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"Wer schreibt, kann nicht nett sein", sagt Lektorin Anna von Planta im Interview über Patricia Highsmith, die heute 100 wird.

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"Wer schreibt, kann nicht nett sein"

Die Schriftstellerin Patricia Highsmith wurde vor 100 Jahren geboren – was sie interessierte, war der potentielle Mörder in uns allen. "Nett" passt da nicht, sagt ihre langjährige Lektorin Anna von Planta.

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Von
  • Judith Heitkamp

Beklemmend kann es sein, Patricia Highsmith zu lesen. Je mehr man den talentierten Ripleys und ihresgleichen folgt – nette Menschen, die irgendwo in sich den Mörder tragen – umso mehr beschleicht einen das Gefühl, dass alltägliche Kategorien wie "nett" oder "normal" fürchterliche Abgründe in sich bergen können. "Autorin der unbestimmten Beklemmung" hat Graham Greene Patricia Highsmith genannt. Zum 100. Geburtstag der Autorin spricht Judith Heitkamp mit Anna von Planta, der langjährigen Lektorin von Highsmith beim Diogenes Verlag.

Judith Heitkamp: Beklemmend, schon 1950, Patricia Highsmiths erster großer Erfolg, die Fremden im Zug, die den perfekten Mord planen, von Hitchcock verfilmt – was war so umwerfend an diesem Krimi? Und war es überhaupt ein Krimi?

Anna von Planta: Anders als bei Zeitgenossen wie Dashiel Hammett oder Raymond Chandler sind es keine Whodunnits bei Patricia Highsmith. Es gibt keine genialischen, rationalen Detektive, die die Mordtat vom Anfang im Laufe des Romans aufklären und die Welt quasi wieder heil machen. Es gibt auch keine Berufsverbrecher. Das hat die Highsmith nicht interessiert. Was für sie interessant war, ist, dass wir alle potenziell den Mörder in uns tragen. Und den Wunsch nach Gerechtigkeit fand sie eigentlich absurd, weil Gerechtigkeit auch im wirklichen Leben nicht vorhanden sei.

Stimmt es, dass sie schon als Kind ein Buch über Psychopathologien gelesen hat und das ausschlaggebend für ihr ganzes Werk wurde?

Sie hat relativ früh Bücher gelesen, die nicht für Kinder sind, nämlich Karl Menninger, "The Human Mind", in dem Fälle von Kleptomanen und Pyromanen analysiert werden, Abweichungen des menschlichen Geistes und der menschlichen Seele. Die kleine Pat stellt fest – ich würde sie auf der Straße nicht unterscheiden von sogenannten "Normalen". Und sie hatte keine heile Welt als Kind, sie wurde hin- und hergeschubst zwischen Texas und New York. Sie konnte kein Urvertrauen aufbauen, wusste also aus eigener Erfahrung: Das gibt es nicht.

Wie macht sie das handwerklich? Gibt es eine Patricia-Highsmith-Technik, Beklemmung zu erzeugen?

(lacht) …Ja, das stimmt schon … am Anfang bei "Zwei Fremde im Zug" etwa: eine Situation, die jedem von uns passieren kann, wir reisen im Zug. Aber dann kommt im zweiten Abschnitt ein Satz "Guy Haines merkte, dass der Hass sein Denken trübte und die Wege, die ihm in New York die Logik gewiesen hatte, in Sackgassen verwandelte …" Man bemerkt also sofort – da ist was nicht, wie es sein sollte, jemand ist emotional aus dem Lot, und das wird immer mehr zunehmen. Und wir als Leser können nicht halt sagen und sind sofort auf der Seite dieses künftigen Mörders.

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Bildrechte: Nathan Beck/ Diogenes Verlag

Anna von Planta, Lektorin, die von 1985 mit Patricia Highsmith gearbeitet hat.

Die jüngste Biografie über Patricia Highsmith beginnt mit den Worten "Sie war nicht nett". Und das war offenbar immer wieder ein Thema. War sie nett oder nicht?

Also sie war schon etwas … sagen wir mal so: Wer ist schon nett? Würde man das bezogen auf einen Mann fragen? Ist ein John Irving nett? Wer schreibt, kann gar nicht nett sein. Und die Highsmith war auf die unterhaltsamste, spannendste Art nicht nett. Sie war stark. Sie war eigenwillig. Sie war keineswegs anbiedernd, sie wollte keiner Mode folgen, sie wollte nicht gefallen und sie war aktiv. Was damals die Frauen vielleicht nicht alle waren. Ich habe sie eher als stachelig empfunden. Besonders am Anfang …

Können Sie sich an Ihr erstes Treffen erinnern?

Da hat mir der Verleger 1985 ein Manuskript in die Hand gedrückt und gesagt, lies es über Nacht und morgen triffst du Patricia Highsmith. Als ich ihr dann begegnete, habe ich ihr die Hand zur Begrüßung hingestreckt – was man vielleicht bei Angelsachsen nicht tun sollte – und sie hat diese Hand einfach in der Luft gelassen. Sie hat sich ein Bier bestellt und geschwiegen. Damit musste ich erst mal klarkommen, dass jemand einfach schweigt und eben nicht nett Konversation macht. Aber dann kamen wir über das Manuskript in eine gute Diskussion – und das hat eigentlich nicht aufgehört. Es war eine gute Arbeitsbeziehung. Mit der Zeit hat sie angefangen, ihre enge Freundschaft zu unserem Verleger Daniel Keel auch ein wenig auf mich auszudehnen, sie hat mich sonntags angerufen, wollte wissen, wie es mir geht, wollte mir erzählen, wie es ihr geht, auch außerhalb der Manuskripte oder unserer Pläne.

Die Welt war auch nicht immer nett zu Patricia Highsmith.

Sehr richtig.

Ihre sexuelle Orientierung war verpönt, sie hat unter Pseudonym einen sehr erfolgreichen Roman über eine Frauenliebe geschrieben, sich aber lange nicht offen zu diesem Roman bekannt. Er spielt in den prüden amerikanischen 50er-Jahren und wurde erst vor kurzem erfolgreich verfilmt, "Carol" mit Cate Blanchett. Dabei war das doch ein sehr zeitgebundenes Thema.

Es war eine Pioniertat, die sie beging, indem sie zum ersten Mal einen lesbischen Liebesroman schrieb, der gut endet. Inzwischen ist dieser Liebesroman in der Mitte der Gesellschaft angekommen … oder man könnte es denken. Wir sind eine viel gleichberechtigtere Gesellschaft. Aber wir sprechen immer noch von einer lesbischen Liebesgeschichte. Wenn wir wirklich in einer gleichberechtigten Gesellschaft wären, würden wir einfach von einer Liebesgeschichte sprechen.

Sie waren auch diejenige, die zusammen mit dem Verleger Daniel Keel nach dem Tod von Patricia Highsmith die umfangreichen persönlichen Notizen gefunden hat, die im kommenden Herbst veröffentlicht werden. Ändern die Ihren Blick auf Patricia Highsmith noch mal?

Ja, schon. Hauptsächlich die junge Highsmith ist eine Entdeckung. Sie ist so unendlich verliebt, verzweifelt, charmant, eigenwillig, stark. Sie hat mal gesagt: 'Schreiben ist ein Ersatz für das Leben, das ich nicht leben kann, weil es mir verwehrt ist.' Das ist deutlich in diesen Diaries und Notebooks, dass sie viel im Schreiben erlebt oder kompensiert, was sie sich im wirklichen Leben nur erträumen kann oder unter dem Deckel halte.

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