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Hymne "Heil Dir": Wie Oberammergau mit der Absage umgeht | BR24

© Andreas Stückl

Erste Volksprobe von "Heil Dir" in Oberammergau für 2020 am Palmsonntag

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    Hymne "Heil Dir": Wie Oberammergau mit der Absage umgeht

    Die Passionsspiele sind auf 2022 verschoben, aber am Palmsonntag probten die Oberammergauer trotzdem wie geplant "Heil Dir", die inoffizielle Passions-Hymne. Die sollte bei der Eröffnung am 16. Mai live ertönen. Hier gibt es sie immerhin digital.

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    Es gilt als die inoffizielle Hymne der Oberammergauer: Das "Heil Dir" aus dem weltberühmten Passionsspiel. Wenn Jesus auf dem Esel in Jerusalem einzieht, jubelt ihm das Volk auf der Bühne singend zu: "Heil Dir, heil Dir, o Davids Sohn! / Der Väter Thron gebühret Dir! / Der in des Höchsten Namen kömmt, / Dem Israel entgegen strömt." Vom kleinen Mädchen bis zum Greis biblischen Alters kennen alle in Oberammergau diese Zeilen auswendig.

    Schock wegen Verschiebung

    Am Palmsonntag 2020, an dem Tag im Kirchenjahr also, der an Jesu Einzug nach Jerusalem erinnert, erschallte das "Heil Dir" aus Lautsprechern vom Turm der Oberammergauer Ortskirche. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass heuer, anders als geplant, kein Volk Jesus im Passionstheater entgegen strömen und auch der erwartete Strom an Passionspilger-Touristen ausbleiben würde. Denn die Oberammergauer Passion 2020 musste wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden, beziehungsweise verschoben werden auf 2022.

    Auch wenn die Passion also nicht ersatzlos gestrichen wurde: Ein Schock ist die Verlegung für den Ort dennoch - weshalb viele Tränen flossen in Oberammergau, als das "Heil Dir" am Palmsonntag vom Kirchturm erschallte.

    Vollbremsung statt Vorfreude

    Alle zehn Jahre spielt das Dorf die Passion. Die Vorfreude beginnt in der Regel zu wachsen, wenn die Hälfte eines Zwischenjahrzehnts vorbei ist und die letzte Passion länger zurückliegt als es bis zur kommenden noch dauern wird. Jahr für Jahr steigt die Passionsfieberkurve an, in den letzten Monaten laufen die Vorbereitungen dann auf Hochtouren.

    Das Corona-Aus kam einer Vollbremsung gleich. Danach sind alle erst mal in ein tiefes Loch gefallen. "Wir haben seit Dezember jeden Tag geprobt, und sind dabei richtig zusammengewachsen", erzählt Frederik Mayet, einer der beiden Jesusdarsteller. (Alle großen Rollen sind doppelt besetzt.) Seit dem Proben-Aus habe er die meisten Mitspieler von einem Tag auf den anderen nicht mehr gesehen. Höchstens zufällig beim Spazierengehen. Aber sonst? "Man sollte sich ja gar nicht treffen."

    Klar, es wird immer auch gestritten über die Passion, aber am Ende ziehen alle an einem Strang. Die Passion ist ein Gemeinschaftserlebnis. Das verträgt sich nicht mit Social Distancing.

    Entstanden aus der Überwindung einer Pandemie

    Die Anfänge der Oberammergauer Passion liegen im 17. Jahrhundert. Damals wütete die Pest in Bayern und erreichte auch das Ammertal. Die Dorfbewohner gelobten daher, alle zehn Jahre die Leidensgeschichte Jesu auf die Bühne zu bringen, so das Sterben ein Ende nähme. Nach diesem Gelübde, so will es die Überlieferung, gab es keinen einzigen Pest-Toten mehr im Ort.

    Bis heute halten sich die Oberammergauer an ihr Versprechen. Passion gespielt wurde fast durchgängig im Zehnjahresrhythmus, von ganz wenigen historischen Ausnahmen abgesehen. Dass das Passionsspiel, das seine Existenz der Überwindung einer Pandemie verdankt, nun durch eine andere Pandemie ausgebremst wurde, ist nicht ohne Ironie.

    Rund ein halbe Millionen Besucher aus aller Welt wurden zu den über 100 Vorstellungen in diesem Passionssommer erwartet. Knapp 5.500 Einwohner hat Oberammergau, etwa 2.400 hätten in diesem Jahr auf und hinter der Bühne mitwirken sollen. Fast das halbe Dorf. Und der Rest? Hätte die Besucher beherbergt und bewirtet.

    © Andreas Stückl

    Die Oberammergauer leben von der Passion, aber auch für die Passion. "Gestorben wird nach der Passion!"

    Die Passion bestimmt den Lebensrhythmus

    Die Oberammergauer leben von der Passion, aber auch für die Passion. "Gestorben wird nach der Passion!" heißt es dort. Rückt ein Spieljahr näher, mobilisieren die Alten ihre letzten Kräfte: Einmal, ein letztes Mal noch dabei sein!

    Auch sonst leben die Menschen in Oberammergau im Zehnjahresrhythmus der Passion. Ihr Dasein teilt sich in ein Davor und ein Danach. Sie nehmen unbezahlten Urlaub, um beim Passionsspiel dabei sein zu können, oder vertagen wichtige Entscheidungen. Junge Paare beschließen, das erste Kind erst nach der Passion zu bekommen. Studierende planen so, dass sie ihr Auslandssemester erst nach dem Passionssommer antreten. Die Absage hat bei nicht wenigen die Lebensplanung über den Haufen geworfen.

    Die Verlegung um zwei Jahre kommt einer Herzrhythmus-Störung gleich, die den gesamten Dorforganismus belastet. Es ist, als würde der Pulsschlag für einen Moment aussetzen, und keiner weiß, wie der Patient das wegsteckt.

    Die Lehren aus Pest und Corona

    Jesus-Darsteller Frederik Mayet hat sich inzwischen aus dem Absage-Tief wieder herausgearbeitet und sagt: "Wir haben etwas, worauf wir uns freuen können!" Auf die Passion 2022 nämlich. Und vielleicht wird ja in zwei Jahren sogar etwas von dem ursprünglichen Passionsgefühl wieder spürbar.

    Als die Oberammergauer im 17. Jahrhundert die Pest überwunden hatten, und ein Jahr nach ihrem Gelübde erstmals die Passion zur Aufführung brachten, muss eine große Last von ihnen abgefallen sein. Corona ist zum Glück nicht die Pest. Aber zumindest eine Ahnung dieses Gefühls der Befreiung dürfte sich bei vielen Oberammergauern einstellen, wenn sie mit zweijähriger Verzögerung endlich auf die Passionsbühne zurück dürfen. "Mit dieser Verschiebung", sagt Eva Reiser, eine von zwei Darstellerinnen der Muttergottes Maria, "werden wir nun auch in die Chronik eingehen." Noch wichtiger aber: Für sie sei es vor allem die Sehnsucht, die die Passion ausmacht. Oberammergau spielt nur alle zehn Jahre. Und alle fiebern darauf hin. Jetzt noch zwei Jahre länger warten zu müssen, findet Reiser, verstärke diese Sehnsucht. "Das kann ja auch eigentlich nur positiv sein."

    Hoffnungsfroh nach vorne blicken – das ist nun die Devise in Oberammergau. Und dennoch: Am Samstag, den 16. Mai, wenn die Passion 2020 hätte Premiere feiern und kurz nach Beginn der Vorstellung das "Heil Dir" hätte erklingen sollen, dürfte den Oberammergauern trotzdem noch einmal zum Heulen zumute sein. Das ganze Dorf hat geprobt für diesen Moment.

    Zum Trost gibt es nun immerhin eine virtuelle Premiere: auf der BR KulturBühne.

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