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Bildrechte: Courtesy Pascale Convert

Zum 200. Todestag des berühmten französischen Kaisers will der Künstler Pascal Convert die Grabstätte mit einer Nachbildung eines Pferde-Gerippes schmücken, Titel: "Memento Marengo". Das halten etliche Historiker und Napoleon-Fans für "schockierend".

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Pferde-Skelett über Napoleons Sarkophag sorgt für Aufregung

Zum 200. Todestag des berühmten französischen Kaisers will der Künstler Pascal Convert die Grabstätte mit einer Nachbildung eines Pferde-Gerippes schmücken, Titel: "Memento Marengo". Das halten etliche Historiker und Napoleon-Fans für "schockierend".

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Von
  • Peter Jungblut

Er war das Lieblingspferd von Napoleon: Der kleine arabische Schimmelhengst "Marengo", dessen Stockmaß nur 1,45 m betragen haben soll, trug den Kaiser der Franzosen tapfer durch die Gefechte von Austerlitz, Jena und Wagram, und natürlich bewährte sich das Tier auch im Kriegsgetümmel beim piemontesischen Marengo, wo Napoleon die Österreicher besiegte. Der Schimmel überlebte den Russlandfeldzug und war auch zur Stelle, als Napoleon seine letzte Schlacht schlug: In Waterloo. Dort nahmen die britischen Sieger das treue Tier "gefangen", hielten es eine Zeitlang als "Deckhengst" und stellten das Skelett schließlich ins National Army Museum in London, nachdem "Marengo" mit 38 Jahren gestorben war.

Englisches Team war behilflich

"Ich hätte es vorgezogen, wenn wir das Originalrelikt aufhängen könnten, aber seine Zerbrechlichkeit machte es unmöglich", so Pascal Convert auf seiner Homepage über seine Kunstaktion zum 200. Todestag des Kaiser am 5. Mai. Der Künstler will das Skelett direkt über dem Quarzit-Sarkophag aufhängen, in dem die sterblichen Überreste von Napoleon seit der Überführung der Leiche aus St. Helena im Jahr 1840 ruhen. Das Werk soll vom 7. Mai bis Ende Januar nächsten Jahres ausgestellt werden. "Wir befanden uns im Lockdown, was das Reisen erschwerte, und mir wurde schnell klar, dass so ein Überbleibsel des Krieges eine Trophäe ist, die das siegreiche Land nicht so leicht aus der Hand gibt", erläuterte Convert die schwierige Vorgeschichte seiner Aktion. "Ein englisches Team hat daher dieses symbolische Element ihres Sieges in Waterloo gescannt und ein nahezu perfektes Faksimile erstellt."

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Bildrechte: Courtesy Pascale Convert

Ausgaloppiert: "Marengo"-Kopie im Invalidendom

Converts Installation wird Teil der Ausstellung "Napoleon? Encore!" sein, die Eric de Chassey organisiert hat, der Direktor des Institut National d’Histoire de l’Art. Er hat insgesamt dreißig Künstler angeheuert, darunter auch weltbekannte wie Julian Schnabel und Marina Abramovic, um sich über Napoleon Gedanken zu machen.

Ritualhandlung mit Anleihen bei Pegasus und Eisenstein

Für Convert soll das Kunststoff-Skelett die Betrachter an archaische Rituale erinnern: In alten Zeiten seien Krieger ja häufig mit ihren Pferden bestattet worden, wie Ausgrabungen gezeigt hätten. Außerdem lege ein in der Luft baumelndes Gerippe Assoziationen an das geflügelte Musen-Ross Pegasus aus der griechischen Mythologie nahe. Er fühlt sich auch von Sergej Eisensteins Film "Oktober" aus dem Jahr 1926 inspiriert, wo ein Pferdekadaver an der Zugbrücke über der Newa in St. Petersburg baumelt. Das treue Pferd Napoleons, das der bei seiner endgültigen Niederlage ritt, zum Grab des Reiters zurückzuführen, hält Convert ebenfalls für eine Ritualhandlung.

Mit seiner Faszination für "Marengo" steht Convert nicht allein: Schon die Maler Jacques-Louis David, Antoine-Jean Gros und in England James Ward zeigten sich vom Charisma des Schimmels begeistert und verewigten ihn auf ihren Kunstwerken.

"Die Gegenüberstellung mit seinem Reittier vermenschlicht den Reiter auf neue Weise", so Convert, der 1957 in Mont-de-Marsan geboren wurde und in Biarritz lebt: "Wie die Aufhängung eines Objekts von bescheidener Größe, eines wirklich kleinen Pferdes, lenkt es den Blick ab und gibt dem Raum menschliche Dimensionen. Die Wiederherstellung des menschlichen Ausmaßes der Geschichte nimmt ihr nichts von ihrer Größe." Die Gegenwart, die gern demokratischere Umgangsformen durchsetzen würde, sehe historische Symbole häufig zu "autoritär" und sei nicht in der Lage, eine gemeinsame Grundlage mit der Geschichte zu finden. Das will Convert offenkundig ändern.

© akg-Images/Picture Alliance
Bildrechte: akg-Images/Picture Alliance

"Marengo" und Napoleon

Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Der Historiker Thierry Lentz schrieb auf Twitter, die Skelett-Installation sei "schockierend" und ergänzte sarkastisch: "Ist wohl ein Künstler-Traum." Die Frage sei nicht, ob die Franzosen Napoleon "immer noch lieben oder nicht mögen, sondern ob wir der nationalen Grablege des Invalidendoms immer noch Respekt schulden". Im Netz hagelte es bitterböse Kommentare wie "Armes Frankreich!" oder "Wohin sind wir gekommen?". Es war sogar von einer "Häresie" die Rede, also einer Art Gotteslästerung. Vom "Gaul der Zwietracht" schrieb ein Journalist.

Kritiker: "Schockierend und grotesk"

Pierre Banda, der mit seiner Stiftung das Erbe Napoleons pflegt, schimpfte, die zeitgenössische Kunst sei keine Entschuldigung für alles und jedes: "Wir finden uns in einem schockierendem und grotesken Szenario wieder!" Der konservative "Le Figaro" sah eine "blutige Kontroverse" heraufziehen und fragte Convert, ob er eine derart aggressive Auseinandersetzung geahnt habe. Doch der Künstler erwiderte, er habe vielmehr einen Streit zwischen Befürwortern und Gegnern von Napoleon erwartet, denn der Kaiser habe ja immerhin mit einem Gesetz vom 20. Mai 1802 die Sklaverei wieder eingeführt und den Kolonialismus begründet. Allerdings hatte Napoleon seine eigene Reform während seiner "Herrschaft der Hundert Tage" 1815 wieder rückgängig gemacht.

"Künstlerische Arbeit besteht nicht darin, um jeden Preis etwas sichtbar zu machen. Memento Marengo ist meiner Meinung nach ein dialektisches Objekt, um über den Prozess der Symbolisierung nachzudenken", so Convert. Er dürfte in den nächsten Monaten viel Zeit damit verbringen, diese Ansicht näher zu erläutern.

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