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Paul Virilio
© picture alliance/Leemage

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Christoph Vormweg
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Paul Virilio

Paul Virilio war ein Prophet und Mahner, ein, wie er sich selbst nannte, "christlicher Anarchist". Er hat die Großkrisen des ungehemmten Kapitalismus vorausgesagt, und er forderte mit Vehemenz die Entschleunigung unseres Lebenswandels. Denn, so die Kernbotschaft des Medientheoretikers, Stadtplaners und Architekten, die Menschheit sei auf einem selbstmörderischen Irrweg.

Die panische Stadt und die Revolution der Direktübertragungen

Hauptindiz dafür: der zunehmende Terror in den Städten: "Hannah Arendts sagte den Satz: 'Der Fortschritt und die Katastrophe sind die Vorder- und Rückseite derselben Medaille'. Dieser Satz wirft für uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts Fragen auf, denn es geht um das Scheitern des Erfolgs, ein totales Paradox. Die panische Stadt, ich sage das als Urbanist, ist für mich die große Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Schnelligkeit der Kommunikationsmittel und vor allem die Revolution der Direktübertragungen haben den Ort des Politischen, die Stadt, verändert."

"Rasender Stillstand", der Titel eines seiner bekanntesten Essays, brachte Paul Virilios Albtraum auf den Begriff: Den an den Bildschirm gefesselten Mediennutzer der Zukunft als Hampelmann, manipuliert von den Kontrolleuren der künstlichen Bilderfluten: "Ich glaube, wir steuern auf eine, wie ich es nenne, Globalisierung der Affekte zu. Wir befinden uns hier vor einem neuartigen, religiösen Phänomen: Vor der gottgleichen Möglichkeit, praktisch auf der ganzen Welt das gleiche Gefühl zu erzeugen."

Begründer der "Dromologie"

Paul Virilio, geboren 1932, gehörte zu den Kindern des Zweiten Weltkriegs, traumatisiert von den Bombennächten in der bretonischen statt Nantes, traumatisiert von der Jagd der Gestapo auf seinen Vater. Philosoph wollte er nie genannt werden, sein großes Thema war die 1977 mit dem Essay Geschwindigkeit und Politik begründete "Dromologie", die Lehre von der technologischen Beschleunigung, die unsere Raum-, Zeit- und Realitätsvorstellungen in nur wenigen Jahrzehnten radikal veränderte. Das machte Paul Virilio auch zu einem der heftigsten Kritiker der modernen Stadtplanung: "Ich bin total gegen Wohntürme, gegen den 'Turmismus', wie ich ihn nenne. Wir haben da keine Komplexität. Die Komplexität, das ist der Boden, das Labyrinth am Boden, die Medina oder so etwas, das Labyrinth im 3-D-Format. Der Boden ist der Ort, wo man die Beziehungen verwalten kann."

Die Wissenschaftlichkeit von Paul Virilios Theorien ist bis heute umstritten, doch stießen seine polarisierenden Thesen rund um die Welt dringend nötige Diskussionen über die Zukunft der Menschheit an. Nach seiner Emeritierung als Professor für Architektur in Paris floh der Denker die Großstadt und zog an die Atlantikküste, ohne Fernseher und Auto, ein Sinnbild der Entschleunigung. Sein Lebensmotto war das seines Namensheiligen, des Apostels Paulus: "Hoffen gegen alle Hoffnung". Die Tyrannei des Bildes, die von ihm sogenannten Informationsbomben der Live-Demokratie, kurz die Kontrolle des Weltbildschirms hat Paul Virilio bis zuletzt attackiert: "Wenn man die Entwicklung der Machtverhältnisse, Frankreich inbegriffen, betrachtet, sieht man, in welcher Weise man sich vor einer Medienmacht befindet, die nicht mehr viel mit der parlamentarischen Demokratie zu tun hat wir haben es heute, wie ich in einem früheren Buch genannt habe, mit medialen Putschen zu tun."

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Autoren

Christoph Vormweg

Sendung

kulturWelt vom 19.09.2018 - 08:30 Uhr