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Outfits von Thierry Mugler als Stimmungsaufheller in der Krise | BR24

© Audio: BR / Bild: Marc Cramer

Das Menschenbild, das vielen Entwürfen von Thierry Mugler zugrunde liegt, zeigt, dass der Mensch eigentlich ein zerbrechliches Geschöpf ist.

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Outfits von Thierry Mugler als Stimmungsaufheller in der Krise

Mode als Akt der Befreiung: Die Ausstellung "Couturissime" in der Hypo Kunsthalle München mit visionären Entwürfen von Thierry Mugler wurde wegen Corona lange verschoben. In der Krisenzeit kommen seine Statements gegen Langeweile voll zur Wirkung.

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Breite, "architektonische" Schultern, gesundheitlich grenzwertige Wespentaille, ausladende Hüften: Das ist die Silhouette, die Thierry Mugler Anfang der 70er Jahre der FlowerPower-Flattermode entgegensetzt. Weiblichkeit in Extremform also, aber – dank der betonten Schultern – eben auch gespickt mit männlichen Anteilen. Es ist eine Silhouette, die Stärke demonstriert, die Frauen als Powerfrauen zeigt, selbstbewusst und autonom, sagt Kuratorin Nerina Santorius: "An ganz vielen Stellen hat man den Eindruck, die Frau ist die Superheldin, um das auch mal so popkulturell zu sagen, also es gibt Einflüsse aus dem Comic, eine bunte Mischung aus Pop und Subkultur. Sie lässt sich inspirieren in der Tierwelt, im Mythos, Architektur, Science Fiction, also es ist eine ganz große Bandbreite."

Der Mensch als zerbrechliches Geschöpf

Die Ausstellung "Couturissime" entführt in die Mode- und Musikwelt vor allem der 80er und 90er Jahre. Da ist die ikonisch gewordene Corsage aus Metall, die ein Motorrad nachahmt – inklusive Lenkergriff und Spiegel. Da ist der hautfarbene Leder-Body mit jeder Menge Piercing-Ringen und -stacheln daran. Da ist das hochgeschlossene schwarze Kleid aus George Michaels Musikvideo "Too funky": Es sieht aus als sei es aus Spitze, in Wirklichkeit ist es aus Gummi. Oder die Fembot-Modelle ganz aus Metall, in denen Frauen wie Roboter erscheinen. Immer wieder wirken die Kreationen wie ein Panzer, manchmal sogar buchstäblich, wenn tierische Elemente von Käfern oder Reptilien zum Einsatz kommen. Und dann wieder: Kleider aus einem Hauch von Nichts in Spinnweben-Optik. Oder beides zusammen: zarte Stoffe, die aus derben Lederschichten hervorschwingen wie die Stoff gewordene Verletzlichkeit unter einem Schutzschild. "Dieses Menschenbild, das ganz vielen Entwürfen zugrunde liegt, dass der Mensch eigentlich ein zerbrechliches Geschöpf ist, ein zartes, aber ein sehr schönes, das ist glaube ich ganz wichtig, um seine Mode zu verstehen, die ganz oft versucht Schutz zu bieten, oder eine größere Stärke auszustrahlen", sagt Kuratorin Nerina Santorius. Er wolle die Menschen stärker machen oder aussehen lassen als sie sind, und das gelinge eben durch die unterschiedlichen Anleihen aus anderen Bereichen. "Also dass ich mich verwandeln kann in einen Cyborg, in einen Hollywood-Star, in ein Tier..."

© Nicolas Ruel

Figuren von Thierry Mugler ähneln einer Mischung aus Cyborg, Hollywood-Star und Tier.

Ein ganzer Raum ist solchen Metamorphosen gewidmet. Ein Quallenkleid in Pastell verwischt die Grenzen zwischen Wasser und Luft, das Chimärenkleid vereint Rosshaar an den Fesseln, Fischschuppen am Leib und Flügel am Kopf.

Verwandlung eines Modeschöpfers

Der Modeschöpfer lebt die Metamorphose auch selbst, nennt sich seit einigen Jahren Manfred, hat seinen ehedem eher grazilen Tänzerkörper mit Hilfe von Bodybuilding überformt, sein Nacken erinnert nun an einen Stier, die Nase an einen Boxer. Wer sich nicht ganz so festlegen will, hat die Mode: Zweifelsohne kann ein Kleid die eigene Haltung verändern. Mugler aber macht nicht nur Mode, er macht Mode-Theater. Nerina Santorius: "Dieses Spektakel spielt tatsächlich eine sehr große Rolle, auch einfach aus dem Kontext, aus dem Mugler kommt: Dass er zum Balletttänzer ausgebildet wurde, dass er mit 14 zur Oper nach Straßburg gegangen und sechs Jahre mit denen getourt ist – also man hat den Eindruck, er ist da schon mit groß geworden." Für ihn sei eben Mode nicht nur das Kleidungsstück, sondern sie lebe von der Inszenierung, dass das jemand trage, dass sich da jemand drin bewege, dass es eine Lichtregie gebe, Musik, Inszenierung, all das gehöre dazu und mache eigentlich erst den Auftritt des Kleides.

© Nicolas Ruel

Schrill, glitzernd und farbenfroh: Mode von Thierry Mugler.

Natürlich darf es bei solchen Exponaten auch hinsichtlich der Ausstellungs-Architektur etwas mehr sein: Videoanimationen und Sound-Installationen entführen in Unterwasserwelten und Urwald. Eine Hologramm-Show zeigt die Auflösung der Lady Macbeth, die ohne ihr Kleid als Panzer unter der eigenen Schuld zusammenbricht. Und die zahlreichen Videos in der Ausstellung bieten die Möglichkeit, die originalen Inszenierungen zu sehen, von Mitschnitten der Couture-Shows, bis zu den legendären Musikvideos von Thierry-Mugler, etwa für David Bowie, George Michael oder Lady Gaga.

Mode als letzte Bastion der Freiheit in Zeiten von Corona?

Auch wenn es kaum Schnittmengen zwischen dieser Art von Mode und dem Kleiderschrank der meisten Besucher*innen geben dürfte, so ist die Ausstellung doch befreiend. Denn bei allen Bezügen zu Themen wie Körper, Weiblichkeit, Macht und Verführung sind die Sachen in erster Linie doch Statements gegen die Langeweile. Damit ist "Couturissime" eine Ausstellung zur rechten Zeit: Die aktuellen Reglementierungen greifen mit ihren Vorgaben zu Handschuhen und Mundschutz bereits weit in unser Erscheinungsbild ein. Weiter wird es nicht gehen, anziehen dürfen wir immer noch was wir wollen. Damit ist die Mode vielleicht die letzte Bastion unserer Freiheit.

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