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Pointen, Paare und Pantoffeln: "Halbe Wahrheiten" in München | BR24

© Alvise Predieri/Komödie im Bayerischen Hof

Alles muss an den Tisch

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    Pointen, Paare und Pantoffeln: "Halbe Wahrheiten" in München

    Mit dieser Verwechslungskomödie landete der englische Komödien-Autor Alan Ayckbourn einst seinen ersten großen Erfolg. Auch in München ist der Abend unterhaltsam, vor allem dank der Männer. Christine Neubauer dagegen fremdelt etwas mit ihrer Rolle.

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    Ausgerechnet die Pantoffeln bringen es an den Tag, nämlich dass es in diesem Schlafzimmer nicht ganz so bieder zugeht, wie es die quietschbunte Teddybären-Tapete nahelegt. Wem gehören die Pantoffeln unter dem Bett? Das fragt sich der jung verliebte Florian erst selbst, das fragt er schließlich seine quirlige Franzi, das fragen sich in den nächsten knapp zwei Stunden noch andere, aber gelöst wird das Rätsel bis zuletzt nicht – oder doch? Es geht schließlich um "Halbe Wahrheiten", wie der Titel dieses Stücks schon nahelegt, und damit kennen sich halt die Engländer am Besten aus, spätestens seit Oscar Wilde und dessen köstlichen Gesellschaftskomödien. Einer seiner würdigen Nachfolger ist Alan Ayckbourn, seit 23 Jahren Ritter des Königreichs und einer der besten und erfolgreichsten Bühnenautoren der Insel.

    In Beziehungen sind keine Beichten zu erwarten

    Mit den „Halben Wahrheiten“ („Relatively Speaking“ bzw. „Meet My Father“) landete Ayckbourn 1965 seinen ersten großen Erfolg, und tatsächlich ist das Vier-Personen-Stück unverwüstlich, geht es doch um eine Reihe von Verwechslungen und die alte Erkenntnis, dass in Beziehungs-Angelegenheiten allenfalls Teilgeständnisse zu erwarten sind, keinesfalls jedoch rückhaltlose Beichten. Der durch die erwähnten Pantoffeln misstrauisch gewordene Flo besucht die vermeintlichen Eltern seiner Franzi und staunt nicht schlecht über das, was ihn dort erwartet, in Bad Tölz am "Waldrand". Tatsächlich leben dort nämlich nicht ihr Vater und ihre Mutter, sondern ihr Ex-Liebhaber und dessen schwer genervte Frau. Klar, dass sich da Verwicklungen ergeben und ebenso gewiss, dass sich diese bei einem britischen Autor nicht alle rückstandsfrei auflösen. Ganz im Gegenteil, Flo und Franzi werden heiraten, aber es ist mit Händen zu greifen, dass ihre Ehe nicht anders verlaufen wird als die meisten anderen, nämlich voller "Halber Wahrheiten".

    © Alvise Predieri/Komödie im Bayerischen Hof

    Alles rosarot

    Der österreichische Regisseur Anatol Preissler lässt die Geschichte in der Komödie im Bayerischen Hof routiniert abschnurren, kein Wunder, hat er doch rund 100 Inszenierungen hinter sich. Vor allem glänzen in diesem Fall jedoch die beiden Männer, Sigmar Solbach als nicht gerade in Demut alt gewordener Philipp und Thomas Stegherr als etwas einfältiger, aber rundherum liebenswerter Flo. Die beiden tragen diesen Abend mit ihrer Ausstrahlung, ihrer Präsenz, ihren stets treffenden Pointen. Der siebzigjährige Solbach, bekannt aus Fernsehserien wie "Dr. Stefan Frank" und "Das Erbe der Guldenburgs", hat im "richtigen" Leben ja gerade die Tochter seiner Ehefrau adoptiert, wie er soeben der „Bunten“ verriet, und wurde dadurch auch gleich doppelter Opa.

    Er liest seiner Frau gern Anekdoten vor

    Er kennt sich also aus mit familiären Verwicklungen und das ist diesem lebenserfahrenen, herrlich entspannten und sympathischen Schauspieler jederzeit anzumerken. Überzeugend, wie er den leicht frustrierten Philipp spielt, der es nochmal mit einer jungen Kollegin treibt und von einer sechswöchigen Europa-Reise mit ihr träumt, tatsächlich jedoch ein häuslicher Rentner ist, der gern die Blumenbeete umgräbt und seiner Frau beim Frühstück Anekdoten aus der Zeitung vorliest.

    © Alvise Predieri/Komödie im Bayerischen Hof

    Böse Überraschungen

    Der als Sprecher und Autor viel in der Synchron-Branche tätige Thomas Stegherr ist als verliebter Ehe-Anwärter, der sich von einem Paar Pantoffeln fast in den Wahnsinn treiben lässt, ein wunderbar glaubwürdiger jugendlicher Held. Er überzeugt vor allem deshalb, weil er den anderen immer an den Lippen hängt, auf jede ihrer Bemerkungen sofort reagiert, sei es mit Worten, sei es mit seiner Mimik. Da wirkt nichts aufgesagt oder memoriert. Gleichzeitig ist er so natürlich, dass sich Männer aller Generationen in ihm wiederfinden.

    Christine Neubauer überzeugt nicht

    Ganz soviel Glück hatte Christine Neubauer mit ihrer Rolle als gelangweilte Ehefrau nicht. Sie schwankte ständig zwischen ihrem Image als männerverschlingendem "Vollweib" und einer besorgten Hausfrau hin und her, beides war nicht so recht überzeugend. Da schien Regisseur Anatol Preissler von der Besetzung irritiert gewesen zu sein oder keine gute Idee gehabt zu haben, denn so mondän und verunsichert, wie die Neubauer auf ihren hohen Absätzen über den Kunstrasen-Teppich stakste und Sherry schlürfte, war ihr wirklich nicht abzunehmen, dass sie ihrem Ehemann jeden Morgen die Klamotten bereit legt und sogar die Badewanne säubert. Gut, Philipp erwähnt irgendwo, dass sie "monatlich 4000 Euro" kostet, also eine teure "Anschaffung" ist, aber das hätte ganz anders rüberkommen müssen. So richtig wohl schien sich Christine Neubauer jedenfalls nicht zu fühlen, und als sie eine Weißwurst mit süßem Senf bestreicht und betulich zum Mund führt, wirkt das eher bizarr als alltäglich.

    © Alvise Predieri/Komödie im Bayerischen Hof

    Teddybär und Pyjama

    Julia Uttendorfer als Franzi, die einzige, die ständig den Überblick hat und die „Vollen Wahrheiten“ kennt, war als schlitzohrige Doppel-Geliebte etwas zu brav und hektisch. Mehr Durchtriebenheit hätte ihr gut gestanden, zumal bis zum Schluss offen bleibt, wie aufregend ihr Liebesleben nun tatsächlich ist. Als Mini-Rock-Venus, wie sie Philipp in seinen sexistischen Alt-Männer-Träumen beschreibt, war diese selbstbewusste, etwas zickige Blondine jedenfalls undenkbar.

    Insgesamt freilich ein temporeicher, witziger Komödien-Abend im gewohnt blütenreichen, lichtdurchfluteten Bühnenbild von Theaterchef Thomas Pekny. Wer mal dabei zuschauen will, wie andere Leute ihre Probleme auf unterhaltsamste Art (nicht) lösen, ist hier richtig. Freundlicher, wenn auch kein überschäumender Applaus.

    Noch bis 1. November 2020 an der Komödie im Bayerischen Hof

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