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Ostern 2021: Zwischen Passion und Blues | BR24

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"Dr. Leyk's Blues": Nach einer schöpferischen Pause hat Wolfgang Leyk seine Bluesband Anfang 2012 neu zusammengestellt. Hier im Jahr 2017.

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Ostern 2021: Zwischen Passion und Blues

Ostern in Corona-Zeiten – wie gehabt oder ganz anders? Der Bluespfarrer Wolfgang Leyk und die Evangelische Universitätskirche in Erlangen-Neustadt gehen die Passion einmal beschwingt an.

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Von
  • Roland Biswurm

1971, Hamburg: Klaus Kinski rezitiert einen bewegenden Text, zusammengestellt aus Fragmenten des Neuen Testaments, ein Skandal: "Jesus Christus, Erlöser, angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen, Verschwörung gegen die Staatsgewalt. Er hat keine reichen Freunde und hält sich meist in ärmlichen Wohngegenden auf. Seine Umgebung sind Gotteslästerer, Staatenlose, Zigeuner, Prostituierte, Waisenkinder, Kriminelle, Revolutionäre, Asoziale, Arbeitslose, Obdachlose, Verurteilte, Gefangene, Gejagte, Misshandelte, Zornige, Kriegsverweigerer, Verzweifelte, Hippies, Gammler, Fixer, Ausgestoßene, zum Tode Verurteilte, es ist möglich, dass es sich um ein elternloses Kind handelt… ich werde von der Polizei gesucht, weil ich in die Welt hinausschreie, dass die bestehende Ordnung untergehen wird."

50 Jahre nach Skandal-Auftritt von Klaus Kinski

51 Jahre ist das nun schon her – die Leidensgeschichte Jesu ist der Nullpunkt unserer christlich- westlichen Weltordnung: Corona – und damit ausnahmebedingt sitzen wir an den Rechnern und scrollen, zappen, surfen durchs World Wide Web , stolpern womöglich über die Aufzeichnung dieses denkwürdigen Ereignisses: Wer zum Teufel war dieser Jesus, den Unsergleichen, Menschen wie du und ich, an ein Kreuz genagelt, gefoltert, getötet haben – und weshalb eigentlich? Dieser Frage können und sollen wir auch in diesem Jahr nicht ausweichen und darauf pocht auch Wolfgang Leyk, Pfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Universitäts-Gemeinde Erlangen-Neustadt.

Leyk sagt: "Was Corona für mich als Privatmann aber auch als Pfarrer Gutes hat, ist, dass du alles Gewohnte, was man immer schon so gemacht hat, vergessen kannst. Du mußt dich eigentlich in Corona ständig neu erfinden, als Privatmensch, aber auch als Pfarrer und als Kirche, und das ist einerseits wahnsinnig anstrengend, andererseits: Das kann auch Spass machen. Und das kann auch dazu führen, dass du neue und kostbare Sachen entdeckst. Ja, ich bin genervt, aber: wollen wir das nicht zu etwas nutzen, was wir noch nie gemacht haben?"

Bluespfarrer Leyk: "Die Kirche ist auch eine Art Freudenhaus"

Allem Unbill zum Trotz: "Life is beautiful" singt Wolfgang Leyk, der Erlanger Bluespfarrer, denn für ihn schließt sich das keineswegs aus: Blues und Kirche: "Der Blues wurde natürlich in diversen Etablissements gespielt und ich sag: Auch die Kirche ist auf eine ganz bestimmte Art ein Freudenhaus, denn hier soll tatsächlich Freue, Lebensfreude vermittelt werden, weil alles, was uns zwickt und drückt, das gehört doch in die Kirche und wenn der Blues auf ne gute Art und Weise davon erzählt, dann muss er in der Kirche gespielt werden."

Das Osterlachen in der Nacht zum Sonntag

Franken ist Bluesland, da sind sich sämtliche Bluesbarden einig, die sich alljährlich bei den Rother Bluestagen treffen oder beim Wendelstein Jazz oder beim Nürnberger Bardentreffen. Auch Wolfgang Leyk gehört zu dieser fränkischen Bluesszene, obwohl und vielleicht gerade weil er auch Pfarrer ist: Easter Blues, der dem Karfreitagsfrust abgetrotzte Frohsinn, das Osterlachen in der Nacht zum Sonntag, das war einige Jahre nun ein fixes Datum in der Universitätskirche Erlangen-Neustadt. Außer letztes und eben dieses Jahr.

Ein schöner Blues auf der Slide-Gitarre am Karfreitag

Wolfgang Leyk erzählt: "Bei uns ist es so, dass wir aus Solidarität mit all denen, die nicht aufmachen dürfen, keine Präsenzgottesdienste haben und hatten: nicht an Weihnachten und auch nicht jetzt, aber wir sind sehr präsent im Netz: Wir haben viele Kanäle über Youtube und alles andere, da kann man genug Material zur Universitätskirche Erlangen-Neustadt finden und so kommen wir ja auch an die Leute ran. Und ob ich dann am Karfreitag noch einen schönen Blues auf der Slide-Gitarre spiel, mache ich davon abhängig, wie ich aus den anderen Sachen so rauskomm."

Leyk wünscht sich, dass "die Leute fröhlicher nach Hause gehen, als sie gekommen sind - oder: lebendiger". Er habe ein sehr schönes Projekt gehabt mit afrikanischen Musikern, sagt er. Und ergänzt: "Wir werden auf jeden Fall wieder viel ausprobieren so wie alle anderen im Land, aus unseren Coronalöchern kriechen und viel Spass und Gemeinschaft haben."

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Schon zum zweiten Mal begehen die Christen die Karwoche und das Osterfest unter Corona-Vorzeichen. Die Politik hatte die Kirchen dazu aufgerufen, nur virtuell zu feiern. Viele Pfarrgemeinden ist das aber zu wenig.

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