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"Ich erkunde gar nichts": Per Pettersons Roman über Männerseelen | BR24

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"Männer in meiner Lage": Der neue Roman von Per Petterson

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"Ich erkunde gar nichts": Per Pettersons Roman über Männerseelen

Per Petterson gilt als Romancier des norwegischen Weltschmerzes. Mit seinem neuen Roman "Männer in meiner Lage" legt er sein bisher bestes Werk vor und schickt sein literarisches Alter Ego erneut in tiefe Melancholie. Zum großen Glück der Leser.

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Schon auf den ersten Seiten des neuen und sagen wir es gleich: vermutlich bisher besten Romans von Per Petterson stellt sich dieser seltsame Sog ein. Man wird gleichsam in einen tiefmelancholischen Mahlstrom hinabgezogen und der Ich-Erzähler tut alles, um uns nicht wieder so schnell daraus auftauchen zu lassen.

Das Telefon klingelt. Turid, die Ex-Frau von Arvid, ist am Apparat, und sie ist verzweifelt. Arvid kennen alle Leser dieses norwegischen Autors aus seinen vorherigen Büchern "Ich verfluche den Fluss der Zeit" und "Im Kielwasser". Er ist sein literarisches Alter Ego. Wie sein heute 67-jähriger Schöpfer Per Petterson 1952 geboren, hat auch Arvid Jansen seine Eltern und seinen jüngsten Bruder bei einer Schiffskatastrophe in der Ostsee 1990 verloren.

Verlust und Scheidung

"Männer in meiner Lage" setzt zwei Jahre danach ein, 1992. Da hat Arvid Jansen, der mit dem Verlust eines Großteils seiner Familie zu leben gelernt hat, bereits das nächste Unglück ereilt: Die Scheidung von seiner Frau, eben jener Turid, die zu Beginn dieses Romans in einem Dorf, eine Dreiviertelstunde Fahrt von Oslo entfernt, in einer Telefonzelle steht und ihren geschiedenen Mann um Hilfe bittet. Der fährt nur widerwillig zu ihr, schließlich leben sie schon seit einem Jahr getrennt und er sieht seine drei Töchter nur selten, weil sie bei ihrer Mutter leben.

15 Jahre Ehe sind also unlängst zu Bruch gegangen, und weil dieser Arvid Jansen ein Eigenbrötler ist, redet er mit niemandem darüber, sondern setzt sich lieber ins Auto und fährt so rast- wie ziellos in der Gegend umher. Ab und an nimmt er aus den Bars, in denen er verkehrt, eine Frau mit nach Hause und ins Bett, einmal sogar die attraktive Nachbarin Mary Jondal, das alles aber ohne jede emotionale Beteiligung.

Seine "einzigen vertrauten Freunde", so sagt er es einmal, seien seine Bücher: "Jeder Rücken eine Tür, die sich zu einem Leben öffnete, das nicht meins war, es vielleicht aber hätte sein können und es irgendwie doch war, denn ich hatte sie alle an einer Boje in meinem Herzen vertäut, jedes einzelne", schreibt Petterson in "Männer in meiner Lage". Und weiter: "Wer wäre ich ohne sie, wer wäre ich ohne Beauvoir, ohne Sandemose, Cora Sandel, Hamsun, wer wäre ich ohne Jan Myrdal, Hemingway und Jayne Anne Phillips, ohne Jean Rhys und Melville, Isaak Babel, Strindberg. Sie alle und noch mehr. Nein, wer wäre ich dann."

© Hanser Verlag

"Männer in meiner Lage" von Per Petterson Cover

Die männliche Gefühlswelt

Apropos Ernest Hemingway und vor allem Knut Hamsun: Als solcher wird Arvid Jansen mitunter verspottet bei seinem Gang durch Oslo. "Hallo, Knut Hamsun" ruft man ihm hinterher, oder auch "viel Glück, Knut Hamsun, auf deinem Weg". "Für meine Generation waren Hamsun und auch Hemingway sehr wichtig", erklärt Petterson. "Sie sind männliche Autoren in einem nicht so männlichen Sinne. Als junger Mann las ich von Hamsun all seine frühen Bücher. Nicht 'Segen der Erde', dieses Buch hasse ich, es ist in seinem Blut-und-Boden-Denken faschistoid. Aber 'Hunger' und vor allem 'Pan' zeigen uns, dass Hamsun unser größter Prosa-Autor ist."

Per Petterson reagiert geradezu ungehalten, wenn man ihn fragt, ob er in seinem neuen Roman die Gefühlswelt eines für unsere Zeit gar nicht so untypischen geschiedenen modernen Mannes erkunden wolle: "Ich erkunde gar nichts. Es ist einfach so: Ich schreibe ein paar Szenen und hoffe das Beste. Ich mache mir also keinen Plan. Bei Lesungen mache ich die Erfahrung, dass dort viele Männer sind, die mich offenbar als Fachmann für schwierige Lebenslagen ansehen. Ich kann da nur antworten: Tut mir leid, ich weiß es nicht. Das Buch scheint weiser als sein Autor zu sein, und das muss es auch sein, um ein erfolgreiches Buch zu sein, wie ein Freund mir mal sagte."

Fortsetzung folgt

An einer Stelle seines psychologisch feinnervigen Romans schreibt Per Petterson vom "Semaphor der Seele". Von jenen Signalen, die wir einander senden und die keiner Worte bedürfen. Eine Handbewegung, eine Gesichtsregung reicht. Es ist die Kunst Per Pettersons, mit Arvid Jansen einen Charakter geschaffen zu haben, die, obwohl sie hoffnungslos in sich selbst verstrickt ist, ein so großes Gespür für die Gefühle der ihm nächsten besitzt. Insbesondere für seine älteste Tochter Vigdis, die an der Trennung der Eltern beinahe zugrunde geht. Doch auch ihre Geschichte wird hier nicht auserzählt, so dass ein weiterer Roman unausweichlich ist. Es wäre ein Glück, dem traurigen Mann und den Seinen noch ein Stück Wegs folgen zu dürfen.

"Männer in meiner Lage" von Per Petterson ist in der Übersetzung von Ina Kronenberger im Hanser Verlag erschienen.

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