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Platz für neue Städte: War das Mittelalter mutiger als wir? | BR24

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Otto von Freising hielt die Wittelsbacher noch für eine "Räuberbande", doch die adeligen Aufsteiger setzten sich durch - mit aggressiven Städte-Gründungen und viel Risikobereitschaft. Davon erzählt die neue Landesausstellung in Friedberg und Aichach.

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Platz für neue Städte: War das Mittelalter mutiger als wir?

Otto von Freising hielt die Wittelsbacher noch für eine "Räuberbande", doch die adeligen Aufsteiger setzten sich durch - mit aggressiven Städte-Gründungen und viel Risikobereitschaft. Davon erzählt die neue Landesausstellung in Friedberg und Aichach.

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Ja, es war ein "steiniger Weg" bis zu dieser Ausstellung, und zwar im doppelten Sinne, mit und ohne Ärger. Häuser und Brücken aus Stein, die hatten im frühen Mittelalter Seltenheitswert, fast alles war damals noch aus Holz. Deshalb mussten viele Brücken auch jeden Winter auf- und abgebaut werden, sonst hätten sie den Eisgang nicht überlebt. Und die Straßen und Plätze, die waren zunächst nur in Cham, Regensburg und Straubing gepflastert - insofern war es damals eine Sensation, als auch Deggendorf festen Boden unter die Füße bekam.

Streit ums Motto

Steine waren also ein Zeichen des Fortschritts, wie die Landesausstellung sehr eindrücklich zeigt, aber sie lagen in diesem Fall eben auch im Weg: Es gab Streitereien um das Konzept, und einen massiven Eklat um das ursprünglich geplante Motto, "Stadtluft macht frei". Das klinge nach dem Nazi-Spruch "Arbeit macht frei", hieß es im Frühjahr letzten Jahres von Kritikern, darunter auch Charlotte Knobloch, die Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München. Sie wurde, so der Chef des Hauses der Bayerischen Geschichte, Richard Loibl, in einem Beitrag für den Ausstellungskatalog, von Journalisten zwischen "Tür und Angel" um eine Stellungnahme gebeten und sei "überrascht" gewesen, was wohl nahelegen soll, dass sie sonst vielleicht anders reagiert hätte.

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Umstrittenes Motto, diesmal erklärt

Daraufhin mussten die Ausstellungsmacher den Titel jedenfalls "wider besseres Wissen", so Loibl, abändern, auf das etwas sperrige und gänzlich unhistorische "Stadt befreit". Den Vorgang nennt er eine "bittere Lektion" und kritisiert vor allem den Bayerischen Rundfunk, ausgerechnet den Medienpartner, der den Streit damals durch seine Berichterstattung hochgezogen habe. Und nach alldem findet sich jetzt in der Ausstellung doch wieder der berühmte Grundsatz "Stadtluft macht frei", deutlich sichtbar an einer Texttafel.

"Wir mussten reagieren"

Skandalös ist das natürlich nicht, sondern gewissermaßen folgerichtig, wird das im Vorfeld so heiß debattierte Motto doch hier in seinen historischen Zusammenhang eingeordnet. Richard Loibl: "Es wird entsprechend erklärt. Wir haben ja damals die Konsequenzen gezogen. Wir mussten reagieren, nachdem von einer Augenzeugin des Holocaust die Verbindung hergestellt worden ist, da war das Thema da, auch, wenn der Spruch 'Stadtluft macht frei' mit 'Arbeit macht frei' überhaupt nichts zu tun hat. Das war auch von einem Medium so provoziert worden. Deshalb mussten wir reagieren, aber in der Ausstellung haben wir natürlich die Chance, das entsprechend zu erklären und der Rechtsspruch hat überhaupt nichts mit dem NS-Regime zu tun, sondern im Gegenteil, denen war er zu liberal, die haben den Spruch dann abgeräumt."

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Steiniger Weg: Kunstminister Bernd Sibler (li.) und Richard Loibl (re.)

Gemeint ist mit "Stadtluft macht frei" natürlich der Rechtsgrundsatz, dass flüchtige Leibeigene im Mittelalter nach genau einem Jahr und einem Tag wirklich frei waren, also von ihrem Dienstherrn nicht mehr zurückgefordert werden konnten. Das nutzten mutige Zeitgenossen gern aus, um ihre Lebensperspektive zu verbessern. Die Stadt war eine Verheißung, allerdings auch ein Kampfinstrument der Wittelsbacher, wie Richard Loibl erklärt: "Es geht darum, wie ich in einem Land Herrschaft ausübe. Das ist damals nicht nur eine Frage der Politik, das ist eine Frage der Gewalt. Und das Mittel der Wittelsbacher, im Lande Fuß zu fassen, wird die Städtegründungspolitik, zum Teil waghalsig. Auf fremden Territorien, auf Kirchenbesitz, mitten in diesen Territorien der Adelsgeschlechter, also eine spannende Geschichte mit, wenn Sie so wollen, Sex und Crime."

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Aufstieg mit Sex und Crime: "Gründungsurkunde" der Wittelsbacher

Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Die böhmische Prinzessin Ludmilla ging zwar mit ihrem Geliebten Ludwig von Bayern ins Bett, aber nur, weil er ihr vorher die Ehe versprochen hatte - und weil drei echte Ritter hinter dem Wand-Vorhang den Eid mitangehört hatten, kam der arme Mann auch nicht mehr raus aus dieser Nummer. Ludmillas und Ludwigs Statuen stehen im Wittelsbacher Schloss in Friedberg selbstverständlich bereit, und zwar nicht wegen ihrer legendenhaften Bettgeschichte, sondern weil Ludmilla die heute so markanten bayerischen weiß-blauen Rauten ins Wappen mitgebracht hat.

Wittelsbacher als "Räuberbande"

Die Wittelsbacher klauten sich ihr Markenzeichen demnach von angeheirateten Verwandten aus dem Bayerischen Wald. Überhaupt scheinen sie in ihrer Frühzeit etwas haltlos gewesen zu sein: "Als dieses Herrscher- und Grafengeschlecht an die Macht kam, hat das nicht allen in Bayern gefallen. Ein großer Gelehrter, Otto von Freising, schrieb, dass die Wittelsbacher in seinem Einzugsgebiet eine üble Räuberbande seien. Dieses Geschlecht kommt zur Herrschaft und ist in Bayern randständig", so Richard Loibl.

Randständig, aber sehr erfolgreich. Diese Karriere können die Besucher in Friedberg und Aichach mitverfolgen und erfahren dabei sicherlich viel Neues: Das Christentum zum Beispiel war im frühen Mittelalter anders als heute eine vor allem städtische Religion, also der Glaube der Aufsteiger, der Modernisierer. Deshalb hatte die Kirche den Ehrgeiz, möglichst in jeder Stadt einen Bischof zu installieren.

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Rauten und Löwen am Friedberger Schloss-Eingang

Vorbild der Städtegründer waren die italienischen Städte, die damals schon sehr eigensinnig, stolz und erfolgreich waren. Das passende Recht holten sich die Wittelsbacher aus dem fernen Lübeck an der Ostsee. Eine Erfolgsgeschichte, wie die Geldmünzen und Tresor-Schränke zeigen, die ausgestellt sind. Etwas von diesem Gründer-Mut, von der Risiko-Bereitschaft vermisst Richard Loibl übrigens bis heute. München und andere Städten platzten aus allen Nähten, aber neue Metropolen würden eben nicht aus dem Boden gestampft: "Von diesem Mut, eine Stadt zu gründen, sind wir heute in unserer angeblich so großen und fortschrittlichen Zeit im Vergleich zum dunklen Mittelalter meilenweit entfernt. Insofern hat die Frage Aktualität."

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Städtegründungen auch noch im 20. Jahrhundert

Kanonen und Festungen

Allerdings gab es nach dem Zweiten Weltkrieg in Bayern tatsächlich noch einmal eine Gründerwelle: Für die Millionen Vertriebenen entstanden neue Städte um alte Dorfkerne, Waldkraiburg, Traunreut, Geretsried. In Aichach wird das ohne historische Exponate, aber mit viel medialem Aufwand dargestellt. Da kommen die Fans von Animationen und Modellen auf ihre Kosten. Insgesamt ist diese doppelte Landesausstellung an der Grenze zwischen Bayern und Schwaben einen Besuch wert. An dieser Nahtstelle zwischen Augsburg und Friedberg wurde einst heftig um die lukrativen Salz-Handelswege gekämpft, um die deftigen Zoll-Einnahmen. Bis heute künden davon Festungen und Kanonen - in welche Richtung sie zeigen, das wollte Bayerns Kunstminister Bernd Sibler für dieses Mal nicht eigens erwähnen. Hauptsache, sie sind nicht geladen!

Landesausstellung "Stadt befreit", bis 8. November 2020 im Wittelsbacher Schloss in Friedberg bei Augsburg und im Feuerhaus in Aichach.

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