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Warum die Serie "Freud" an einen Kaiserschmarrn erinnert | BR24

© Audio: Bayern 2 Bild: ORF/ Netflix

Robert Finster in Freud

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Warum die Serie "Freud" an einen Kaiserschmarrn erinnert

"4 Blocks" ist eine der wenigen deutschsprachigen Serien mit internationalem Potential. Erfunden hat sie der Wiener Filmemacher Marvin Kren. Jetzt startet sein neues Format auf Netflix: "Freud", eine Mini-Serie über den Begründer der Psychoanalyse.

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Wien als Klischee, das bedeutet Walzer, Sachertorte, Beisl und Kaffeehaus. Einerseits. Denn auf der anderen Seite stehen morbider Charme und ein Hang zur deftigen Wortwahl. Hell und dunkel, Licht und Schatten. In "Freud", der ersten Serien-Coproduktion von ORF und Netflix, kommt beides zusammen. Wobei der Fokus eindeutig auf dem düsteren Part liegt, der oft sehr grausam und blutdurchtränkt ist. Denn die Miniserie ist nicht etwa ein auf mehrere Folgen ausgewalztes Biopic über den Begründer der Psychoanalyse. "Freud" ist eine sehr freie Interpretation seiner beruflichen Lehrjahre – jener Zeit, als die Forschungserkenntnisse des jungen Arztes noch weit davon entfernt waren, wissenschaftlich anerkannt zu werden.

Einkalkulierte Provokation

In dem achtteiligen Mystery-Thriller ist der spätere, österreichische Nationalheilige Anfang 30. Er spricht und agiert so hölzern wie eine lebende Wandvertäfelung, hat ein angeknackstes Ego sowie Geld-, Beziehungs- und massive Drogenprobleme. Das wird nicht jedem gefallen, glaubt auch Marvin Kren, der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent von "Freud": "Es wird einen Aufschrei geben. Es wird sicher Leute geben, die einen ganz anderen Freud sehen und ein ganz anderes Bild von ihm haben. Wir begegnen ihm mit größter Huldigung und größtem Respekt. Und versuchen ihm wirklich einerseits auch ein visuelles Denkmal zu schaffen. Aber wir sind dahingehend respektlos zu sagen: Er ist ein selbstzerstörerischer kokainsüchtiger Angeber."

© ORF / Netflix

Das Medium Fleur Salome (Ella Rumpf) spielt eine Schlüsselrolle in "Freud"

Eine gewisse Provokation ist also von Anfang an einkalkuliert. Frei nach dem Motto: Alte weiße Männer bekommen einen modernen Anstrich, auch wenn er ihnen nicht gut zu Gesicht steht. Überhaupt ist der aktuelle Zeitgeist in diesem im Jahr 1886 angesiedelten Seriendrama stark vertreten. Stichwort: toxische Männlichkeit. Die Dekonstruktion überkommener Verhaltensmuster entpuppt sich mit zunehmender Episodenzahl als Mittelpunkt dieser wirren Mischung aus Fakten und Fiktion. Zudem arbeitet Freud als Profiler, also als Fallanalytiker. Als Wiener Westentaschen-Sherlock hilft er der Polizei bei der Aufklärung von Verbrechen. Davon gibt es einige, denn die kaiserlich-königliche Gesellschaft, sie ist verkommen bis ins Mark.

Freudscher Versprecher

Und weil man in 8 mal 45 Serienminuten sehr ins Detail gehen kann, gibt es gleich drei Handlungsstränge, in denen seelische Abgründe rund um die Themen Trieb, Tabu und Verdrängung erkundet werden. Kren liebt diese kreative Freiheit: "Ein Film muss eine gewisse Disziplin haben, eine Idee haben und sich an dieser Idee sozusagen durcharbeiten, sie deklinieren und einen spannenden Film draus machen. Wir kennen überladene Filme und das funktioniert nicht. Aber das Tolle an einer Serie ist, dass man genau das kann. Man kann sich verzetteln."

Lachend wiegelt Kren ab, dass seine Serie sich natürlich nicht verzettele. Aber es war wohl ein Freudscher Versprecher. Denn die drei Handlungsstränge driften zur Serienmitte zunehmend ins Mystisch-Okkulte ab und ergeben einfach keinen rechten Sinn. Was der Regisseur als Melange bezeichnet, in der sich alles zu einem fügt, entpuppt sich am Ende als arg zerpflückter Kaiserschmarrn – mit der Betonung auf dem letzten Teil des Begriffs.

Die achtteilige Serie "Freud" ist ab dem 23. März im Programm von Netflix.

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