Papst Benedikt XVI. während eines Sommerurlaubs in den Dolomiten.
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Papst Benedikt XVI. während eines Sommerurlaubs in den Dolomiten.

    Hochgelehrt und schlecht beraten: Zum Tod Papst Benedikt XVI.

    Große Bücher und sein Rücktritt als Papst werden immer mit Benedikt XVI. verbunden bleiben. Doch es sind die unscheinbareren Kapitel, die das Leben Joseph Ratzingers prägten. Von einem Mann, der alles sein wollte, nur kein Revolutionär. Eine Analyse.

    Es gibt Einschnitte im Leben des Joseph Ratzinger, die ihn geprägt, wahrscheinlich sogar verändert haben. Es sind die weniger spektakulären Kapitel in dieser Jahrhundert-Biographie, die aber mehr über ihn aussagen als die großen Bücher, die er geschrieben hat, oder die Wahl zum Papst 2005 oder sein überraschender Rücktritt 2013.

    Solch ein einschneidendes Ereignis ist der Tod seiner Schwester. Sie, die gemeinsam mit ihm in Rom gelebt und ihm den Haushalt geführt hat, verstarb 1991. So unerwartet für den damaligen Kardinal Ratzinger, dass er sich nicht einmal von ihr verabschieden konnte. Ein Trauma. Ratzinger ist ein Familienmensch. Als 2020 sein älterer Bruder Georg im Sterben lag, unternahm Joseph - selbst hoch betagt - deshalb eine letzte, überraschende Reise. Ans Sterbebett seines Bruders in Regensburg. Er wollte nicht noch einmal einen Abschied verpassen.

    Einschnitt mit traumatisierender Wirkung: die 68er

    Noch ein Einschnitt in seinem Leben ist gut dokumentiert und auf seine traumatisierende Wirkung hin gründlich analysiert worden. Es ist die Zeit der 68er Bewegung. Joseph Ratzinger ist Professor in Tübingen. An der Universität kommt es zu Studentenprotesten, Vorlesungen werden gesprengt, es wird laut. Professor Ratzinger ist derart verschreckt, dass er von der renommierten Universität Tübingen an die junge theologische Fakultät in Regensburg wechselt.

    Sein tiefes Misstrauen gegen den Zeitgeist rührt aus diesen Jahren und verleitet den Hochgelehrten auch zu manchem Fehlschluss: In einem seiner letzten Aufsätze macht er die sexuelle Befreiung und die 68er-Generation verantwortlich für den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, nicht die Strukturen der Kirche selbst.

    Vom reformorientierten Theologen zum strukturkonservativen Denker

    Diese bewegten Jahre in Deutschland haben auch eine Wirkung auf den Theologen Joseph Ratzinger. Aus dem eher reformorientierten, offenen Theologen, der auch das Zweite Vatikanische Konzil geprägt hat, wird ein strukturkonservativer Denker. Einer, den später Johannes Paul II. unbedingt als Glaubenshüter an seiner Seite haben will. Einer, dem die Kardinäle im Konklave 2005 zutrauen, die Kirche nach der langen Ära Johannes Pauls zu leiten.

    Sein theologisches Grundsatzprogramm hat Kardinal Ratzinger vor Beginn des Konklaves in einer Predigt an die Kardinäle dargelegt. Er wehrt sich gegen eine "Diktatur des Relativismus" und prägt damit eine Chiffre, die auch in seinen Jahren als Papst immer wieder auftaucht und mit der sich (zugegeben: holzschnittartig) sein Denken verstehen lässt. Relativismus, das ist für Papst Benedikt XVI. eine unzulässige Anpassung an den Zeitgeist. Eine Haltung, die absolute Wahrheiten ignoriert. Benedikts Rede von der "Diktatur des Relativismus" dagegen erschwert Reformen und schließt Kompromisse in Glaubensdingen oder Fragen der Moral kategorisch aus.

    Pontifikat von Papst Benedikt XVI. - Jahre der Konsolidierung

    Die acht Jahre des Papstes Benedikt XVI. sind für die katholische Kirche Jahre der Konsolidierung und des Übergangs. Selbst in den Bereichen, in denen man von ihm Veränderung erwartet hatte, geschieht nichts. Beispiel Ökumene. Unter dem Papst aus dem Land der Reformation gelingen keine Fortschritte in der Beziehung, die für Deutschland so entscheidend ist: zwischen Protestanten und Katholiken. Manche sprechen gar von einer Eiszeit der Ökumene. Der Missbrauchsskandal holt den Mann, der so lange in der Kirche Verantwortung hatte, immer wieder ein. Als Präfekt der Glaubenskongregation setzt er neue Normen durch, kann sich aber in letzter Konsequenz nie so richtig durchsetzen. Papst Johannes Paul II. hatte ein großes Herz, auch für Männer, die offensichtlich ihre Macht missbrauchten, wie der Gründer der Legionäre Christi Marcial Maciel.

    Als im Jahr 2010 die katholische Kirche endgültig von den Missbrauchsverbrechen eingeholt wird, erlebt Papst Benedikt XVI. die schwerste Krise seiner Amtszeit. Er trifft sich mit Opfern und geht gegen Täter und Vertuscher vor. Am Ende seiner Amtszeit hat Benedikt fast 400 katholische Priester wegen sexuellen Missbrauchs abgesetzt. Zahlreiche Bischöfe wurden wegen ihrer Verstrickung in den Skandal zum Rücktritt gezwungen. Und er wiederholt regelmäßig eine Entschuldigungsbitte für seine Kirche. Persönliche Verantwortung wollte er nicht übernehmen, selbst dann nicht, als ihm 2022 ein Gutachten für das Erzbistum München und Freising Fehlverhalten in mehreren Fällen vorhielt. In seiner Zeit als Erzbischof in München, 1977 bis 1982, wurden Pfarrer in der Seelsorge eingesetzt, von denen bekannt war, dass sie Minderjährige missbraucht hatten.

    Immer wieder schlecht beraten

    Nicht nur bei seiner Reaktion auf das Münchner Missbrauchsgutachten: Immer wieder ist Benedikt XVI. schlecht oder falsch beraten. Etwa 2009, als er die Exkommunikation von vier Bischöfen der traditionalistischen Piusbruderschaft aufhebt. Unter ihnen: der Brite Richard Williamson, ein Holocaust-Leugner.

    Oder 2006: Papst Benedikt will an der Universität Regensburg über das Thema "Vernunft und Glaube" sprechen. Ein Satz aus dieser Vorlesung wird hohe Wellen schlagen. Benedikt verwendet ein Zitat über den Propheten Mohamed: "Zeig mir doch, was Mohamed Neues gebracht hat, und da wirst Du – so sagt er - nur Schlechtes und Inhumanes finden." Benedikts Regensburger Rede wird in weiten Teilen der islamischen Welt gezielt missverstanden; es kommt zu blutigen Ausschreitungen, Morddrohungen. Der Rollentausch vom Professor zum Papst ist ihm nicht immer gelungen.

    Rücktritt 2013 wird als revolutionärer Akt in Erinnerung bleiben

    Seine letzte "Vorlesung" wird allerdings in Erinnerung bleiben. Am Rosenmontag 2013 teilt Benedikt XVI. den im Vatikan versammelten Kardinälen mit, dass er zurücktritt. Das hat es in der Kirchengeschichte seit Urzeiten nicht mehr gegeben, dass ein Papst aus freien Stücken sein Amt aufgibt. So eine Entscheidung gegen jede Konvention und Gepflogenheit ist wohl nur einem großen Denker wie Joseph Ratzinger möglich. Und das wird als revolutionärer Akt in Erinnerung bleiben. Von einem Mann, der alles sein wollte, nur kein Revolutionär.

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