BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Peter Hamm, der kompromisslose Anwalt des Dichterischen, ist tot | BR24

© Bayern 2

Der Lyriker ("Die verschwindende Welt"), große Essayist und Kritiker Peter Hamm ist heute im Alter von 82 Jahren gestorben. Das berichtet sein Verleger. Hamm war bis 2002 Kulturredakteur im BR - hier erinnert sich ein Weggefährte an den Kollegen.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Peter Hamm, der kompromisslose Anwalt des Dichterischen, ist tot

Der Lyriker ("Die verschwindende Welt"), große Essayist und Kritiker Peter Hamm ist heute im Alter von 82 Jahren gestorben. Das berichtet sein Verleger. Hamm war bis 2002 Kulturredakteur im BR - hier erinnert sich ein Weggefährte an den Kollegen.

Per Mail sharen
Teilen

Vor wenigen Jahren fuhren wir nach Baden-Baden zum Kritikertreffen des SWR. Die Bahnstationen im Südwesten riefen bei Peter Hamm Reminiszenzen wach, besonders an frühe Jahre. 1937 wurde er in München geboren, bereits drei Jahre später starb seine Mutter, von einem Vater ist nichts bekannt. Bei Großeltern in Oberschwaben, später in Internaten, dann als Knecht auf einem Bauernhof, schließlich als Buchhändlerlehrling ohne Abschluss in Lindau erlebte er eine unbehauste Jugend, die dennoch erstaunlich schnell und ohne Umwege zu einem Obdach in der Welt der Literatur fand.

Mit 17 Jahren das erste Gedicht in der Zeitschrift "Akzente"

Das erste veröffentlichte Gedicht des Siebzehnjährigen stand 1954 in der Zeitschrift "Akzente". Es zeigte die früh versierte Kühnheit von einem, der schon viel gelesen hatte. Magnetisch angezogen und von Begeisterungsfähigkeit gelenkt, steuerte der junge Mann zielstrebig die Brennpunkte an, an denen aktuelle und künftige Literaturgeschichte geschrieben wurde. Noch immer blutjung las er 1956 in der Gruppe 47. In der DDR suchte er junge Größen wie Sarah Kirsch und Volker Braun auf, in Paris traf er Paul Celan.

Peter Hamm hat die Literatur anstatt an Universitäten von früh an bei den Dichter*innen und Schriftsteller*innen selber studiert, bei Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger oder Nelly Sachs, mit der er einen Briefwechsel führte. Diese besondere Ausbildung brachte einen Geist hervor, dem die Menschen und ihr Schreiben immer wichtiger waren als alles Akademische. Ihm kam es in Poesie und Prosa auf existenzielle Beweggründe an und auf ein präzises hellhöriges Nachempfinden. Theorien, Methoden oder Konzepte waren nicht seine Sache.

Der kompromisslose Anwalt des Dichterischen

In den 1980er-Jahren erschienen seine Gedichtbände "Der Balken" und "Die verschwindende Welt". Darin sondierte er das eigene Dasein und gedachte verehrter oder verwandter Größen wie Malcolm Lowry, Pier Paolo Pasolini oder William Blake. Seit den 1960er-Jahren aber vermehrte sich das Schreiben über Literatur, vor allem aus professionellen Gründen. Von 1964 bis 2002 war Peter Hamm Kulturredakteur beim Bayerischen Rundfunk. 1968 hatte auch er eine Phase, in der sich seine linke Grundhaltung zeittypisch zuspitzte. Da hielt er mit Enzensberger den "Tod der Literatur" - oder genauer: ihre Unerheblichkeit - für möglich. Das ging vorbei, und bald hatte er sich wieder zum kompromisslosesten Anwalt des Dichterischen gewandelt. Obwohl er durchaus in der ersten Riege der Literaturkritik tätig war, proklamierte er 1985: "Ich bin kein Literaturkritiker". Literatur war für ihn ein notwendiges Lebensmittel und nicht etwas, worüber man als Warentester zu Gericht saß. Die Mitwirkung in den bedeutendsten Jurys und Akademien schloss das nicht aus.

Filmporträts über die großen Dichter*innen

Tatsächlich hat Peter Hamm, wie sich in seinen zahlreichen großen Essays nachlesen lässt, die Werke von Dichtern und Dichterinnen eher mit hellsichtiger Emphase durchforscht und erschlossen als beurteilt - jedenfalls da, wo er geliebt und bewundert hat. So sind auch seine zahlreichen Porträtfilme wie die über Ingeborg Bachmann, Robert Walser oder Peter Handke gleichermaßen kritische Annäherungen wie entschiedene Parteinahmen.

Dennoch besaß Peter Hamm auch den Sarkasmus und das Temperament für Spott und Gegnerschaft. Allerdings war es seine Art, bittere oder polemische Töne fast immer in die elegante Beiläufigkeit einer sachten Melancholie einzuhüllen. Am schönsten und bündigsten konnte man einen Begriff von seiner Liebe zur Literatur gewinnen, wenn er vorlas, sei es Texte von Robert Walser, Ingeborg Bachmann oder, wie kürzlich noch, des polnischen Dichters Zbigniew Herbert. Das war ein symbiotisches Vorlesen, bei dem er die Zeilen in sich hineinnahm und durchs eigene Verständnis bereichert an die Zuhörer weiter gab. Mit Peter Hamm verlieren wir wohl die letzte jener auratischen Persönlichkeiten, die der deutschen Literaturpublizistik einst eine Bedeutung verliehen haben, von der man heute nur noch träumen kann.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!