BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

"Habe keine Meinung": Peter Handkes neue Journalisten-Ohrfeige | BR24

© dpa picture alliance / Anders Wiklund

Peter Handke wiederholt vor der internationalen Presse in Stockholm seine Medienschelte

Per Mail sharen

    "Habe keine Meinung": Peter Handkes neue Journalisten-Ohrfeige

    Noch nie war ein Literatur-Nobelpreis so umstritten wie der für Peter Handke. Bei der Übergabe am Dienstag wird mit Protesten gerechnet. Beim Vorab-Treffen mit internationalen Pressevertretern in Stockholm wiederholte der Autor seine Medienschelte.

    Per Mail sharen

    Er ist kaum in Schweden, schon bestimmt er die Medien. In einem gestern im Schwedischen Fernsehen SVT ausgestrahlten, noch in seinem Haus in Chaville aufgezeichneten Interview hatte der diesjährige Literaturnobelpreisträger Peter Handke gesagt, er bevorzuge es mit Blick auf die Massaker während des Bürgerkriegs in Jugoslawien von einem "Brudermord" zu sprechen, nicht von einem Genozid auf dem Balkan: "Manchmal ist Relativieren nicht Abschwächen," so Handke. "Von dem Absoluten wegzugehen und die Relationen zu setzen, ist manchmal viel lebendiger. So wird das Unrecht, das geschehen ist, viel, viel fassbarer. Relativieren heißt nicht Negieren. Und dazu stehe ich. Kein Mensch wird mir sagen, dass Relativieren immer ein Abschwächen ist. Nein, ein Relativieren kann ein Verstärken sein. Für mich ist es Brudermord. Und wenn die Leute Genozid sagen – warum nicht! Nichts abzustreiten, recht so. Aber ich möchte darin nicht verloren gehen."

    Dabei gilt das Massaker von Srebrenica 1995, verübt vom serbischen Militär an mehr als 8.000 Bosniaken, als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag hat das Massaker in den Urteilen gegen die dafür verantwortlichen Befehlshaber als Völkermord bezeichnet, der systematisch geplant und durchgeführt worden sei.

    Derweil war bekannt geworden, dass Peter Englund, ein langjähriges Mitglied der Schwedischen Akademie und deren ehemaliger Ständiger Sekretär, aus Protest gegen den Literaturnobelpreis für Peter Handke die diesjährige Nobelwoche boykottiert. Der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" teilte Englund in einer E-Mail mit: "Peter Handkes Nobelpreis zu feiern, wäre von meiner Seite grobe Heuchelei."

    "Ich habe keine Meinung, ich hasse Meinungen"

    Heute am frühen Nachmittag nun gab Handke, der heute seinen 77. Geburtstag feiert, eine Pressekonferenz, die im Livestream vom schwedischen Fernsehen übertragen wurde. Wie er auf die angekündigten Proteste gegen ihn zu reagieren gedenke, wurde er gefragt. Seine Antwort: "Sagen Sie es mir, ich brauche Ihren Ratschlag." Als ihm der Ibsen-Preis 2014 in Oslo verliehen worden sei, habe man auch schon gegen ihn demonstriert vor dem Nationaltheater. Als er damals mit den Demonstranten, die ihn als "Faschist" beschimpften, habe sprechen wollen, seien diese dazu nicht bereit gewesen: "Es war kein Dialog möglich."

    Von Meinungen, so ließ sich Handke, der eher widerwillig die Fragen der Journalisten entgegennahm (man musste dabei unwillkürlich an seinen "Wehruf: Nobelleute, wo seid ihr?" denken, aus seinen Aufzeichnungen "Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie 2007-2015"), halte er überhaupt nichts: "Ich habe keine Meinungen. Ich hasse Meinungen. Bei Jane Austen sagt eine Figur auch mal, sie könne nicht die geringste Bedeutung darin erkennen, eine Meinung zu haben. Ich mag Literatur, nicht Meinungen."

    © dpa picture alliance / Karl Schöndorfer

    Autogrammstunde mit dem Literatur-Nobelpreis-Träger: Peter Handke vor dem Hotel in Stockholm

    Hankde brüskiert erneut Journalisten

    Weiter sprach der österreichische Autor über die Idee eines Versöhnungsprojekts, das im Moment aber nicht zu realisieren sei: Er habe zwei Mütter – eine Serbin und eine Muslimin – treffen wollen, die beide ihre Kinder im Balkan-Krieg verloren hätten: "Das alles sollte mit Hilfe eines Freundes fern von allen Organisationen stattfinden. Ein idealistisches Vorhaben, das aber derzeit nicht möglich ist."

    Als die Journalisten weiter mit Fragen zu seinen Einlassungen zum jugoslawischen Bürgerkrieg auf Handke eindrangen, verlas er Teile eines Briefes, den der europäische Kultur-Reporter der "New York Times", Alex Marshall, an ihn geschrieben hatte und in dem er ähnlich insistente – und nach Handkes Auffassung offenbar impertinente – Fragen gestellt hatte. Auch ein anonymer Brief mit Toilettenpapier und "eine Art Kalligraphie von Kot darin" habe ihn erreicht, so Handke. Er würde lieber dreckiges Toilettenpapier zugeschickt als solche "leeren, ignoranten Fragen" gestellt bekommen wie auf dieser Pressekonferenz. Abgesehen davon erhalte er postalisch aber auch viel Zuspruch.

    "Das Dichterische ist von Grund auf und von Natur aus frei"

    Diese Art von Presse-Beschimpfung ist freilich nichts Neues bei Peter Handke. So schreibt er im jüngsten seiner Notizbücher, veröffentlicht 2016: "Die dichterischen Hauptsätze sind andere als die journalistischen Verlautbarungshauptsätze. Wie 'andere'? Andere. Und sie sind ganz und gar nicht der Gegensatz zur Vernunft – sie sind grundvernünftig. Aber sie machen aus der Vernunft keinen Popanz. Und die 'dichterische Freiheit'? Ein besonders unvernünftiger Pleonasmus. Das Dichterische ist von Grund auf und von Natur aus frei – das Freie in Bild und Ton, anders als die journalistische Sprache, die eine vollkommen eingelernte ist, eine einstudierte, aufgezwungene und sich aufzwingende – eine 'schwer' vorsätzliche, natürlich nur tuend, die fremdeste der Fremdsprachen."

    In gebrochenem Englisch und harsch in der Form hat Peter Handke diese Medienschelte heute gegenüber den Vertretern der internationalen Presse in Stockholm ein weiteres Mal wiederholt.

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!