatment zu einem Film, in dem Punks Popper schlagen und umgekehrt und am Ende hauen sie die Fascho-Skins."

    "Fuck Art, let’s dance" und "No Future"

    Die neue Sichtweise auf die Welt repräsentiert auch der Münchner Punk-Poet Lorenz Lorenz in einem Video von 1982, das damals auch im Bayerischen Fernsehen lief: "Wir betrachten unsere Gefühle, unsere Ängste mit einem zynischen, mit einem destruktiven Realismus." Und danach stößt Lorenz Lorenz, der selbsternannte 'König von München' im Stile der Genialen Dilettanten ins Saxophon.

    Die Vernebelung durch Drogen, die Sehnsucht nach Indischer Weisheit: Meditation und Schamanismus - all das ist für die neue Szene passé. Stattdessen gilt nun das "Ja zur Modernen Welt", wie es der spätere Suhrkamp-Autor Thomas Meinecke formuliert. "No Future", "Fuck Art, let’s dance" oder "Gefühl und Härte" - Ralf Homann hat die Slogans der 80er in seine Ausstellung integriert.

    "Dieser Übergang vom Punk hinüber zu den Lifestyle-Fragen - da geht’s eben um Luxus", sagt Homann. "So Zeitschriften wie 'Tempo' oder auch der 'Wiener' hatten ja das interessante Phänomen, dass sie sehr viel über Luxus berichtet haben. Allerdings die Anzeigen, die man liest, sind eher für die Zielgruppe, die das Geld nicht hat. Der Anzeigenteil und der redaktionelle Teil sind immer bei diesen Lifestyle-Blättern deutlich auseinandergefallen. Die Leute wollten Luxus, konnten ihn sich aber eigentlich nicht leisten."

    Falco: "Wer sich an die 80er erinnern kann, der hat sie nicht erlebt."

    Die Ausstellung macht aber auch klar, dass viele Themen, die heute die Diskurse bestimmen, auch damals schon in München literarisch und aktionistisch verhandelt wurden. Ob das der Kampf gegen die Nazi-Skinheads war, die Rechte von Trans-Menschen oder der Feminismus: "Da haben wir auch einige Beispiele für Frauen- und Lesbenliteratur, die sich formiert.

    Was sich in den 80er Jahren nicht formiert, ist das, was wir heute queer nennen. Weil: das Wort gab’s einfach noch nicht. Und die ganze Ausstellung, da arbeite ich so, dass ich nicht versuche, Begriffe zu übernehmen, die von heute auf die Vergangenheit drübergestülpt werden, dann so nach Wurzeln suchen würden. Das tue ich nicht."

    Stattdessen ist ein tiefer, historischer Einblick in die Münchner Subkultur entstanden, der auch für Leute interessant sein dürfte, die in den 80ern noch gar nicht geboren waren. Und vielen Veteranen jener Zeit dürfte es gehen wie Falco, dessen Zitat gleich am Anfang der Ausstellung in großen Lettern zu lesen ist: "Wer sich an die 80er erinnern kann, der hat sie nicht erlebt."

    Zugang zur Ausstellung besteht ab dem Tag, an dem die Corona-Inzidenzen Ausstellungsbesuche wieder zulassen.

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