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Warum ist Singen ein demokratischer Akt, Bettina Hesse? | BR24

© BR kulturWelt

Mit anderen Singen, aus voller Brust: Viele finden Spaß daran, das zeigt die steigende Zahl an Gospel- oder Kneipenchören. Woher das Bedürfnis kommt, wie unser Körper auf Gesang reagiert und was daran politisch ist, weiß Autorin Bettina Hesse.

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Warum ist Singen ein demokratischer Akt, Bettina Hesse?

Mit anderen Singen, aus voller Brust: Viele finden Spaß daran, das zeigt die steigende Zahl an Gospel- oder Kneipenchören. Woher das Bedürfnis kommt, wie unser Körper auf Gesang reagiert und was daran politisch ist, weiß Autorin Bettina Hesse.

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Singen ist etwas ganz Elementares: Schon vor der Geburt, im Mutterleib, nehmen Embryos Stimmen und Geräusche wahr. Nur: Warum berührt uns das so? Und dann ist da noch die Leidenschaft vieler, zusammen mit anderen zu Singen oder zu Grölen, im Gospelchor, Fußballstadion oder bei politischen Kundgebungen. Das Buch "Die Philosophie des Singens", herausgegeben von Bettina Hesse, beleuchtet das Phänomen in mehreren Aufsätzen.

"Hören ist unser erster Sinn. Jedes Lied, jede Stimme erzählt etwas", sagt Bettina Hesse. Beim Singen, so die Autorin, treffen ein urmenschliches Bedürfnis und eine uralte Kulturtechnik aufeinander, die mit dem Orpheus-Mythos beginnt. Orpheus' Versuch, die Geliebte Eurydike mit seinem betörenden Gesang aus der Unterwelt zu befreien, gelte als erste Kulturleistung in dem Bereich.

Die "extended voice" in sich wecken

Was aber passiert beim Singen? "Beim Singen geht man mit sich selbst in Resonanz", meint Bettina Hesse, "leider schöpfen wir dabei nur einen ganz kleinen Teil unserer Möglichkeiten aus." Viele Töne seien uns abgewöhnt worden, durch kulturelle und gesellschaftliche Normen. Um zu einer befreiten Stimme, einer so genannten "extended voice" zu kommen, müsse man erst tief in sich hineinhören, um dann den eigenen Klangraum zu vergrößern, empfiehlt die Autorin. Denn: "Je mehr man in sich hineinhört, um so größer wird die Selbsterkenntnis."

© Amelie Soyka, mairisch verlag

Beim Singen mit sich selbst in Resonanz gehen – Autorin und Herausgeberin Bettina Hesse

Die Autorin selbst beschäftigt sich in einem der 21 Aufsätze mit rituellen Gesangsformen. Dabei unterscheidet sie zwei Komponenten: Die lineare Bewegung, die durch den Text und die Erzählung entsteht, und den zirkulären Rhythmus des Gesangs. "Das Lied erzählt die Geschichte, der Rhythmus kehrt wieder", erklärt Hesse. Frei nach Nietzsches Zitat "Alle Lust will Ewigkeit" funktioniere Singen nach dem Prinzip der Wiederholung und der Singende empfinde dabei eine Art ewig wiederkehrender Freude.

Singen als politischer Akt

Dass Singen aber auch als demokratischer Akt begriffen werden kann, wird in dem Buch "Die Philosophie des Singens" in zwei anderen Aufsätzen deutlich: In einem beschreibt die ukrainische Sängerin, Komponistin und Schauspielerin Mariana Sadovska, wie sie nach der Besetzung der Ost-Ukraine durch Russland 2014 bei einem Auftritt auf dem Majdan-Platz Gesang als Form des Protests erlebt hat. Sadovska schildert, wie sie beim Singen Angst und Trauer überwinden konnte und stattdessen Mut und Kraft entwickelt habe – Singen als Form der politischen Aktion.

© mairisch Verlag

"Die Philosophie des Singens" von Bettina Hesse (Herausgeberin), erschienen im mairisch Verlag

Von einer anderen Form der politischen Stimme schreibt der Publizist Maximilian Probst in seinem Beitrag. Auch Probst sieht Singen im demokratischen Zusammenhang. Er vergleicht das Erheben der Stimme mit dem Wahlprozess: Der Urnengang ist für ihn eine Form des persönlichen Ausdrucks, aber auch der Gleichheit, da jede abgegebene Stimme gleich gewichtet werde – ähnlich wie beim Chorgesang. So gesehen seien Chöre ein gutes Modell der Demokratie, meint Autorin Bettina Hesse.

Interview: Barbara Knopf, Auswertung: Andrea Mühlberger

"Die Philosophie des Singens" mit 21 Aufsätzen zum Thema, herausgegeben von Bettina Hesse ist im mairisch Verlag erschienen.

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