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Philosophen der Aufklärung: Waren Hegel, Kant und Co. Rassisten? | BR24

© picture alliance/CPA Media

Immanuel Kant - Ölgemälde von Gottlieb Doebler

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    Philosophen der Aufklärung: Waren Hegel, Kant und Co. Rassisten?

    Hegel, Kant, Voltaire – die Philosophen der Aufklärung gelten als die großen Denker moderner Demokratien. Am Sklavenhandel und der rassistischen Praxis des Kolonialismus aber hatten sie wenig bis gar nichts auszusetzen.

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    Von
    • Antje Dechert

    Menschenrechte, Gewaltenteilung und Säkularisierung, Freiheit, Gleichheit und Emanzipation – das sind wohl die grundlegenden Ideen und Begriffe, die wir gewöhnlich mit dem Zeitalter der Aufklärung verbinden. Doch seit der Black-Lives-Matter-Bewegung wird in den Feuilletons auch noch eine andere Seite dieser Ära diskutiert. Denn mit dem Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaften und deren Erklärungen der Menschenrechte blühten auch der Sklavenhandel und die Kolonialisierung: Mindestens 13 Millionen Afrikaner wurden damals in die Karibik und nach Nordamerika verschleppt. Kritik an der Sklaverei übte der französische Philosoph Voltaire, einer der großen Vordenker der Aufklärung und Wegbereiter der Französischen Revolution, durchaus. Rassistische Positionen vertrat er trotzdem. Denn er meinte: "Die Rasse der Neger ist eine von der unsrigen völlig verschiedene Menschenart (...) Man kann sagen, dass ihre Intelligenz nicht einfach anders geartet ist als die unsrige, sie ist ihr weit unterlegen."

    "Rassenhierarchie" bei Hegel und Kant

    Die Epoche der Aufklärung ist von Widersprüchen geprägt. Ihre Denker versprachen: Die Menschheit könne sich qua Vernunft und Wissen aus überkommenen und beschränkenden Denkmustern befreien, ja sogar aus ihrer "selbst verschuldeten Unmündigkeit" – wie Kant es formulierte. Doch die Frage ist, wen Aufklärer wie Kant und Hegel meinten, wenn sie vom Menschen als vernunftbegabtem Wesen philosophierten, sagt Anke Graneß. Sie lehrt Geschichte für Philosophie an der Universität Hildesheim: Ihren Worten zufolge war der große Begriff Menschheit bei genauerem Hinsehen auf weiße, männliche Europäer bezogen. "Dazu muss man wirklich tiefer in die Schriften eintauchen. Dann sieht man eben bei unseren großen Denkern wie Hegel oder Kant, dass es da eine Rassenhierarchie gibt."

    In einer Reihe von Texten über Naturgeschichte und Anthropologie formulierte Kant in den 1770er und 1780er Jahren eine Rassentheorie, in der er Menschen nach Hautfarben in eine Rangfolge brachte. "Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen", heißt es da. Und: "Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege."

    Die menschliche Vernunft, die nach den Denkern der Aufklärung so viele Probleme lösen sollte, war für Philosophen wie Kant, aber auch David Hume oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel vor allem eine weiße, europäische, männliche Eigenschaft. So schrieb Hegel: "Der Neger stellt, wie schon gesagt worden ist, den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar: (...) Es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden."

    Stereotype, die bis heute nachwirken

    Die Idee des Menschen, der durch Wissen zu seiner Vollkommenheit gelangen konnte, funktionierte bei den großen Denkern der Aufklärung nur über Abgrenzung. Dem klugen, weißen Mann mit Ratio stellten sie das Stereotyp des wilden triebgesteuerten und unzivilisierten Afrikaners, Inders oder amerikanischen Ureinwohners gegenüber – ein Stereotyp, das auch heute noch in Debatten um Zuwanderung nachwirkt. Aus Sicht vieler Aufklärer musste Vernunft den nichteuropäischen Völkern erst gebracht werden. Ihren Zeitgenossen lieferten sie so eine lupenreine Legimitation für die Kolonisierung – teils wider besseres Wissen, meint die Philosophiehistorikerin Anke Graneß: Es habe auch damals schon kritische Stimmen zur Rassentheorie Kants gegeben. "Da gab es auch Intellektuelle, die für die Sklavenbefreiung gekämpft haben. Dass Kant sich nicht auf ihre Seite gestellt hat, das ist ihm tatsächlich auch vorzuwerfen."

    Als Immanuel Kant erst fünf Jahre alt war, hatte der Philosoph Anton Wilhelm Amo in seiner Schrift "Über die Rechtsstellung der Mohren in Europa" bereits die Vorurteile gegenüber Afrikanern in Europa zum Thema gemacht und das Stereotyp vom minder intellektuellen Schwarzen ad absurdum geführt. Denn Amo selbst stammte aus Ghana, war als Kind versklavt und dem Herzog von Braunschweig und Lüneburg-Wolfenbüttel "geschenkt" worden, als so genannter Kammermohr. Am humanistisch geprägten Hof erhielt Amo die Chance zur Bildung und wurde zu einer bedeutenden Stimme der Voraufklärung. Kaum vorstellbar, sagt Anke Graneß, dass Kant seine Schriften nicht kannte.

    Philosophen historisch-kritisch bewerten

    Wie ist vor diesem Hintergrund nun das Werk von Denkern wie Kant zu beurteilen? Darüber wird derzeit in den Feuilletons kontrovers diskutiert. Bei aller Kritik an den rassistischen Äußerungen des Philosophen, blieben seine moralphilosophischen Überlegungen zu Universalismus und Egalitarismus weiterhin eine große Errungenschaft, sagt Stefan Gosepath, Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin. So habe Kant sich in seinen späteren Schriften vom Kolonialismus distanziert. In der aktuellen Debatte, sagt Stephan Gosepath, gehe es darum, die Philosophen der Aufklärung historisch kritisch zu bewerten. Dann werde schnell klar, dass sie keine Heiligen seien. Dennoch hätten sie wegweisende Ideen entwickelt, die uns gerade beim Aufdecken von Rassismus hilfreich seien. "Sind bestimmte dieser Denkmuster sexistisch, rassistisch, kolonialistisch? Vielleicht zeigt das historische Beispiel von Kant, dass, wenn ein Kant nicht dagegen gefeit war, wir auch nicht dagegen gefeit sind und dass wir diese Selbstkritik, die Kant immer in einem besonderen Maße von uns gefordert hat, praktizieren müssen." Also vielleicht doch nicht weg mit Kant, sondern seine Ideen gegen den Strich und dann eben für alle gleich lesen.