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Oscars 2020: Überraschungs-Gewinner und neues Bewusstsein | BR24

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Die südkoreanische Gesellschaftssatire "Parasite" hat die 92. Oscar-Verleihung dominiert und Filmgeschichte geschrieben. Für die Tragikomödie von Bong Joon Ho gab es in Los Angeles gleich vier Trophäen.

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Oscars 2020: Überraschungs-Gewinner und neues Bewusstsein

Die Oscars 2020 sind vergeben. Erstmals in ihrer Geschichte gewinnt ein nicht-englischsprachiger Film den wichtigsten Oscar und sahnt auch noch bei der Regie ab: "Parasite". Auch sonst hat die Academy es endlich mal wieder geschafft zu unterhalten.

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Die Vorwürfe im Vorfeld der 92. Verleihung der Academy Awards hatten es in sich: Die Oscars seien zu weiß, dieses Jahr wären wieder einmal kaum Frauen nominiert. Spürbar bemüht hat sich die Academy darum um Vielseitigkeit. Multikulturell waren nicht nur die musikalischen Einlagen, nicht nur die Ansager - dieses Jahr gab es keinen festen Moderator. Auch die Entscheidungen der Mitglieder spiegeln es: Bei den Oscars hat sich was getan.

Academy zeigt neues Bewusstsein

Dass ein südkoreanischer Film über eine arme Familie, die sich wie ein Parasit bei einer reichen Familie nach und nach einschleicht und in deren Haus die Kontrolle übernimmt, nicht nur den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film, sondern auch den Oscar für Regie und den besten Film gewinnt - das ist groß und zeugt von einem neuen Bewusstsein. Abgesehen davon ist "Parasite" auch einfach ein grandios erzählter, inszenierter Film, der ganz zu Recht im Rennen um den "besten Film" dabei war.

Die Vielseitigkeit der Oscar-Verleihung sollte sich mit dem Auftritt von Utkarsh Ambudkar fortsetzen. Der Schauspieler und Rapper fasste nach der erste Hälfte der Oscar-Verleihung die Veranstaltung in einem Rap-Song zusammen. Er begann seinen Auftritt mit den Worten "Ich gehöre nicht hierher", rappte dann aber sehr amüsant unterstützt von Produzent Questlove, der in einer Seitenloge des Dolby Theatre als DJ saß.

Asiatische, schwarze, europäische Schauspieler reichten sich bei den Moderationen das Mikro weiter. Bei der Performance eines Songs aus dem Disney-Hit "Die Eiskönigin 2" traten mehrere internationale Sängerinnen auf, die Teile des Songs in ihrer Landessprache vortrugen - sie hatten die Filmsongs in ihrer jeweiligen Heimat für die Kinofassung intoniert. Multikulturalität um jeden Preis - es wirkte etwas bemüht, beinahe penetrant. Aber vielleicht brauchte es das zu diesem Zeitpunkt - in 2021 dürfte es sich bei der Oscar-Verleihung schon normal anfühlen. Was gut wäre.

© kinokino

kinokino-Videokritik zu "Parasite"

Zwei Oscars für Favorit "Joker"

Der große Verlierer ist der von allen als Favorit schon vorab gefeierte Thriller "Joker". Immerhin: Joaquin Phoenix gewann den Oscar als bester Hauptdarsteller für seine Darstellung eines psychisch gebeutelten Mannes, den eine gemeine Gesellschaft zum psychopathischen Mörder mit Clowns-Make-up heranzieht. Ähnlich wie "Parasite" ein düsterer Spiegel unserer heutigen Zeit, nur deutlich nihilistischer und vielleicht deshalb für die Academy-Mitglieder schwerer zu ertragen. Eine starke, richtige und wieder von Offenheit geprägte Entscheidung ist auch der Oscar für die "Joker"-Filmmusik. Sie wurde komponiert von der Isländerin Hildur Guðnadóttir, eine der interessantesten Newcomerinnen im Filmmusik-Markt.

Viele Preise breit gestreut

Die Academy hat auch diesmal die junge Oscar-Tradition fortgeführt, die Preise breit über die nominierten Filme zu streuen. Auf diese Weise ziehen die Oscars ein Dutzend wirklich sehenswerte Produktionen wieder oder endlich ins Rampenlicht.

Das Drama "Bombshell" zum Beispiel mit dem beeindrucken Ensemble Charlize Theron, Margot Robbie, Nicole Kidman über drei Journalistinnen, die sich gegen die sexuellen Übergriffe von Fox-News-Chef Roger Ailes zur Wehr setzten - bei uns ab 13. Februar im Kino - erhielt einen Oscar fürs beste Make-up. Die Literatur-Verfilmung "Little Women" wurde mit dem Oscar für die besten Kostüme prämiert.

Im Herzen für Amerika

Die Academy zeigte bei seinen Entscheidungen auch ein starkes Herz für die eigene Nation: Dass der Netflix-Dokumentarfilm "American Factory" als Sieger hervorging, ist Zugeständnis an die Tatkraft des eigenen Landes. Gleichzeitig ist der Film auch ein Beispiel für das neue, moderne, offene Amerika: In "American Factory" erzählen Steven Bognar und Julia Reichert von der Unternehmensentwicklung des chinesischen Autoglasherstellers Fuyao in Moraine, einem Vorort von Dayton in Ohio.

Und das eher durchschnittliche Drama "Le Mans 66" mit Christian Bale und Matt Damon - es gewann zwei Technikoscars -, im Originaltitel viel trefflicher als "Ford vs Ferrari" tituliert, soll den Glauben an die alte Auto-Industrie der USA, repräsentiert durch die Ford Motor Company, stärken.

Die Academy verlieh zwei Preise an Quentin Tarantinos liebevolle Rekonstruktion des 60er-Jahre Hollywoods "Once Upon a Time ... in Hollywood". Ein Märchen, das die US-Filmwelt und ein Amerika großer Träume feiert. Und nicht zuletzt spricht dafür die Auszeichnung von Renée Zellweger als beste Darstellerin. In "Judy" - verkörpert Zellweger fantastisch die seelisch arg gebeutelte Judy Garland in ihren letzten Lebensmonaten - eine Ikone der US-Filmkultur.

Mit dreieinhalb Stunden eine gute Show

Den Vorwurf, öde und zu lang sein, muss sich die Academy dieses Jahr nicht machen lassen. Dreieinhalb Stunden lang - oder verglichen mit früheren Verleihungen: kurz - war die Verleihung. Bei der Anzahl an Preisen ergo Dankesreden inklusive Werbeunterbrechungen ist das ein guter Schnitt. Vor allem der Verzicht auf einen festen Moderator hat den Oscars gutgetan. So konnten verschiedene Schauspieler ihr Moderationstalent und ihren Humor unter Beweis stellen. Das sorgte für Frische. Und die Idee, Rap-Star Eminem einzuladen und mit "Lose yourself", einem der stärksten Pop-Songs der letzten Jahre, auftreten zu lassen - ein Glücksgriff.

Die Preisträger zeigten sich dieses Jahr bewegt, aber nicht übermäßig emotional. Keine Rede artete in große Tränen und überschwängliche Emotionen aus. Dennoch sah man Brad Pitt, Laura Dern, Renée Zellweger und Joaquin Phoenix ihre Dankbarkeit und Freude an. Alle agierten vor allem menschlich. Das gab dem Ganzen eine seltene Form der Nahbarkeit. Es wirkte alles etwas entspannter.

Was diese Oscars aber vor allem geschafft haben: Sie machten Lust auf die Filme, die ausgezeichnet wurden.

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