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Kultur

Handkes Selbstinszenierung bei Dankesrede zu Literaturnobelpreis | BR24

© picture-alliance/dpa

Peter Handke bei "Nobel Lecture" 2019 in Stockholm

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    Handkes Selbstinszenierung bei Dankesrede zu Literaturnobelpreis

    Am Dienstag werden die Literaturnobelpreise vergeben. An den Tagen davor halten die Preisträger traditionell eine Nobel Lecture in Stockholm. Die Rede des umstrittenen Preisträgers Peter Handke wurde mit besonderer Spannung erwartet. Von Knut Cordsen

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    "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." In Abwandlung dieses berühmten Diktums von Erich Kästner hat Peter Handke in seinem jüngsten Notizbuch formuliert: "Es gibt nichts Schlimmes, außer ich bin es." Tatsächlich tut der 77-Jährige gerade wieder viel dafür, als das schlechthin Schlimme wahrgenommen zu werden: mit seiner Beschimpfung von Journalisten, die ihm Fragen zu seiner Haltung zu serbischen Kriegsverbrechen stellen. Oder mit seiner nebulösen Aussage bei der Pressekonferenz am Freitag, er habe "keine Meinungen". Und: "Immer wieder: Ich bin nicht zu politisieren. Man liest diesen Handke-Satz von 2016 aus seinem Buch "Vor der Baumschattenwand nachts" mittlerweile als inständige Bitte – und im Wissen, dass dieser Schriftsteller, der Heimito von Doderer einen "episodischen Nationalsozialisten" genannt hat, selbst als episodischer Nationalist und chronischer Relativist gelten muss. In seiner Nobel Lecture, das war klar, würde es um all das nicht gehen, nur um Handkes Poetik.

    "Spiele das Spiel. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts. Sei weich und stark. Lass dich ein und verachte den Sieg. ... Zerlach den Konflikt. Beweg dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird. Geh über die Dörfer." Peter Handke, Autor

    Über weite Strecken war Peter Handkes Vorlesung eine Lesung aus seinem "Dramatischen Gedicht" "Über die Dörfer" von 1981. Der Autor unternahm noch einmal eine "Langsame Heimkehr" ins Dorf, aus dem er stammt, zu seinen kärntner-slowenischen Ursprüngen, zu seiner Mutter und deren im Zweiten Weltkrieg gefallenen Brüdern. Er erzählte für sein "Schreiberleben entscheidende" Geschichten aus seiner Kindheit.

    Kein Wort über seine politischen Fehlurteile

    Seherisch, leicht stockend und predigerhaft war sein Ton. Das verwunderte nicht: "Einzig Jesus Christus hat eine reale Vision von der Zusammengehörigkeit aller Menschen, von nosotros, gehabt", hat Handke einmal notiert, und weiter "Jesus war der einzig wahre Politiker." So hörte man also lauter fromme Appelle vom Literaturnobelpreisträger, die größtenteils seinen "epischen Exkursionen" entstammen, wie Handke seine Bücher nennt. Etwa, dass die Natur das einzig stichhaltige Versprechen sei.

    Bob Marley und John Ford hätten ihn geprägt

    Die Nobel Lecture als Kanzelrede. Kein Wort verlor Handke über seine politischen Fehlurteile, seine wahrheitswidrigen Äußerungen zu den jugoslawischen Sezessionskriegen. Stattdessen: Worte, vorgetragen im Stil jener "religiösen Litaneien", die Handkes Kindheit und Jugend geprägt haben. Und zum Ende hin noch dieses Bekenntnis:

    "Haben die von meiner Mutter erzählten kleinen Begebenheiten mir den Anstoß für mein nun fast lebenslanges Schreiberleben gegeben, so die Werke der Kunst, und nicht bloß die Bücher, sondern in gleicher Weise die Bilder, die Filme (vor allem die "Western" von John Ford und die "Eastern" des Japaners Yasujirô Ozu), die Lieder (zuletzt, zum Beispiel, die von Johnny Cash, Leonard Cohen und Bob Marley gesungenen) haben mir Schwingungen und Schwungkräfte gegeben." Peter Handke, Autor

    Peter Handke ist jeder Auseinandersetzung mit dem Beschreiten eigener Irrwege aus dem Weg gegangen. Lieber hat er "jene monotonen und zugleich so melodiösen Anrufungen himmelwärts" heraufbeschworen, die ihn noch heute "durchdringen und beatmen" und "die Saiten" für seinen "Schreiberweg zupfen". So hat er sich einmal mehr als Dichterseher inszeniert. Im Publikum saß in Gestalt von Emir Kusturica ein großer Filmregisseur und serbischer Ultranationalist, der Handke vor kurzem erst als "Wahrheitspostel" gefeiert hat.