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"Paradise Edict": Michael Armitage groß im Haus der Kunst | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: White Cube, George Darrell

Die Durchlässigkeit der Kulturen - für eine an dieser Maxime orientierte Kunst stand das Münchner Haus, als der verstorbene Okwui Enwezor dort Direktor war. Jetzt knüpft das Haus der Kunst an diese Zeit an - und zeigt Ölgemälde von Michael Armitage.

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"Paradise Edict": Michael Armitage groß im Haus der Kunst

Bissl Tizian, ein Schuss Goya - und das alles auf Baumrinde aus Uganda: Der sehr angesagte, britisch-kenianische Maler nimmt sich für seine Bilder, was er gerade braucht. Seine wuchtigen Ölgemälde sind jetzt im Haus der Kunst in München zu sehen.

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Gewaltiger könnten die Gegensätze kaum sein. Ein großformatiges Bild, zarte Pastellfarben mischen sich mit kräftigem hellen Grün, Violett, Ockergelb. Doch vor dem Hintergrund einer sich sanft erhebenden Hügellandschaft mit einem Baum, gemalt wie aus der französischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts und einem blassgelben, harmlos scheinenden Himmel, herrscht ein unerbittlicher Kampf. Im Hintergrund eine steinerne Festung, im Bildmittelgrund ringt ein Mann mit einer verschleierten Frau.

Irgendwo stürzen Menschen verzweifelt zu Boden, andere taumeln, heben die Arme flehend zum Himmel. Am linken Bildrand eine riesige Menschenmenge, gesichtslos, die Frauen verschleiert, und dies in freundlich leuchtenden Farben, als habe ein Künstler des Expressionismus seine Phantasie spielen lassen. Und doch ist das hier ein Massaker, ein Totentanz. "Exorzismus" heißt das Bild, das das Münchner Haus der Kunst in der bislang umfassendsten Ausstellung mit Arbeiten des kenianisch-britischen Malers Michael Armitage zeigt.

Aufgewachsen in Kenia, zuhause in England

"Für mich ist es interessant, welche Wirkung die Arbeiten entfalten, je nachdem, wo auf der Welt ich sie ausstelle", sagt Michael Armitage. "Ich denke an jedes Publikum, wenn ich meine Bilder male, und überall werden sie eine andere Wirkung entfalten. Tatsächlich ist es oft so, dass ich zunächst das kenianische Publikum vor Augen habe, wenn ich arbeite, aber ich habe sie bislang noch nie in Kenia ausgestellt. Ich hoffe, es geschieht bald."

© Michael Armitage. Foto: White Cube, Ollie Hammick. Ausschnitt: BR24

Ein kleiner Ausschnitt aus einem großen Gemälde: "The promise of change" von 2018

Michael Armitage, 1984 geboren und aufgewachsen in Kenia, ein Land, in dem es immer wieder pogromartige Zusammenstöße gibt zwischen einzelnen Ethnien. Michael Armitage, der heute in London lebt und als eine der aufregendsten Stimmen der Gegenwartsmalerei gilt, sucht seine Themen und Motive zunächst in Afrika, um sie dann aber in seinem Londoner Atelier zu bearbeiten. Die großformatigen Bilder schaffen auf diese Weise eine Verbindung zwischen ostafrikanischen und europäischen Themen und Maltraditionen, in die tagespolitische Ereignisse, Popkultur, Social Media, Folklore und persönliche Erfahrungen des Künstlers einfließen.

Wer sich auskennt, sieht Velázquez, van Gogh oder Manet

Häufig zitiert Armitage die Ikonographie der europäischen Malerei, Tizian, Velázquez, Goya, Manet, van Gogh. Auf einem seiner Bilder schwebt plötzlich ein Kopf wie von Gauguin. Und doch ist es dann wieder ein Gewaltszenario, das Armitage beschreibt. Irgendwo greifen blutrote Fäuste nach einem leblosen Körper, abgetrennte Beine schweben über einen leeren Himmel. Eine surreale Szene, alptraumhaft, jenseits der Wirklichkeit. Aber immer geht es um das Verletzliche menschlicher Existenz. Immer ist es zugleich die politische Relevanz, nach der Armitage sucht.

In einem Werkzyklus thematisiert er den kenianischen Wahlkampf 2017 und die damit einhergegangenen Unruhen. Entstanden sind dramatische Szenen zwischen Gewalt und Groteske. Oft sitzen mythisch weise wirkende Tiere im Bild, Frösche oder Affen, oder die "vierte Gewalt", die Presse, hockt auf einem rosafarbenen Lebensbaum. "Es sind Bilder", sagt Michael Armitage. "Man braucht keine Kenntnisse dafür. Man kann sie ansehen und so begreifen wie man will. Zum Glück gibt es kein Handbuch, wie man Bilder verstehen soll. Die Kunst würde unfassbar langweilig sein, wenn es so wäre. Sie sind, was sie sind, 'silent images', stumme Abbilder."

Armitage malt auf Baumrindenvlies aus Uganda

Armitage malt Bilder, die den genauen Blick auf das Detail – das haben sie mit Bildern alter Meister gemeinsam – nicht nur vertragen, sondern provozieren. Gerade auch im Detail zeigt sich die Meisterschaft von Michael Armitage. Der Künstler verwendet für seine Arbeiten allerdings keine Leinwände, sondern malt auf Baumrindenvlies aus Uganda, dem ältesten Textil der Menschheit, das inzwischen sogar Weltkulturerbe ist. Diese Baumrindentücher werden in Afrika für Heilungs- und Krönungsrituale genutzt, sie sind aber auch Tücher für die Toten. In langwierigen Prozessen werden sie mit über 1.000 Jahre alten Kenntnissen angefertigt. Auch das ist es wohl, was den Künstler interessiert, der allmähliche, sehr langsame kulturelle Prozess, in dem etwas – anders als in Europa –, entsteht.

Die Tücher bilden keine perfekten Bildgrundlagen, sie sind scheinbar defekt, haben Risse, Löcher, Narben, tiefe Schründe und schreiben sich so in die malerischen Erzählungen mit ein. Ein ganzer Raum in der Ausstellung widmet sich den afrikanischen Künstlern, die Armitage als Vorbilder dienten. Der Titel der Ausstellung "Paradise Edict", das "verordnete Paradies" intoniert natürlich allein schon den Widerspruch, eine Absurdität. Es ist eine im besten Sinne verstörende Ausstellung voller starker Ambivalenzen und also absolut sehenswert.

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