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Wie "Parasite" Kapitalismuskritik und Unterhaltung vereint | BR24

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"Parasite" gewann im Sommer die Goldene Palme von Cannes, jetzt kommt er in die Kinos. Dem südkoreanischen Regisseur Bong Joon-ho gelingt es, Kritik am Kapitalismus zu üben – und das ohne Sozialkitsch, sondern als abgründiges Unterhaltungskino.

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Wie "Parasite" Kapitalismuskritik und Unterhaltung vereint

"Parasite" gewann im Sommer die Goldene Palme von Cannes, jetzt kommt er in die Kinos. Dem südkoreanischen Regisseur Bong Joon-ho gelingt es, Kritik am Kapitalismus zu üben – und das ohne Sozialkitsch, sondern als abgründiges Unterhaltungskino.

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Die Kims, Mutter, Vater und zwei erwachsene Kinder, hausen in einer niedrigen Souterrainwohnung. Sie leben vom Zusammenfalten von Pizzakartons, ernähren sich von Instantnudeln und nutzen das WLAN des darüber liegenden Appartements, indem sie ihre Handys an die Decke halten und nach den Spots mit Empfang suchen. Wie kaum ein anderer Regisseur im internationalen Kino bildet der Südkoreaner Bong Joon-ho den globalen Klassenkampf ab, entwirft perfide Sittenbilder, überschreitet lustvoll Genregrenzen und dreht schwarze Sozialkomödien, die sich in einen Horrorfilm oder einen Science-Fiction-Thriller verwanden können.

In "Parasite" offenbart sich die Erbarmungslosigkeit der sozialen Verhältnisse, wenn etwa draußen, über dem Souterrain der Underdogs, einmal die Woche ein Schädlingsbekämpfer vorbeizieht und die Familie wie Ungeziefer mit chemischen Vernichtungsmitteln besprüht. Meist lassen die Kims die Fenster sogar offen – sie müssen zwar übel husten, aber die Kakerlaken in der eigenen Wohnung nehmen so nicht überhand.

© Koch

Pizza-Kartons falten als Vollzeitjob

Arm und reich bleibt Thema bei Joon-ho

Zufällig bekommt der Sohn der Kims von einem Freund, der verreisen muss, dessen Nachhilfe-Job bei den Parks angeboten, ebenfalls Mutter, Vater und zwei Kinder. Die wohnen in einem luxuriösen Architektenhaus mit großem Garten und mehreren Angestellten. Es dauert nicht lange, bis die Kims mit gefälschten Zeugnissen, falschen Empfehlungen und hinterhältigen Intrigen alle bisherigen Bediensteten ersetzt haben. Das ist raffiniert eingefädelt wie ein virtuoser Gangstercoup.

Schon in der abgefahrenen internationalen Co-Produktion "Snowpiercer" rief Bong Joon-ho vor fünf Jahren zur Revolte auf: Nach einer apokalyptischen Eiszeit fährt ein Zug mit den letzten Überlebenden als eine Art ratternde Arche nonstop um den Globus. Vorn im Zug leben die Reichen im Luxus, hinten vegetiert ein unterdrücktes Lumpenproletariat in engen Abteilen. Keine Frage – der Zeitpunkt kommt, ab dem das wie Sklaven gehaltene Gesindel beginnt, sich im Zug Abteil für Abteil nach vorne zu arbeiten, um endlich ein gerechtes System zu installieren. Ja, auch in "Snowpiercer" gehe es um arme und reiche Leute, sagt Bong Joon-ho im Gespräch. Beide Filme gehörten zusammen, nur dass der eine eben eine horizontale Struktur besitze und "Parasite" jetzt eine vertikale, von unten nach oben.

Abgründiges Unterhaltungskino, das wirklich etwas verhandelt

Wie einfallsreich und bildgewaltig Bong Joon-ho inszeniert, durchsetzt mit steten Tempowechseln, ist auch in "Parasite", der dieses Jahr mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, wieder zu erleben: Die Kims sitzen nach der Hälfte des Films tatsächlich im Wohnzimmer der Parks und trinken deren Hausbar leer, während diese im Urlaub sind. Dann regnet es sintflutartig. Die Hausherren kehren unerwartet früh zurück und die Emporkömmlinge müssen überhastet flüchten. Die Regenszene sei metaphorisch gemeint, erzählt Bong Joon-ho, er habe zeigen wollen, wie das Wasser eben von oben nach unten fließe und dabei alles mitreiße. Dagegen könne man nicht anschwimmen, durch den Regen werde die soziale Hierarchie wiederhergestellt – und die Kims würden zurück in ihr Souterrain gespült, in dem inzwischen das Wasser stehe.

Man spürt Bong Joon-hos Verbundenheit mit den Bewohnern des feuchten Souterrains. Aber er macht daraus keinen Sozialkitsch, sondern abgründiges Unterhaltungskino, das als Gesellschaftsparabel wirklich etwas verhandelt. Der strukturellen Rücksichtslosigkeit des Kapitalismus entreißt der südkoreanische Regisseur die Maske des Wohlgesitteten – so wie das Claude Chabrol ehedem in seinen Filmen am Beispiel der französischen Bourgeoisie vollzog. Menschen wie die Kims zu Helden eines durchschlagenden und international prämierten Kinos zu machen, das sich zudem nicht um Kunst oder Mainstream schert, ist Bong Joon-hos großes Verdienst.

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