BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© ZDF/Jens Koch
Bildrechte: ZDF/Jens Koch

Jan Böhmermann

Per Mail sharen

    "Polenta und Polente": So knöpft sich Böhmermann die Polizei vor

    Immer wieder machen Fälle von Polizeigewalt Schlagzeilen, mal geht es um Drogen, mal um Rassismus, mal um krumme Geschäfte. Im neuen "ZDF Magazin Royale" widmet sich der Satiriker der Blaulicht-Szene und verrät die Kennziffer für "Porno gucken".

    Per Mail sharen
    Von
    • Peter Jungblut

    Er ist tatsächlich ein Bremer Polizistensohn und widmete sich in seiner aktuellen Sendung "Polenta und Polente" – beides löst bei Jan Böhmermann offenkundig Abwehr-Reflexe aus. Obwohl, zum Auftakt seines "Magazin Royale" im ZDF am späten Freitagabend sagte er: "Die deutsche Polizei liegt mir am Herzen – so sehr, dass ich mich wie eine Bullenmutter vor die Polizei stelle und sie verteidige, zur Not sogar gegen den Bundesinnenminister." Er habe sogar mal eine Hymne für die Polizei geschrieben, so Böhmermann, die Uniformierte allerdings "nur heimlich geil finden dürfen, neben dem Horst-Wessel-Lied".

    "Wir müssen gut schießen lernen"

    Die deutsche Gesellschaft habe sich in den letzten dreißig Jahren gewaltig verändert, die Polizei weniger. Um das zu belegen, spielte Böhmermann zwei Aussagen von Polizei-"Aussteigern" ein, die Jahrzehnte auseinander liegen. So sagte der erste Augenzeuge in einer schon historischen Aufnahme, es gebe "gewisse braune Strömungen in der Polizei, die Ausnahmen sind, aber leider ist die Masse nicht in der Lage, diesen Ausnahmen entgegenzutreten". Polizeischüler Simon Neumeyer bestätigte das: "Ich habe ganz unterschiedlichen Rassismus erlebt, zum Beispiel die Aussage vom Schießlehrer, wir müssten gut schießen lernen, weil so viele Geflüchtete nach Deutschland kommen."

    "Unsere Sicherheitsbehörden sind ein Juwel", twitterte der Sprecher des Bundesinnenministeriums, Steve Alter. Für Böhmermann nicht ohne Weiteres nachvollziehbar, denn nach Aussage von Fachleuten hätten 15 bis 20 Prozent der Polizisten "gefestigte, rassistische Einstellungen": "Unsere deutsche Gesellschaft ist geprägt von Vorurteilen gegenüber allen, die nicht Torsten, Melanie und Thomas heißen." Zwar würden rund 2.000 polizeiliche Übergriffe jedes Jahr von Staatsanwälten "bearbeitet", angeklagt werde aber nur ein "winziger Teil" der Beschuldigten, nämlich etwa zwei Prozent, was nicht einmal 40 Fällen im Jahr entspreche. Zum Vergleich verwies Böhmermann darauf, dass von anderen Beschuldigten 20 Prozent vor dem Richter landeten, also "zehn Mal mehr".

    © Daniel Karmann/Picture Alliance
    Bildrechte: Daniel Karmann/Picture Alliance

    Absperrung in Nürnberg

    Mit Hilfe eines NS-Propaganda-Plakats untermauerte der Satiriker seine Behauptung, den Satz "Die Polizei, dein Freund und Helfer" hätten die "Nationalsozialisten groß gemacht": "Wenn wir Freunde bleiben wollen, brauchen wir Transparenz und unabhängige Kontrollen." Genau damit stehe es aber nicht zum Besten, im Gegenteil. Die Extremismus-Beauftragte der Polizei von Essen-Mülheim sei ausgerechnet die Ehefrau des dortigen Polizeichefs. Und Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul, der aussehe wie ein "müder Uhu aus Salzteig", war dabei zu beobachten, wie er im Zusammenhang mit rechtsradikalen Umtrieben bei den Ordnungshütern erst von "17 Einzelfällen" redete, schließlich in einer Pressekonferenz aber doch zugeben musste, dass es sich nicht mehr um "Einzelfälle", sondern um ein auch zahlenmäßig schwerwiegenderes Problem handelt.

    Holger Stahlknecht war noch auf dem Foto

    Dass die Aktualität mitunter sogar das "Magazin Royale" überholen kann, erwies sich bei einem eingeblendeten Gruppenbild der deutschen Innenminister: Holger Stahlknecht, der bisherige Amtsinhaber in Sachsen-Anhalt, wurde offenbar während der Aufzeichnung entlassen. Bemerkenswert, dass Böhmermanns Redaktion einem fünf Jahre alten Fall hinterher spürte. 2015 war ein Berliner Polizist damit unangenehm aufgefallen, dass er zu Weihnachten Karten mit Adolf Hitler als Nikolaus samt Spruch "Ho-Ho-Holocaust" verschickte. Inzwischen sei der Betroffene zum Kriminaloberkommissar befördert worden, so Böhmermann.

    Manches lag lange zurück, etwa der Aufruhr über einen Karikaturenkalender des bayerischen Landesverbands der Polizeigewerkschaft, der 2012 vom Münchner Polizeipräsidenten verboten wurde. Es fanden sich dort rassistische Bilder mit Sprüchen wie "Die Grünanlagenverordnung gilt auch für Weise aus dem Morgenland". Und dass der jetzige Bundesfinanzminister Olaf Scholz als Hamburger Innensenator die Verabreichung von Brechmitteln beim Verhör von Drogen-Dealern erlaubte, geschah bereits 2001 – ist also so alt, dass es womöglich der ein oder andere TV-Zuschauer schon wieder als Neuigkeit wahrnahm.

    Kennziffern für Pornos, aber nicht für Rassismus

    Mit den Nazis bei der Polizei sei es wie mit der Kelly-Familie im Fernsehen: "Irgendeiner ist immer dabei." Böhmermann nannte außerdem andere kriminelle Machenschaften unter Uniformierten, so sollen sie sichergestellte Fahrräder weiterverkauft haben, stehen in München unter Drogen-Verdacht und wurden von einer Überwachungskamera dabei ertappt, wie sie das schwer beladene Fahrrad eines Obdachlosen umwerfen: "Die Polizei ist nicht das Spiegelbild der Gesellschaft, sie muss besser sein."

    Aufschlussreich war eine präsentierte Liste mit den Kennzahlen für verschiedene Dienstpflichtverletzungen. So wird das "Porno gucken" unter der Ziffer 792 erfasst, das "Pornos verbreiten" unter 793. Für einmaligen Alkoholmissbrauch im Dienst gilt die 700, für mehrmalige Verstöße die 701. Was sich so penibel anhört, ist es allerdings nicht: Fast ein Drittel aller Vergehen wird unter "Sonstiges" erfasst, weil es für Rassismus nämlich gar keine Kennziffer gebe.

    Abschließend hieß es in einem rasant verfilmten Rap mit dem Titel "Recht kommt – K.O. im K.A.": "Ich spiel Schach mit Baseballschläger."

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!