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Der 70er-Jahre-Roman "Oreo" hebelt unsere Identitätsfragen aus | BR24

© Bayern 2

Eine Heldin mit jüdischen und schwarzen Wurzeln und dem Namen eines Kekses: "Oreo" von Fran Ross ist die schräge Geschichte einer Vatersuche, in der es auf den Vater gar nicht so ankommt. Eher auf Selbstbehauptung. Eine literarische Wiederentdeckung.

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Der 70er-Jahre-Roman "Oreo" hebelt unsere Identitätsfragen aus

Eine Heldin mit jüdischen und schwarzen Wurzeln und dem Namen eines Kekses: "Oreo" von Fran Ross ist die schräge Geschichte einer Vatersuche, in der es auf den Vater gar nicht so ankommt. Eher auf Selbstbehauptung. Eine literarische Wiederentdeckung.

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Christine Clark ist sechzehneinhalb, als sie von Philadelphia nach New York aufbricht: ein Teenager, frühreif, unerschrocken und fantasievoll, auf der Suche nach dem unbekannten Vater, der die Familie früh verlassen hat. Im Zug lernt sie erst einen schwulen "Reisehenker" kennen – einen, der im Land herumfährt, um Kündigungen für Firmen zu verteilen. Später serviert sie ihm und anderen Mitreisenden eine Mahlzeit aus ihrem überreichlichen, mit viel Liebe gekochten Proviant. Es wird ein großes Fressen mit Ächzen, Stöhnen und Beifallsstürmen.

Vieldeutigkeiten überall

Christine, scharfe Beobachterin und Freundin verspulter Gedankengänge, ist die Tochter einer Schwarzen und eines Juden. Auf die Verbindung ihrer Eltern reagiert die jüdische Großmutter mit einem Herzinfarkt, der schwarze Großvater mit Versteinerung auf dem Stuhl zu einem "steifen halben Hakenkreuz". Das erfährt man gleich im ersten Kapitel unter der Überschrift "Mischpoke". Von Anfang an also sind komplexe Identitäten im Spiel – und von Anfang an hebelt das Buch das Großkonzept Identität lustvoll aus. Mit allen Mitteln der Literatur: Handlung, Sprache, Charakterzeichnung und Tonfall.

Auch Christines Spitzname ist vieldeutig: "Oreo", wie die Kekse, die außen schwarz und innen weiß sind. Ihre Großmutter hatte Oreo diesen Namen allerdings gar nicht deshalb gegeben, sondern weil er ihr im Traum erschien und zusammen mit einer zahlenmagischen Übung auch noch einen Lottogewinn einbrachte. Falsch verstanden hatte sie ihn außerdem. Nicht nur hier arbeitet der Roman mit übereinander gelagerten Codes, und gerade, wo sich allzu schlüssige Deutungen aufdrängen, erweisen sie sich als brüchig.

Anleihen bei der Theseus-Sage

"Oreo", erschienen 1974, ist der erste und einzige Roman von Frances Ross. Die Autorin hat ihrer Heldin einige biografische Details aus ihrem eigenen Leben mitgegeben: Ross, Jahrgang 1935, wurde ebenfalls in Philadelphia geboren, auch sie hatte einen jüdischen Vater und eine schwarze Mutter. Ihr Roman war lange vergessen, wurde im Jahr 2000 in den USA wiederentdeckt und ist nun erstmals auf Deutsch zu lesen, in der furiosen Übersetzung von Pieke Biermann. Es ist erstaunlich, wie aktuell die Themen sind, die hier verhandelt werden: Herkunft, Feminismus, Rassismus. Das mögliche Pathos dieser Themen führt Fran Ross in eine wild aufdrehende Geschichte um Oreos Vatersuche.

Oreos Trip, der das Geheimnis ihrer Geburt aufdecken soll, ist an die antike Theseus-Sage angelehnt, am Ende ordnet ein "Schlüssel für Schnellleser, Antikenferne etc." dem alten Stoff Handlung und Personal des Romans zu. Formal schließt das Buch an das klassische Genre der Heldenreise an. Dazu gehört auch, dass Figuren auftauchen, zu einer Art Prüfung für die Protagonistin werden und wieder verschwinden. Das könnte zur Nummernrevue geraten, wird aber zusammengehalten durch die Richtung auf ein Ziel hin – so unwahrscheinlich die Stationen auf dem Weg dorthin auch sein mögen.

© dtv

"Oreo" von Fran Ross

Eine organisierte erzählerische Übertreibung

Oreo trifft im Riverside Park eine campierende Zwergenfamilie, in der die Eltern in nervtötenden Reimen sprechen und der Sohn Hunde quält. Einen kapriziös gewalttätigen Zuhälter demütigt sie mit einer künstlichen Jungfernhaut und Kampfsporteinsatz, für einen stummen Tonmann liest sie im Studio einen Werbetext zu koscherer Küche ein, in einer Tierhandlung soll sie eine Bulldogge mit Schmuggelware im Halsband abholen.

Das alles enthält sehr viel Welt, ist aber kein schlichter Realismus, sondern eine entschieden erfundene Story. Und eine organisierte erzählerische Übertreibung: Der Witz kann sehr grell sein, der Plot hanebüchen, Oreo, die so smart wie stark ist, wird mit allem fertig. Außerdem gibt es eine Fülle von Bezügen: Briefroman-Passagen, Kochbucheinträge, viel abendländische Bildung und viel Popkultur. Die Sprache des Buches bedient sich beim Jiddischen und beim Südstaatenakzent. Oreo, heißt es im Buch, liebe die Wörter, "deren Nuancen und Kadenzen, Saft und Mark, die Vielfalt und Genauigkeit, das Rockige und Schräge."

Das ist eine ziemlich gute Beschreibung für den Roman selbst. Rockig und schräg ist "Oreo" ganz ohne Frage. Der ernste Kern des Ganzen könnte in Oreos Lebensmotto zu finden sein. Sie zitiert es auf Latein: "Nemo me impune lacessit", kann es aber genauso in ruppig rassistischem Virginia-Slang bringen: "Mir saacht kein Nigger nich, was ich zu tun und zu lassen hab!" Ins Gemäßigte übersetzt lautet es: "Niemand reizt mich ungestraft." Es sitzt eine widerspenstige Wut gegen äußere Festlegungen in der Selbstbehauptung dieser Heldin. Der Roman macht daraus eine konsequent unvorhersehbare Geschichte. Eine echte Entdeckung.

"Oreo" von Fran Ross ist, aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann, bei dtv Literatur erschienen.

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