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Wissenschaft darf sich nicht einig sein.

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Paret: "Der Untergang der Uni, der fällt niemandem auf"

"Wattiertes Denken" statt überraschender Erkenntnisse: So umschreibt Philosoph Christoph Paret den aktuellen Output von Universitäten. Wissenschaftlerinnen würden gezwungen existentielle Risiken einzugehen, während intellektuelle verhindert würden.

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Von
  • Joana Ortmann

Im Sommer 2019 beschwor Greta Thunberg vor dem Weltklima-Rat unter großer öffentlicher Anteilnahme die Kraft der Wissenschaft: "Ihr müsst nicht auf uns hören – wir sind ja nur Kinder. Aber ihr müsst auf die vereinte Wissenschaft hören. Versammelt euch gemeinsam hinter der Wissenschaft!" So beschwor Greta ihr Publikum am Ende dieser Rede. Es sind Sätze, bei denen dem Wiener Philosophen Christoph Paret mulmig wird. Die Wissenschaft als vereinte Bastion: Das findet er gefährlich. Zuviel Einmütigkeit schade der Forschung. Wissenschaftler und die sie umgebende Institution – die Universität – sollten per se misstrauisch bleiben, das hat er vor kurzem auch in einem Essay in der Kulturzeitschrift "lettre international" dargelegt.

Joana Ortmann: Was steckt denn für Sie Herr Paret in dieser Aufforderung von Greta für eine Haltung gegenüber der Forschung drin?

Christoph Paret: Wenn ich höre, dass andere Leute uns als Wissenschaftler so viel Macht zuschustern wollen, dann wird es mir ganz unheimlich. Luhmann hat ja ganz schön gesagt, dass jede Wahrheit eigentlich ein Erschöpfungszustand der Wissenschaft ist. Wissenschaftler lieben es eigentlich, aus dem Konsens mit ihren Kollegen auszubrechen. Darin besteht letztendlich ihr Stolz und auch das Vergnügen, Wahrheiten zu finden, die zu den vermeintlichen Wahrheiten der Kollegen über Kreuz stehen.

Inwiefern ist dann Gretas Rede und überhaupt ihre Art, die Wissenschaft zu vereinnahmen, vielleicht ein ganz gutes Beispiel, wie sich da der Blick auf die Wissenschaft geändert haben könnte?

Es fällt einem etwas schwer, Greta zu kritisieren. Es kann ja sein, dass wir jetzt wirklich die Welt retten müssen und dann ist es nicht so wichtig, dass die Wissenschaft vielleicht untergeht. Aber der Wissenschaft selbst tut es nicht gut, wenn von außen her Forderungen an sie herangetragen werden, dass sie sich endlich für die Gesellschaft nützlich machen müsste. Das ist ungefähr so wie bei der Situation der Kirchen. Früher hätte man gesagt, die Leute sollen mehr in die Kirche gehen und heute sagt man, die Kirche soll zu den Leuten kommen. So würde ich auch den Zustand der Wissenschaft bezeichnen. Früher war es unglaublich erstrebenswert, an die Uni zu gehen. Das war ein verheißungsvoller Ort, wo man eine Weile in Ruhe gelassen wurde von der Welt, von der Gesellschaft. Studieren bedeutete so viel wie Urlaub von der Gesellschaft zu nehmen, und forschen bedeutete, darin gerechtfertigt zu sein, die Gesellschaft ignorieren zu können. Und diese Vorzeichen haben sich total verkehrt in den letzten 30 Jahren. Jetzt muss die Wissenschaft auf die Gesellschaft zugehen.

Vielleicht können Sie das mal anhand Ihrer Position als Forscher am Philosophie-Lehrstuhl in Wien erläutern?

Wenn ich auf meine eigene Biografie als Wissenschaftler zurückblicke, sehe ich mich eigentlich in einer ganz merkwürdigen Situation. Ich bin jemand, der durch sein Studium und durch verschiedene Einrichtungen unglaublich reich beschenkt wurde, der in Muße forschen konnte – und jetzt kann ich nichts zurückgeben. Denn die Universität in ihrem aktuellen Zustand, beispielsweise wie studiert wird, die erlaubt es mir gar nicht, dass ich meinen Studenten genau diese Form des Studierens vermitteln kann, die ich mal erfahren durfte und die ich sehr genossen habe.

Und was würden Sie gern zurückgeben?

Beispielsweise sowas wie eigen-interessiertes Studieren. Die Wissenschaft in der Vor-Bologna-Universität bedeutete vor allem, sich frei entfalten, frei forschen zu können. Das Merkwürdige ist, wenn ich an meine Art des Studierens zurückdenke, dann hatte ich nicht den Eindruck, mich nützlich machen zu müssen. Aber die Wissenschaft, die so organisiert war, die war merkwürdigerweise sehr nützlich für die Gesellschaft. Denn Leute, die eigenen Pfaden folgen konnten, die konfrontierten die Gesellschaft danach mit überraschenden Bildern und Erfindungen. Und jetzt kann man die Beobachtung machen, seitdem man ganz eingespannt ist in die Gesellschaft kann die Forschung eigentlich viel weniger Interessantes beitragen zu dieser Gesellschaft.

Sie sagen ja, diese Einmütigkeit, die dann zwangsläufig herrscht, wenn man Universität und Wissenschaft so versteht, die ist gefährlich – und langweilig!

Also der Effekt ist vor allem, dass man gar keine Rolle mehr in der Gesellschaft spielt. Also, ich würde sagen, was da an den Universitäten passiert, das ist nicht insofern katastrophal, als dass da den Leuten irgendetwas auf eine schlimme Art und Weise fehlen würde. Sondern insofern, dass man uninteressant geworden ist und keine Rolle mehr spielt, also der Untergang der Uni, der fällt niemandem auf. Das ist auch der Unterschied zu den Krisen auf anderen Gebieten. Wenn es auf medizinischem oder wirtschaftlichem Gebiet eine Krise gibt, dann ist das immer eine spektakuläre Angelegenheit, und alle Blicke richten sich auf dieses Krisengebiet. Und bei der Uni ist es so – ähnlich wie übrigens in der Kunst: Wenn es da eine Krise gibt, also wenn der Laden nicht mehr ganz normal funktioniert, wie er früher mal funktioniert hat, dann ist das eigentlich eine geräuschlose Angelegenheit. Die Uni, die nicht funktioniert, ist eine Uni, die nicht wahrgenommen wird.

Ein Kontrast zur öffentlichen Wahrnehmung: Da habe ich eher den Eindruck, dass wir von wissenschaftlichen Expertinnen und Experten umgeben sind…

Mein Eindruck wäre dagegen, dass diese Experten über das hinaus, was Politiker ohnehin sagen, nicht sonderlich viel beitragen. Der Philosoph Boris Groys hat schon recht, dass zum Beispiel Corona nicht nur einfach unsere Körper infiziert, sondern vor allem unseren Geist. Überall, wo man hinkommt, wenn man den Fernseher anschaltet, wenn man mit Freunden redet, alle reden über das Corona-Virus, und die Wissenschaft könnte eigentlich der Raum sein, wo es erlaubt ist, mal nicht darüber zu diskutieren, und das hätte sie vor 30 Jahren auf eine viel überzeugendere Art und Weise sein können. Also für mich ist gerade diese Omnipräsenz bestimmter Experten in den Medien eher so etwas wie ein Krisenphänomen.

In Ihrem jüngsten Essay schreiben Sie: Der größte Mut bestünde eigentlich darin, sich nicht nur seines eigenen Verstandes zu bedienen, sondern sich auch seiner eigenen Ansichten zu entledigen – also mutig zu sein und sich überraschend zu lassen?

Die Aufgabe der Universität besteht eigentlich nicht darin, dass man frei seine Meinung äußert, sondern, dass man sich seiner Meinung entäußert, ja, dass man sich von seiner Meinung befreit. Das klingt zunächst einmal vielleicht kompliziert, aber damit ist eigentlich nur diese Banalität gemeint, dass es an der Uni darum gehen sollte, etwas Neues rauszufinden und das wiederum heißt: etwas zu denken, von dem man dann sagen würde, das hätte ich nicht gedacht. In einer Hinsicht allerdings würde ich Ihrer Frage nicht folgen, weil ich glaube, es reicht heute nicht aus, an den Mut des Einzelnen zu appellieren, sondern man muss zusätzlich bestimmte systemische Forderungen umstellen. Beispielsweise hat in den letzten Jahrzehnten die Unsitte um sich gegriffen, dass die Wissenschaftler nur die Projekte realisieren können, wo sie Geld bewilligt bekommen. Und um dieses Geld zu bekommen, müssen sie erst einmal Projekt-Anträge schreiben und das ist so ein Punkt, da reicht es nicht aus, mutig zu sein. Denn jemand, der in einem Projekt-Antrag einen originellen Gedanken äußern würde, der würde gerade deswegen abgewiesen werden. Nicht weil die Gutachter irgendwie böse oder eingerostet wären, sondern weil die neuen Gedanken ganz naturgemäß die unplausiblen sind.

Das heißt im System Universität liegt der Hund begraben… Diesbezüglich haben Sie einige herrliche Forderungen formuliert. Eine lautet: Die Universität muss verschwenderisch werden. Das widerspricht natürlich komplett der Optimierungsgesellschaft.

Ich habe eigentlich gar nichts gegen diesen Nützlichkeits-Imperativ. Aber das Problem daran ist: Wenn wir in die Zukunft schauen, dann wissen wir oft gar nicht, was denn in der Zukunft nützlich sein wird? Nach dem 11. September waren plötzlich die Islamwissenschaften wieder sehr nützlich. Wer hätte gedacht, dass Virologen jemals nützlich sein würden? Wir sollten mehr darüber nachdenken, dass wir eigentlich gar nicht wissen, was nützlich ist. Es gibt ja auch unterschiedliche Zukunftsszenarien. Also, möglicherweise nehmen irgendwelche Maschinen uns in der Zukunft die Arbeit ab, und dann wäre es eigentlich nützlich, in der Universität die Studenten darauf vorzubereiten, nicht mehr arbeiten zu müssen, sondern muße-orientiert vorzugehen. Und dann wäre die heutige Universität eine pure Verschwendung.

"Schiffbruch ohne Zuschauer" heißt der von Christoph Paret gerade erschienene Essay zum Thema.

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