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Wie das Design von "Pentagon" den Punk ins Wohnzimmer brachte | BR24

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"Pentagon" - Retrospektive im Museum für angewandte Kunst in Köln

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Wie das Design von "Pentagon" den Punk ins Wohnzimmer brachte

Wie kein anderer steht dieser Name für das neue deutsche Design der Achtziger: "Pentagon" – eine fünfköpfige Gruppe, deren schräge Kreationen den Nerv der Zeit trafen. In Köln wird nun erstmals eine Retrospektive ihres Werks gezeigt.

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Bühne frei für Pentagons schräge Kreationen: Ein Catwalk ist aufgebaut, eine Videocollage mit Gorbatschow und Kohl, der Fussballweltmeisterschaft, dem Fall der Mauer, Andy Warhol in Köln und den Grünen im Bundestag. Davor wirken die gebogenen Stahlregale, die exaltierten Stehtische, die schnoddrigen Hängeleuchten wie Performer aus einer vergangenen Zeit.

Intensive Zusammenarbeit

Fünf soignierte Herren, die sich immer noch gut verstehen, betrachten die Szenerie mit einer gewissen Rührung. Reinhard Müller ist einer von ihnen: "Alle Teile, die je verkauft wurden, sind von uns gefertigt. Da waren wir schon fleißig in diesen sechs, sieben Jahren. Dazu kommen noch Ausstellungen, Messepräsentationen und die documenta. Dann reichte es auch. Nach einer so intensiven Zeit, danach mussten sich die Lebenswege trennen."

© Detlef Schumacher

Deckenleuchte "Pentagon" von Gerd Arens

© Detlef Schumacher

Regalmodule "Mai 68" von Meyer Voggenreiter

© Detlef Schumacher

Sitzmöbel "d8" von pentagon

© Detlef Schumacher

Tisch "1988" von Ralph Sommer

© Detlef Schumacher

Tisch "Amazonas" von Wolfgang Laubersheimer

Nichts für Puristen

Kein Zweifel, Puristen wie jene von der Hochschule für Gestaltung in Ulm hätten sich mit Grausen von diesen Möbeln abgekehrt. Das hat nichts zu tun mit der Konzentration auf die reine Form, mit Zweckökonomie und mit funktionalem Minimalismus. Das Neue Deutsche Design der 1980er-Jahre läutet mit rohen Materialien und zusammengekanteten Formen eine neue Ära ein: die Respektlosigkeit der Postmoderne, die vieles zitiert und nichts ernst nimmt.

Ein sogenannter "Diwan" besteht aus einem Untergestell mit zwei großen Speichenrädern, wie bei einer Rikscha. Darüber gelegt ist ein Orientteppich. Das sieht bequem aus. Und man begreift, dass es sich um eine ethnische Materialcollage handelt: Bei diesem Diwan geht es nicht ums Faulenzen, sondern um Beweglichkeit; um geistige Beweglichkeit, um Abkehr vom Materialfetischismus, von der polierten Oberfläche.

Zwischen Politik und Punk

Dazu passen Pentagons politische Ambitionen. Die Gruppe versah ihre Ausstellungen mit Titeln wie "Gipfeltreffen", "Herbstmanöver" oder "Wirtschaftskriege". Und anlässlich des zweiten Golfkriegs 1990 ließ sie ihren Stand auf der Internationalen Möbelmesse in Köln schlichtweg leer, erzählt Reinhard Müller: "Damals ging es ja um den Irakkrieg und darum, ob wir mitmachen oder nicht mitmachen. Das hat uns sehr betroffen. Wir konnten uns nicht einfach darauf konzentrieren, Geschäfte zu machen. Und deshalb haben wir ein Telefon hingestellt: Wer noch Interesse hatte an uns, der konnte dann ja anrufen."

Und Müllers damaliger Mitstreiter Wolfgang Laubersheimer ergänzt: "Wir fanden die Aufgeregtheit, die es auf einer Möbelmesse immer gibt, wo es eigentlich nur um Tische, Stühle und Schleiflackmöbel geht, angesichts dieser politischen Situation einfach zu viel. Deshalb haben wir uns da verweigert." Angesichts der aktuellen Ereignisse im Irak und Iran hatten die Pentagonier sogar erwogen, ihre Verweigerungsgeste im Kölner Museum für Angewandte Kunst zu wiederholen: nur ein Telefon, sonst nichts. Eine deprimierende Erkenntnis nach 30 Jahren Zeitgeschichte: Die Menschen lernen einfach nichts dazu.

Aber vor einer leeren Bühne hätten wir Besucher natürlich nicht diesen großartigen Flashback erlebt – in eine Zeit, als selbst Möbel zu Botschaftern eines ungeschminkten, punkigen Lebensgefühls wurden. Und man sich von gewagten Grenzerfahrungen, von kalkulierter Unbequemlichkeit und ruppiger Materialität vor allem eines versprach: einen klaren Kopf.

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