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Wie eine Fotoausstellung Kinderarmut in Deutschland zeigt | BR24

© Jürgen Nobel

In Deutschland leben viele Kinder in Armut, im Ruhrgebiet sind es mehr als 35 Prozent. Aber sehen wir Armut eigentlich? Erkennen wir sie? Die Fotoausstellung "Parallelwelten" in Gelsenkirchen stellt unbequeme Fragen – und zeigt besondere Bilder.

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Wie eine Fotoausstellung Kinderarmut in Deutschland zeigt

In Deutschland leben viele Kinder in Armut, im Ruhrgebiet sind es mehr als 35 Prozent. Aber sehen wir Armut eigentlich? Erkennen wir sie? Die Fotoausstellung "Parallelwelten" in Gelsenkirchen stellt unbequeme Fragen – und zeigt besondere Bilder.

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Jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Kinderarmut betroffen. Eine Foto-Ausstellung in Gelsenkirchen versucht, solche Zahlen in Bilder zu übersetzen. Kurator Peter Liedke rief Fotografen aus ganz Deutschland auf, sich an dem Projekt zu beteiligen. Judith Heitkamp sprach mit ihm über die Darstellung von Armut und die Wirkung der ausgestellten Fotografien.

Judith Heitkamp: Wie erkennt ein Betrachter, eine Betrachterin: Dieses auf einem Foto dargestellte Kind ist arm?

Peter Liedke: Armut lässt sich häufig sehr schwer erkennen. Es sind eher die Zusammenhänge, das, was die Kinder umgibt. An Kleidung und Haartracht allein kann man da überhaupt nichts festmachen, erst an bestimmten Kontexten. In der Ausstellung gibt es auch Arbeiten …

… die gar nicht zugeordnet werden können.

Genau. Jürgen Nobel zum Beispiel hat Kinder fotografiert in einer Schule in Bochum-Wattenscheid, "normale" Schüler und Schülerinnen, mit denen er ihre Berufswünsche in Szene gesetzt hat. Es waren drei Jungs dabei, wir sind ja im Ruhrgebiet, die unbedingt Fußballer werden wollten, aber auch Mädchen, die Ärztin werden wollten oder Journalistin oder Tänzerin. Diese Serie zeigt also eigentlich nur Berufswünsche von Kindern. Aber dadurch, dass sie in den Kontext der Ausstellung mit Arbeiten zur Kinderarmut gestellt wird, wird bewusst: Das sind Kinder im Ruhrgebiet, wo mehr als 35 Prozent aller Kinder von Armut betroffen sind, jedes dritte also, man kann durchzählen: eins, zwei, drei. Eigentlich hätten sie alle die gleiche Zukunft, und dennoch haben sie häufig eben nicht die gleiche Zukunft.

© Harald Hoffmann

Hausaufgaben machen unter schwierigen Bedingungen

Ich weiß vorher: Ich bin in dieser Ausstellung zum Thema Kinderarmut. Also lese ich die Fotos anders?

Bei vielen Fotos sieht man es ja schon. Ich denke da an Harald Hoffmann, der sehr aktuelle Bilder geschickt hat, da sieht man dann verschmierte Wohnungen, die eine schon unanständige Unordnung aufweisen. Gleichzeitig hat er auch Familien fotografiert, die aus wohlhabenderen Verhältnissen kommen und mischt die Bilder miteinander. Da sieht man die Unterschiede und wie sehr Kinder mit verschiedenen Voraussetzungen aufwachsen.

Jetzt kann man schöne Bilder über hässliche Themen machen, Darstellung von Armut hat immer eine Grauzone zum Voyeurismus hin. Man könnte auch sagen, dass so etwas gar nicht sein soll: Kinder ausstellen, die sowieso zu den Schwächsten der Gesellschaft gehören ...

Ich glaube, dass alle Fotografen sehr respektvoll mit ihrem Gegenüber umgegangen sind. Sie zeigen Realität, und sie zeigen diese Realität mit dem notwendigen Respekt. Wenn wir durch die Innenstädte gehen und Bettler mal ausnehmen, dann sehen die Menschen alle relativ ordentlich, sogar wohlhabend aus. Man weiß nicht, aus welchen Milieus sie kommen. Und deshalb ist es dringend notwendig, dass Fotografen den Weg in die Wohnzimmer, in die Lebenszusammenhänge von Menschen finden, die wir nicht in unserem normalen Lebensumfeld haben. Jeder lebt in seinem Milieu – aber das Milieu der Kinderarmut ist in Deutschland sehr, sehr groß und an manchen Orten noch größer als anderswo.

© Andre Zelck

Freizeit im Kleingarten

Waren das die Gedanken am Anfang dieses Projekts? Sie haben Fotograf*innen aufgerufen, Bilder für diese Ausstellung einzuschicken.

Zahlen zur Armut kennen wir alle. Wir wissen, dass die soziale Schere seit Jahren immer weiter auseinandergeht, die Zahl der Reichen und Superreichen wächst, die Zahl der Armen und der Superarmen auch. Wir wissen es und dennoch tun wir nichts dagegen. Ich selbst hatte lange Zeit mein Atelier in einem schwierigen Stadtteil in Gelsenkirchen und bin da tagtäglich mit Armut konfrontiert gewesen. Menschen sind zu mir ins Atelier gekommen, um sich mit Schreiben des Sozialamtes helfen zu lassen, Kinder kamen, die einfach ein bisschen Unterhaltung brauchten, Väter, die ihre Kinder nach Deutschland holen wollten. Zu meinem normalen Lebensalltag gehörte das nicht, und es war sehr, sehr bedrückend. Ich bin Vertreter einer fotografischen Auffassung, die man als Autoren-Fotografie bezeichnet, mir geht es darum, Arbeiten in den Vordergrund zu rücken, die ambitioniert sind, diese Gesellschaft zeigen, um sie irgendwie besser zu machen. Wie könnte eine Welt von morgen aussehen? Oder auch: Wie soll diese Welt von morgen auf gar keinen Fall aussehen? Ich meine, um das Thema Kinderarmut kommt man nicht herum.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften: Was soll die Ausstellung bewirken?

Ich habe die Hoffnung, dass Bilder zu Solidarität führen können. Die Menschen müssen aus ihrer Armut herausgeführt werden, besonders den Kindern muss die Möglichkeit gegeben werden, da herauszukommen. Gerade in der Emscher-Region. Die Region und die Städte hier werden das aus eigener Kraft nicht schaffen. Wir haben ja einen lange anhaltenden Strukturwandel, der viele Lücken gerissen hat. Wenn es keine bundesweite Solidarität gibt, sehe ich für die Region schwarz und auch für die betroffenen Kinder. Das darf Menschen in wohlhabenden Städten und Regionen und Lebenssituationen nicht egal sein. Wenn die Solidarität sich durchsetzen würde, da würde ich mich nicht für mich, sondern für die Betroffenen sehr freuen.

Die Ausstellung "Parallelwelten. Kinderarmut – Was hinter Statistiken verborgen bleibt" ist bis zum 9. Mai 2020 im Wissenschaftspark Gelsenkirchen zu sehen.

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