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Was tun, wenn der eigene Mann die Ehe und das Leben zerstört? | BR24

© Bayern 2

Die Schweizer Regisseurin Christine Repond fand den Stoff für ihren zweiten Spielfilm im direkten Umfeld: Ein befreundeter Arzt erzählte ihr die Geschichte einer älteren Frau, die – ohne es zu wissen – HIV-positiv war. Angesteckt von ihrem Ehemann.

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Was tun, wenn der eigene Mann die Ehe und das Leben zerstört?

Meredith ist HIV-positiv – ihr Mann hat sie angesteckt, hat sie nach Strich und Faden betrogen, ihre Ehe und ihre Gesundheit zerstört. Aber was tun? Barbara Auer spielt in "Vakuum" eine Frau, die nach Jahren des Glücks eine Entscheidung treffen muss.

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Es ist ein altes Paar, das nebeneinander im Bett liegt, Scherze miteinander treibt und sich in den Arm nimmt. 35 Jahre sind Meredith und André verheiratet - und diese Szene erzählt einiges über die Zärtlichkeit der beiden und ihre Vertrautheit. Keine Frage, wie sich die Körper bewegen müssen, um sich aneinanderzuschmiegen, keine Frage, ob das müde Murmeln nun einer Zustimmung gleichkommt oder "Lass mich in Ruhe" bedeutet. Nicht anders, als sich das Paar am Abend wiedertrifft. Mit zwei Gläsern Wein, Stift und Papier - schließlich muss die Einladung zum 35. Hochzeitstag geschrieben werden.

Wer ist der Mann an meiner Seite?

Am nächsten Tag erhält Meredith eine Nachricht, die diese Vertrautheit von Grund auf in Frage stellt: Sie, die sich gesund wähnte – agiler auf jeden Fall als ihre Tennis-Freundinnen – ist HIV-positiv. Das Befremdliche: Meredith schweigt. Kein Wort zu André, als er am Abend nach Hause kommt, kein Wort, bevor sie das nächste Mal miteinander schlafen. Stattdessen durchsucht sie seine Belege und Notizbücher, steigt in ihr Auto, als er in seines steigt. Und erst, als sie ihn vor einem Häuserblock in der Prärie aussteigen sieht und den Puff im obersten Geschoss mit eigenen Augen gesehen hat, konfrontiert sie ihn, nackt und nass im gemeinsamen Badezimmer, mit dem Vorwurf, von dem sie seit der Diagnose überzeugt gewesen sein muss:

Du fickst Nutten und ich bin HIV positiv.

Viel mehr wird lange nicht gesagt. Keine wortreichen Reuebekenntnisse, keine tränenreichen Schuldzuweisungen. Überhaupt kommt der Film ohne viel Sprache aus. Christine Repond macht die Gefühle lieber körperlich sichtbar. Das beginnt schon mit dem Husten, der plötzlich nicht mehr aufhört, als Meredith kurz nach der Diagnose neben André im Ballett sitzt. Sie weiß noch nicht, ob ihre Anschuldigungen stimmen. Aber sagt dieser Husten, der ihr den Schweiß auf die Stirn treibt und sie den Platz neben ihrem Mann räumen lässt, nicht genug darüber aus, wie viel Nähe sie noch erträgt? An einem anderen Abend nimmt sie heimlich an seinem Schreibtisch Platz. An dem Schreibtisch des großen Architekten, dem sie ein harmonisches Familienleben und stets saubere Fenster geboten hat. Nun sitzt sie in seinem Reich und zwickt fast zwanghaft an seinem Modellbau herum. Eine Pappwand nach der nächsten fällt, bis vom Miniatur-Obergeschoss nichts mehr übrig ist. Auch das ein stilles Bild, das vom Zorn dieser Frau erzählt, ohne dass er erklärt würde. Erklären, reden überhaupt wird Meredith erst wieder mit Fremden, die ihr Schicksal teilen:

Mein Mann. Wir sind jetzt seit Kurzem getrennt und das Schlimmste ist, ich vermisse ihn. Ich vermisse unser altes Leben.

Das alte Leben mit André, das neue Leben ohne ihn, die Varianten des Lebens, die sie hätte wählen können, aber ausgeschlagen hat – Karriere statt Kinder, ein anderer Mann. Es bleiben Gedankenspiele. Denn eigentlich kann sich Meredith – sehr einfühlsam gespielt von Barbara Auer – ein Leben ohne ihren Mann schlicht nicht vorstellen.

"Vakuum" ist (wie die Figuren selbst) zu sprachlos, um endgültig zu klären, ob es sich wirklich gemeinsam weiterleben lässt mit der Schuld, die zwischen den beiden steht. Aber es ist doch sehr berührend, wie sie versuchen, das gemeinsame Leben auseinander zu dividieren, um dann doch wieder beieinander zu landen, wie sie abwägen, welcher Schmerz am Ende erträglicher ist, der Schmerz im Zusammensein oder der im Auseinandergehen.

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