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Peter Sellars macht aus "Idomeneo" ein Öko-Generationendrama | BR24

© Bayern 2

Eltern opfern ihre Kinder: in Mozarts "Idomeneo" und heute, wenn sie weiter die Zukunft des Planeten aufs Spiel setzten. Regisseur Peter Sellars und Dirigent Teodor Currentzis haben Mozarts Oper in Salzburg brandaktuell auf die Bühne gebracht.

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Peter Sellars macht aus "Idomeneo" ein Öko-Generationendrama

Eltern opfern ihre Kinder: in Mozarts "Idomeneo" und heute, wenn sie weiter die Zukunft des Planeten aufs Spiel setzten. Regisseur Peter Sellars und Dirigent Teodor Currentzis haben Mozarts Oper in Salzburg brandaktuell auf die Bühne gebracht.

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Da schwebt er, hoch über der Szene. Ein Fisch aus Plastik. Etwas deformiert, zu rund. Aber mit freundlichem Schmollmund. Später werden dort oben viele Plastikobjekte schwebend schwimmen. Neptuns Meer ist zugemüllt und die Welt längst versunken wie einst Atlantis.

"Idomeneo", versetzt ins Ambiente der Umweltkatastrophe

Während uns aktuell die quälende Hitze ins Bewusstsein dringt, während die Arktis brennt und die Meere steigen, haben Regisseur Peter Sellars und sein Dirigent Teodor Currentzis ihren Salzburger Idomeneo in das Ambiente einer Umwelt- und Klimakatastrophe verlegt, in dem die Frage nach der Generationenverantwortung brandaktuell und neu gestellt wird. Denn zunächst einmal ist einem jener Mythos ja eher fern, von dem siegreich aus dem Trojanischen Krieg heimkehrenden König Idomeneo, der Neptuns Sturmflut nur durch das Versprechen glätten kann, den ersten Menschen, dem er an Land begegnet, zu opfern. Dumm nur, dass das ausgerechnet sein eigener Sohn Idamante ist. Der wiederum ist in Liebesbande sowohl zu der unglücklichen Atridentochter Elektra als auch zu der Flüchtlingsprinzessin Ilia verstrickt, was dem Plot zu den Ingredenzien Sühne und Schuld noch Liebe und Hass beimischt, sowie Eifersucht und Vergebung und: Raserei und Tod.

© SF/Ruth Walz

Szene aus Peter Sellars Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" auf den Salzburger Festspielen

Eltern opfern ihre eigenen Kinder

Während sich also die junge Generation ins Emotionschaos stürzt, während die Elemente wütend werden und kaum mehr zu bändigen sind, ist die Elterngeneration dabei, ihre eigenen Kinder zu opfern. Und genau hier setzt Peter Sellars an, indem er mit seiner Interpretation fragt: Wann, wenn nicht heute, ist die Natur in Aufruhr und das zu Recht. und wer, wenn nicht wir, ist gerade dabei, die Zukunft dieses Planeten und damit auch der eigenen Nachkommen sehenden Auges auf Spiel zu setzen. Und so fordert er mit dem ihm ganz eigenen szenischen Pathos auch eine neue Demut.

Von sich, als den Kindern des Staubes, die sich neu den Göttern beugen, singt da der Chor, den diese neue Fassung von Mozarts "Idomeneo" aus seinem Bühnenspiel Thamos entliehen hat. Wie überhaupt so einiges anders ist bei dieser Salzburger Eröffnungspremiere, und sei es, dass fast sämtliche Rezitative fehlen, so dass Teodor Currentzis sein Freiburger Barockorchester mit geradezu beglückender Bravour von einem mozartschen Kleinod zum nächsten treiben kann. Dabei stehen ihm neben Russell Thomas als einem profundem, wenn auch etwas angestrengtem Idomeneo, Sängerinnen wie Nicole Chevalier zur Verfügung, die die emotionale Achterbahn ihrer Elektra zwischen Hass, Verzweiflung und tief verzeihender Liebe wundersam beherrscht.

© SF/Ruth Walz

Szene aus Peter Sellars Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" auf den Salzburger Festspielen

Stark gekürzt, aber mit Zärtlichkeit für die Figuren inszeniert

Momente wie diesen, in dem Elektra ihren Idamante zurückzugewinnen meint, hat Peter Sellars ganz intim und mit einer großen Zärtlichkeit für alle seine Figuren in Szene gesetzt. Es ist, als ummantele sein großer ökologisch-politischer Aufruf diesen Idomeneo vor allem auch ästhetisch, ohne dabei je zu vergessen, dass da Menschen auf der Bühne stehen. Und zwei Menschen sind es dann auch, die zu Mozarts 20-minütiger Schlussballett-Musik, Hoffnung und Heilung auf die Bühne bringen: in einer Art Tanzritual, dessen Choreograph Lemi Ponifasio von der Inselwelt Samoas stammt und damit aus einer Region, die den steigenden Meeren bereits zum Opfer zu fallen beginnt. Und so endet dieser aufrüttelnd neu erzählte Mythos beeindruckend in einem genre- und kulturübergreifenden Welttheater.

© SF/Ruth Walz

"Idomeneo" auf den Salzburger Festspielen: Immer mehr Plastikmüll schwebt über der Bühne

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