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Von der Hoffnung, die darin steckt, Geschichten zu erzählen: Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase und seine Geschichten.

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Poet der kurzen Form: Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase wird 90

Kohlhaase machte sich mit seinen Büchern für die Filme von DDR-Regisseur Konrad Wolf früh einen Namen, 2005 schrieb er für Andreas Dresen "Sommer vorm Balkon". Ein Meisterwerk seiner Dialogkunst und Beweis seiner Neugier auf Menschen und ihr Leben.

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Von
  • Knut Cordsen

Man erzählt, glaubt Wolfgang Kohlhaase, was man erzählen kann. Und das bedeutet: Man erzählt, was man kennt. "Ich bin auf jeden Fall ein Freund vom Alltag, von alltäglichem Drama, von alltäglicher Tapferkeit." Diesen Alltag findet man in den Erzählungen wieder, die nun zum 90. Geburtstag Wolfgang Kohlhaases wiederveröffentlicht werden.

In der meisterhaften Geschichte "Silvester mit Balzac" etwa heißt es von einer seiner Figuren, sie sei "unbeirrt gespannt auf das zufällige, tägliche menschliche Leben, das wie ein unerschöpflicher Brei über den Rand des Topfes quoll und von dem sich die Dichter nähren sollten".

Die Hoffnung des Geschichtenerzählers

Wolfgang Kohlhaase selbst sagt, er versuche nur eines, und zwar Geschichten zu erzählen: "In Geschichten erfährt man etwas über die Welt und über sich selbst. Und vielleicht liegt eine grundsätzliche Hoffnung in dem Umstand, dass Menschen sich Geschichten erzählen – solange sie das noch tun, nehmen sie einander wahr, sehen sich an und hören sich zu."

Kohlhaases dreizehn Geschichten sind moderne Klassiker. Lakonisch im Ton und getragen von einer großen Menschenliebe, zeigen sie, dass dieser große Drehbuchautor von der Literatur kommt. Nicht zufällig spielen einige der hier versammelten Geschichten im Krieg und in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in jener Zeitenwende, die Wolfgang Kohlhaase wie keine andere prägte.

Immer auf eine Pointe aus

"Wenn wir jetzt so oft das Wort Wendezeit verwenden in Bezug auf 89: Das war mehr, eher eine Zeitenwende. Dieser Frühling hat für mich, glaube ich, für die Leute vergleichbaren Alters in Ost wie in West, die Richtung des Lebens geändert. Da ging noch mal etwas ganz anders, und die Welt zu entdecken, die Literatur zu entdecken und sich selbst zu entdecken, das war ein glücklicher Moment, wo das alles zusammen zu passen schien."

© Cover: Verlag Klaus Wagenbach / Collage: BR
Bildrechte: Cover: Verlag Klaus Wagenbach / Collage: BR

Das Cover von Wolfgang Kohlhaases "Erfindung einer Sprache und andere Erzählungen".

Damals tauchte auch, erzählt Kohlhaase weiter, ein neuer Typ Literatur auf, nämlich die amerikanischen Kurzgeschichten: "Die immer auf eine Pointe hinaus gingen, die heute im New Yorker stehen, diese Art von kurzer Prosa, und das habe ich dann versucht nachzumachen." Man muss bei diesen Kleinodien an Raymond Carver und Anton Tschechow denken: Kein Wort zu viel.

Kunst des Dialogs

Beim Lesen der Titel gebenden Erzählung "Erfindung einer Sprache" fällt sofort Kohlhaases Kunst des Dialogs ins Auge: Hier ist es das Gespräch zwischen einem Lagerinsassen und einem Kapo. Der Häftling gibt vor, seinem Bewacher Persisch beibringen zu können, obwohl er kein Wort Farsi spricht. Also erfindet er in seiner Not eine Sprache, in der er den anderen unterrichtet.

Ein Spiel auf Leben und Tod – denn natürlich darf der Schwindel keinesfalls auffliegen. "Ein falscher Satz kann viel Schaden anrichten und ein richtiger Satz im falschen Moment auch", weiß der jugendliche Ich-Erzähler in "Inge, April und Mai", der Geschichte einer ersten und natürlich unglücklichen Liebe kurz nach Kriegsende.

Gefühle, scheu versteckt

Der Regisseur Andreas Dresen, der 2004 von Wolfgang Kohlhaase das kurze, nur dreißigseitige Skript zum späteren Film "Sommer vorm Balkon" zugeschickt bekam, schreibt im Nachwort: "Die Kunst von Wolfgang Kohlhaase ist Poesie in Kurzform. Pathos oder Sentimentalität sind ihm fremd, Gefühle verstecken sich scheu zwischen den Zeilen und überraschenden Wendungen.“ Paradigmatisch ist auch für Andreas Dresen der berühmte Dialog aus dem Anfang des Films „Solo Sunny".

Wolfgang Kohlhaase: "Der Anfang ist: Ein Morgen bricht an. Sie zieht den Vorhang weg. Sie hat einen Kavalier mitgenommen, einen Lover – und sie zieht den Vorhang weg und sagt: 'Is ohne Frühstück.' Worauf der sagt: 'Na hör mal. Das ist ja unfreundlich. Ick bin deinetwegen extra nicht arbeiten gegangen. Was ist denn los?' Und daraufhin sagt sie: 'Is auch ohne Diskussion.' (schmunzelt)"

Nun wird also dieser große Drehbuchautor und Schriftsteller 90 Jahre alt. Und wie hält es so einer wie Kohlhaase, der heute in Bad Saarow lebt, mit dem Alter? "Ich glaube, wenn du aufhörst, neugierig zu sein – nicht wenn dir die Treppen schwer fallen, sondern wenn du aufhörst neugierig zu sein, bist du alt."

Man sollte ihm zu Ehren all seine 1977 erstmals erschienenen, jetzt zum Geburtstag neu aufgelegten Erzählungen wieder lesen. Es lohnt sich. Sehr sogar.

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