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Schmerzlicher Bruch: Salzburger Schau zeigt Künstler im Exil | BR24

© Bild: Filmarchiv Austria / Nachlass Kolm-Fleck, Wien / Audio: BR

Künstler in der Fremde: Das Museum der Moderne Salzburg zeigt die Ausstellung "Orte des Exils".

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Schmerzlicher Bruch: Salzburger Schau zeigt Künstler im Exil

Ungewissheit, Verlust, Hoffnung: Viele Künstlerinnen und Künstler mussten in der NS-Zeit ihre Heimat verlassen. Wie sie in der Fremde um ihre schöpferische Arbeit kämpften, zeigt eine Ausstellung im Museum der Moderne in Salzburg: "Orte des Exils".

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Es ist das Jahr 1941, als die Malerin Lotte Laserstein im schwedischen Exil den Rechtsanwalt Walter Lindenthal porträtiert. Das großformatige Bild zeigt einen Mann von unübersehbarer Melancholie. Die Augen wie nach innen gerichtet, der ganze Körper wie gefangen, eingefroren, in eine Decke gehüllt, als könne er so seine Seele schützen, oder das, was davon übrig geblieben ist. Über sein Gesicht schiebt sich eine Art Nebel. "Der Emigrant" nennt Lotte Laserstein das Bild.

Heitere Bilder statt eigenständiger Kunst

1937 war die jüdische Malerin ins schwedische Exil emigriert, wo sich ihr künstlerischer Stil notgedrungen radikal wandeln muss. Der vitale Gestus, die dunkle schwere Farbigkeit, mit der sie noch im Berlin der Weimarer Republik ihre Muse, die Schauspielerin Traute Rose, und sich selbst als aktive Porträtistin abbildet, verschwindet in Schweden, einem Land, das sich als "Land des Lichts" begreift.

Betuchte und einflussreiche Auftraggeber wünschen sich lichtvolle Porträts mit heiteren Farben. "Sommeridyll" heißt das Wandgemälde mit jugendlichen Figuren, die sich locker vor dem Hintergrund eines hellblauen Sees gruppieren, ein Bild, als Ferienhausdekoration entstanden, das die Salzburger Ausstellung allerdings nur in einer Kopie zeigt. "Sklavenarbeit" nennt Laserstein diese Auftragsarbeiten einmal selbst, ihre starke künstlerische Eigenständigkeit hat die Malerin da längst verloren.

© Bildrecht Wien 2020

Porträt voller Schwermut: Auf ihrem Bildnis "Der Emigrant" (1941) malte Lotte Laserstein den Rechtsanwalt Dr. Walter Lindenthal, Öl auf Holz

Ohne Sprache keine Heimat

Arbeiten von sechs zumeist jüdischen Künstlern, die durch die nationalsozialistische Verfolgung zur Emigration gezwungen waren, führt die Ausstellung "Orte des Exils" zusammen. Kuratorin Christiane Kuhlmann: "Wir wollten nah am Werk und nah an den Menschen sein und praktisch zeigen, welchen Einfluss Exilerfahrungen auf das Werk, auf das Leben und auf die Rezeption hatten."

Als die Dichterin Else Lasker-Schüler im April 1933 erst nach Zürich und schließlich 1939 nach Palästina emigriert, verbindet sie mit der neuen Existenz zunächst große Hoffnungen. Palästina – ein Sehnsuchtsort. Der Band "Das Hebräerland" entsteht in Zürich schon 1937, doch die Erwartungen erfüllen sich nicht. Interessanterweise nutzt auch Else Lasker-Schüler in ihrem Gedicht "Das Lied der Emigrantin" das Motiv des Nebels, das auch Lotte Laserstein verwendet hatte: "Es ist der Tag im Nebel völlig eingehüllt", schreibt sie. Eine zerbrechlich wirkende farbige Kreidezeichnung, die 1942 in Jerusalem entsteht, betitelt sie mit "Die verscheuchte Dichterin".

"Im Grauen der Einsamkeit" schreibt die Dichterin unter die berührende Bleistiftzeichnung mit den Umrissen einer weiblichen Figur im Profil. Es ist eine Einsamkeit, die auch durch Sprachlosigkeit entsteht. Else Lasker-Schüler spricht kein Hebräisch, und die deutsche Sprache wird in Palästina schließlich verboten. "Else Lasker-Schüler war ganz wichtig für die Expressionisten", erklärt Christiane Kuhlmann vom Museum der Moderne, "aber als Künstlerin ist sie nie richtig wahrgenommen worden. Das war für uns der Anlass zu sagen, das ist eine neue Entdeckung vielleicht.“

© Collection Art Gallery of Ontario, Toronto

Gruppenbild mit Bösewichten: "The Crazy Gang" (1943) von Walter Trier, der auch Kinderbücher für Erich Kästner illustrierte

Möbel für Nomaden

Hingegen konnte der Zeichner und Karikaturist Walter Trier, der in den 1920er- und 30er-Jahren Illustrationen für Erich Kästners "Emil und die Detektive" oder "Das fliegende Klassenzimmer" schuf, im Londoner Exil scheinbar leichter an die früheren Erfolge anknüpfen. Für die in London in deutscher Sprache erscheinende Emigrantenzeitung "Die Zeitung" entwickelt er sich sogar zum Akteur politischer Zeichnung, bissige Nazi-Karikaturen entstehen. Und doch notiert er: "Ich glaube fest daran, dass die Emigration entwurzelt, allein die Sprache ist doch so eine starke Bindung."

Ähnlich mag es dem in London unermüdlich weiterarbeitenden Fotografen Wolf Suschitzky ergangen sein, ebenso wie der auch im Exil in Shanghai reüssierenden Filmemacherin Louise Kolm-Fleck. "Nomadic Furniture", also "Möbel für Nomaden" nennt der Wiener Möbeldesigner Victor Papanek seine in den USA erschienene theoretische Schrift noch 1973 und beschreibt damit wohl auch den eigenen Seelenzustand, so Kuratorin Christiane Kuhlmann: "Also, dieses Nomadische, dieses schnell Einpacken, Verschwinden, nicht wirklich tief verwurzelt zu sein, immer auf dem Sprung zu sein, was typisch für das Leben im Exil ist. Man kommt nicht an, sondern man ist ganz lange in diesem Transitstadium.“

Der Bruch bleibt schmerzlich, lebenslang. Was für ein Thema also. Enttäuschend nur, dass diese nüchtern präsentierte Ausstellung mit zahlreichen Exponaten an kaltweißen Wänden unter fahlem Neonlicht die Menschen hinter den Biografien, ihre Spaltung und ihr Trauma, doch nicht wirklich näherbringt. Es wirkt, als wäre Exilerfahrung nicht noch immer brandaktuell und gegenwärtig.

Die Ausstellung "Orte des Exils" ist bis zum 22.11.2020 im Museum der Moderne auf dem Salzburger Mönchsberg zu sehen.

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