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Peter Fabjan über sein Leben im Schatten von Thomas Bernhard | BR24

© Audio: BR/ Bild picture-alliance/dpa

Der Halbbruder des berühmten Schriftstellers, der Internist Peter Fabjan erzählt jetzt in "Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard" vom Leben Im Schatten des Bruders.

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Peter Fabjan über sein Leben im Schatten von Thomas Bernhard

Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard hatte einen Halbbruder, den heute 82-jährigen Internisten Peter Fabjan. Der erzählt jetzt in "Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard" vom Distanz- und Schutzbedürfnis des "asexuellen" Bruders.

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Von
  • Knut Cordsen

Thomas Bernhard übernachtend auf dem Warschauer Sofa von Stanisław Jerzy Lec - dieses literarische Couchsurfing muss man sich auch erst vorstellen. Aber so war es, als er und sein Halbruder 1964 nach Polen reisten, erzählt Peter Fabjan in diesem "Rapport". Man kannte einander aus Wien, in Warschau war kein Hotelzimmer zu bekommen, und so bot der Aphoristiker dem jungen österreichischen Dichterkollegen samt Begleitung seinerzeit sein "Fauteuil" im Arbeitszimmer an. Auch das erfährt, wer Peter Fabjans Bericht "Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard" liest: Es ist das Werk eines langjährigen "stummen Begleiters", so Peter Fabjan. Der erklärt: "Er würde das wahrscheinlich völlig unnötig finden und dazu überhaupt keinen Bezug haben, nicht. Es ist nur so, ich habe dieses Erbe angenommen, ich habe es übernommen, also ich musste meinen eigenen Nachlass regeln... Ich schreibe mir auch gar keine künstlerische Ader zu, – eine intuitive schon, denn die brauchen Sie als Arzt auch, nicht.“

Bernhards Distanz- und Schutzbedürfnis

Wer Peter Fabjan, den heute 82-jährigen Gmundner Internisten, kennt, der weiß, dass er im Sprachduktus seinem Halbbruder täuschend ähnelt. Der Verfasser dieser Rezension begegnete Bernhards Bruder an einem Februartag 1999, als sich in Salzburg die Internationale Thomas-Bernhard-Gesellschaft gründen sollte. Das wäre um ein Haar gescheitert, weil der Flieger des anreisenden Suhrkamp-Lektors Raimund Fellinger und der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz in Frankfurt notlanden musste. Aus diesem Salzburger Abend, an dem auch Bernhards Halbschwester Susanne Kuhn teilnahm, hätte der damals schon zehn Jahre Tote vermutlich eines seiner herrlichen Dramolette gemacht. Und über dem stünde wie auch über diesem Buch die alte Bernhard-Frage: "Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?"

"Meine Krankheit ist die Distanz," hat Thomas Bernhard seinem Halbbruder – sie hatten dieselbe Mutter, aber unterschiedliche Väter – mal in einem Brief geschrieben. Zum immensen "Distanzbedürfnis", so Fabjan gesellte sich ein "Schutzbedürfnis". Und noch eines: "Die immer wieder fühlbare Verachtung war ihm Bedürfnis, um die ebenso stets vorhandene Zuneigung auszugleichen; desgleichen Provokation, ja Verletzung des Gegenübers, um in der Reaktion – ich sagte es schon – eigenes Leben spüren zu können, das in ihm wohl in frühester Kindheit erstorben war."

Was für ein Satz: das "eigene Leben in ihm schon in frühester Kindheit erstorben". Aus dieser Kindheit schildert Fabjan einige sprechende Szenen, so auch diese Anekdote aus der Zeit nach dem frühen Tod der gemeinsamen Mutter 1950. "Mein Aufsatz in Deutsch, der die elende häusliche Situation nach dem Tod der Mutter zum Thema nimmt – ein erster Versuch der Bewältigung von Erlebtem durch Schreiben –, wird vom Lehrer als vorbildlich gesehen und soll von mir vorgelesen werden, was ich ablehnen muss. Thomas sieht ihn als nicht zulässig an."

Früher Tod der Mutter, Hass auf den Ziehvater

"Nicht zulässig": Das sagt derselbe Thomas Bernhard, der anschließend seine gesamte Kindheit und Jugend in autobiografischen Romanen verarbeitete. Jeden Bernhard-Leser werden Peter Fabjans hier eher fragmentarisch vorgelegte Erinnerungen naturgemäß faszinieren. Der Erzähler kann berichten, was kein anderer so unmittelbar nah miterleben konnte: Da ist der "Hass", ja, Jähzorn, mit dem Thomas Bernhard seinem wohlwollenden Ziehvater zeitlebens begegnete. Seinen leiblichen Vater hatte er nie kennengelernt. Da ist die seltsame Beziehung des laut Fabjan "schlicht asexuellen" Thomas Bernhard zur weitaus älteren Hedwig Stavianicek. "Es war Vater, für den die Familie weiterbestanden hat", erzählt Fabjan in dem Buch. "In seinen späten Jahren berichtete er mir ziemlich bewegt von einem Telefonat mit Frau Stavianicek, die auf seinen Wunsch, Thomas zu sprechen, gemeint habe: 'Worum handelt es sich denn?' Er war inzwischen zu 'ihrem' Thomas avanciert. Darauf sein empörtes Insistieren mit erhobener Stimme: 'Ich möchte den Thomas sprechen !!!'"

Manches mutet tragikomisch an: Auf einer allein unternommenen Reise durch Sizilien lernt Peter Fabjan einen dort schon lange lebenden Deutschen kennen: "Ich werde in die Privatwohnung eingeladen und erzähle bei erlesenem Essen und Wein bis in die tiefe Nacht – von Thomas."

Es ist ein Leben im übermächtigen Schatten des berühmten Bruders, von dem Peter Fabjan hier sehr anschaulich Bericht erstattet – ein alles andere als leichtes Leben. Eine in dieses Buch aufgenommene, undatierte Notiz spricht da Bände: "Wenn Thomas nicht mehr lebt, werde ich meine Zuneigung viel stärker empfinden, als er es mir heute erlaubt."

Peter Fabjan: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Ein Rapport, ist bei Suhrkamp erschienen.

© Suhrkamp Verlag/ Montage BR

Cover: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Ein Rapport