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Man Booker-Preisträger Paul Beatty
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Cornelia Zetzsche
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Man Booker-Preisträger Paul Beatty

Rassismus als Label

"Bitte nicht weitersagen, aber die Wiedereinführung der Rassentrennung in Dickens, die wir während der folgenden Monate betrieben, machte durchaus Spaß." Roman-Zitat

Was tun, wenn der eigene Ort ein Schandfleck ist und mit der Gentrifizierung von der Landkarte verschwindet? Man braucht mediale Aufmerksamkeit, ein Label, das den Blick lenkt auf Dickens, Los Angeles - schwarz, arm, gewalttätig, kriminell und verloren. Für den Ich-Erzähler, einen Bücherfreund und Farmer mit den besten Wassermelonen der Gegend, und für seinen Freund Hominy, der schon immer gequält werden wollte, ist die Sache klar: "Bereit zur Rassentrennung, Hominy?" - "Jawohl, Master."

Stolz und Selbsthass

Die zwei Schwarzen führen die Sklaverei und Rassentrennung wieder ein - erst zu Hause, dann im großen Stil in der ganzen Stadt. Und Hominy ist der geborene Sklave. Schon als Hollywood-Schauspieler bei den "Kleinen Strolchen" war er immer nur die Zweitbesetzung, also zweite Wahl oder in dienender Funktion. Jetzt ist er ganz in seinem Element.

"Danach klemmte er ein 'NUR FÜR FARBIGE'-Schild in das Schaufenster des Ladens, Restaurants oder Schönheitssalons, als gehöre das zu seinem Auftritt. Man nahm die Schilder nie ab, jedenfalls nicht in unserem Beisein, er hatte zu hart dafür geschuftet." Roman-Zitat

"Hominy trägt Stolz und Selbsthass zugleich in sich. Wie viele moderne Amerikaner, vermisst er Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit hält ihn in Bewegung", sagt Paul Beatty und riskiert provokante Vokabeln.

"Niggerflüsterer"

Eigenwillig sind alle in dieser bitterbösen, mitreißenden Realsatire. Hominy, der freiwillige Sklave, Marpessa, die schöne Busfahrerin und der Ich-Erzähler, der keinen Namen, aber eine bizarre Kindheit hat: als Kind eines Psychologen, der den Sohn mit Experimenten malträtierte und am Ende selbst, als sogenannter "Niggerflüsterer", von Polizisten erschossen wurde. Aber: "Es ist kein Buch über Polizeigewalt, aber das Thema beschäftigt uns natürlich, nicht nur in Los Angeles. Es herrscht Rassismus in Los Angeles, die Leute sehen das als Problem von Schwarz und Weiß, aber auch Indianer leiden unter der Gewalt der Polizei. In den meisten Gemeinden leidet eine Gruppe unter der Gewalt der anderen. Ich möchte den Grad an Unrecht in den Vereinigten Staaten nicht kleinreden, aber da gibt es so viel Dynamik unabhängig von der Hautfarbe. Schwarze Polizisten missbrauchen schwarze Bürger, so dass es mir schwer fällt, über Ungerechtigkeit als Problem von Schwarz und Weiß zu reden", sagt Paul Beatty.

Seelen-Rucksack

"Der Verräter" ist eine preisgekrönte, bissige, kühne, rasante, vom Poetry Slang beflügelten Satire über die verschiedensten Varianten von Rassismus. Und der Realitätsgehalt? Gleich Null, behauptet Paul Beatty cool. Eher beschreibe der Roman, wie man sich durch Los Angeles bewege: "Und dabei bringt man viel Gepäck mit, von einer Seite zur anderen, wer ist man auf der einen Straßenseite und wer auf der anderen, und was werden die Leute von einem denken. Alles basiert auf Rasse und Klasse, einer Gang oder so, fand ich heraus. Rasse und solches Zeug ist manchen wichtig, aber für mich ist es nur das Zeug im Rucksack, es ist einfach immer dabei. Manche wollen wissen, dass Rassismus existiert, um 12.05 Uhr, an dieser Ecke. Aber so funktioniert es nicht", so Paul Beatty.

Die Wiedereinführung von Sklaverei und Rassentrennung bringt den Erzähler zwar - völlig stoned - vor Gericht und ins Gefängnis. Aber wie kann man schuldig sein für etwas, das nur per Gesetz abgeschafft wurde, nicht in der Wirklichkeit?

Paul Beatty und sein preisgekrönter Roman "Der Verräter"

Paul Beatty und sein preisgekrönter Roman "Der Verräter"

Amerikas fragile Psyche

Am Ende kommt der Erzähler frei. Dazwischen haben er und seine Freunde eine Menge Spaß, bei ihrer Rassen-Mission in Schulen, Restaurants und Ämtern, auf einer Bus-Party und der Suche nach einer Partnerstadt für das verdreckte, rassistische Dickens. Tschernobyl lehnt gleich ab. Dickens sei zu schmutzig heißt es in dieser brillanten Satire, die deutlich komischer ist als die Wirklichkeit unter Trump. Als politischen Kommentar will Beatty seinen preisgekrönten Roman nicht verstanden wissen, aber die Lage der USA beunruhigt ihn doch: "Trump erfindet nicht mal was Neues, vieles gibt es in Zyklen immer wieder. Was mir Angst einflößt ist, wie die Leute sich auf seine Seite stellen, wie Menschen seine immer wieder zitierten Erfolge interpretieren, wie sie sich plötzlich stärker fühlen, das macht mir wirklich Angst. Trump kam nicht aus dem Nichts, all diese Dinge lagen seit langem in der Luft. Ich sehe Amerika als sehr unsicheren Ort in Sachen Identität. Amerika hat sich nie mit sich auseinandergesetzt. Seine nationale Psyche ist fragil. Die Leute gehen seltsam mit Krisen um. So haben wir das gelernt, alles ist ok, auch wenn wir gar nicht ok sind. Wo blieb ihr Sinn dafür, was ok ist? Das macht mir Angst", so Paul Beatty.

"Wir verteilten Süßigkeiten und Limonade, um sie daran zu erinnern, dass sich das Leben als privilegierter Weißer und Wohlhabender anfühlt, als wehte einem stets ein warmer Wind ins Gesicht, als säße man den lieben langen Tag vorn in einem Cabrio." Roman-Zitat

Paul Beatty: Der Verräter, Übersetzung: Henning Ahrens, Luchterhand 20 Euro

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Autoren

Cornelia Zetzsche

Sendung

radioTexte vom 11.11.2018 - 12:30 Uhr