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"Papa werden" von Anna Machin: Wie wichtig Väter wirklich sind | BR24

© Audio: bayern 2/Bild: Antonio Gravante/picture alliance/chromorange

"Papa werden": Anna Machin hat ein Buch über den modernen Vater geschrieben

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"Papa werden" von Anna Machin: Wie wichtig Väter wirklich sind

Früher kämpfte Vati um arbeitsfreie Samstage, heute nimmt er sieben Monate Elternzeit: Bei Papa ist so viel passiert, dass die Forschung kaum hinterherkommt. Was man trotzdem weiß über "die Entstehung des modernen Vaters", fasst dieses Buch zusammen.

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Wann soll der moderne Vater das alles nur lesen? Nachts am Fläschchenwärmer? Nebenbei am Spielplatz? Aber die Autorin denkt mit: Sie wiederholt sich öfter als ein Jungpapi, der seinem Kind das Spinatwerfen ausreden will. 260 Seiten hat sie dem Thema gewidmet, viele davon gehen drauf für Zusammenfassungen und Zwischenstände. Diesem Buch sind seine Zutaten anzumerken: wissenschaftliche Arbeiten sowie mündliche Vorträge – beides Textsorten mit vielen Wiederholungen.

Eine Anthropologin erforscht den Vater

Anfangs nervt das. Wenn im Familienalltag etwas knapp ist, dann Zeit. Wer aber weitere kostbare Viertelstunden aufbringt und über die anfängliche Frustration hinweg weiterliest, der merkt: Anna Machin geht es darum, dass ihr abgelenktes Publikum alles mitbekommt und auch etwas mitnimmt aus diesem Buch: Erkenntnis und Ermunterung, Beistand und Bestätigung – alles drin.

Machin ist Evolutionsanthropologin an der Universität Oxford und selber zweifache Mutter. Sie erforscht die Entwicklung der Menschheit und im Besonderen die Entwicklung des Vaters, da gilt sie in England als eine der Spezialistinnen schlechthin. In diesem Buch hat sie zusammengefasst, was man schon weiß – aus dem Westen, aber auch aus Paraguay, Kenia und dem Kongo. Und: Sie hat selber sehr viel Zeit mit frischen Vätern verbracht. "Ich habe ihre Hormone analysiert", schreibt sie, "ihre Verhaltensweisen beobachtet, mir ein Bild von ihrem psychischen und physischen Gesundheitszustand gemacht und ihre Gehirne untersucht, oft über viele Monate hinweg."

Der Vater, das unbekannte Wesen

Erste Erkenntnis dabei, für die Autorin und für uns: Vatersein ist noch nicht wirklich gut erforscht. Die Wissenschaft schaut erst jetzt so richtig, welche Bedeutung es für den Werdegang der Kinder hat, wenn die Väter sich verlässlich einbringen. Welche Rollen diese am besten ausfüllen und wie sich das ändert – ob sie also abends von Heimkommen bis Schlafengehen der klassische Spiel- und Spaßpapa sind, oder ob sie sogar zur Hauptbezugsperson für das Kind werden, weil Papa zu Hause ist und Mama arbeiten geht.

Mit am interessantesten ist für Machin, was die Vaterschaft hormonell mit den Männern macht, denn da passiert einiges: "Vaterschaft ist genau wie Mutterschaft eine durch und durch biologische Angelegenheit", schreibt sie. Bluttests und Hirnscans zeigen ihr sehr genau, wie es Männer verändert, wenn sie Väter werden und Väter sind, was ihr Neocortex macht (ein Gehirnareal) und was ihr Oxytocinspiegel.

Der Vater, der Unentbehrliche

Außerdem sagt und zeigt Machin, dass es in der Menschheitsgeschichte ohne Väter schlicht nicht gegangen wäre. Menschenkinder sind nicht wie Rehkitze und springen sofort herum – die Aufzucht braucht sehr viel Energie, da muss jemand die Mutter unterstützen. Diese Linie zieht sie, vom Jagen und Sammeln für die Familie bis zum Mitfiebern im Kreißsaal und zum Windeln wechseln. Denn, so schreibt Machin: Vater-Kind-Bindungen und Mutter-Kind-Bindungen unterscheiden sich kategorisch voneinander, in ihrer Biologie, ihrer Gestalt, ihrem evolutionären Zweck. Für die Autorin folgt daraus ganz klar: Die Stunde der Väter schlägt später.

Das nun wusste man im Grunde schon, wenn es auch unglaublich beruhigend ist, es noch einmal so bescheinigt zu bekommen. Ein Vater, der sich in den ersten Wochen außen vor fühlt: normal. Ein Kind, das sich vom Vater partout nicht ins Bett bringen lässt und nach der Mutter verlangt: auch normal.

© Privat

Autorin und Anthropologin Anna Machin

Der Vater, Beschützer und Lehrer

Die schwierigen ersten Wochen bedeuten natürlich nicht, dass Väter in dieser Zeit nicht wichtig wären, das zeigt Machin anhand einiger Studien. Nur: Ihre Beiträge zum Gedeihen des Kindes könnten die Papis halt umso besser leisten, je älter das Kind ist. Und da, sagt die Anthropologin, seien die beiden Hauptaufgaben des Vaters nach wie vor: Beschützer und Lehrer.

Das klingt nun sehr klassisch, was seinen Grund wohl darin hat, dass Machin Evolutionsanthropologin ist. Ihr Betrachtungszeitraum ist nicht, was sich in den vergangenen zehn Jahren verändert hat, sondern was sich seit 500.000 Jahren bewährt. Machin bemüht sich sehr, aktuelle Veränderungen abzubilden, kann aber nicht verhehlen, dass ihr Fach die großen Linien sind.

"Ich hoffe, dass ich die aktuellste Antwort auf die Frage geben kann, was es heißt, Vater zu sein", schreibt sie. Wer sie an diesem Anspruch misst, muss feststellen: Die aktuellste Antwort ist es nicht geworden, wie könnte es auch. Gesellschaftliche und psychologische Aspekte etwa kommen bei ihr etwas kurz. Also: Was es mit Männern macht, wenn sie nicht mehr die Haupternährer sind, wenn alte Rollenbilder nicht mehr gelten. Machin hat zumindest mal einen Anfang gemacht und eine Antwort gegeben – über weitere Aspekte der Vaterschaft müssen und werden andere schreiben.

Der Vater, der mit seinen Sorgen ernst genommen wird

Wohltuend ist Machins Buch darin, dass es sich ganz der Väter und ihrer Sorgen annimmt. Mag ja sein, dass Papis manchmal weinerlich wirken im Vergleich zu ihren berufstätigen Frauen, die viel mehr unter einen Hut bringen und mit viel mehr Rollenerwartungen kämpfen müssen. Aber da sagt dieser Text: Männer, ihr müsst nicht denken, dass eure Sorgen nichts gelten, nur weil andere wahrscheinlich größere haben. Machin schreibt das auch: Sie will Vätern helfen, und die könnten das auch gut gebrauchen. Die Wissenschaft verstehe zum Beispiel erst langsam, dass auch Väter postnatale Depressionen haben – und gar nicht so selten.

"Papa werden. Die Entstehung des modernen Vaters" von Anna Machin ist in der deutschen Übersetzung von Ursel Schäfer und Enrico Heinemann im Kunstmann Verlag erschienen.

© Kunstmann

"Papa werden" von Anna Machin

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