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"Opportunisten gibt es immer": Polens Kulturszene in Aufruhr | BR24

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Noch dominiert die nationalkonservative Partei PiS die polnische Politik. Sie verordnet "patriotische" Bücher, Theaterstücke und Filme, auch in den Schulen. Die Intellektuellen rebellieren, demonstrieren – und hoffen auf einen Machtwechsel im Herbst.

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"Opportunisten gibt es immer": Polens Kulturszene in Aufruhr

Noch dominiert die nationalkonservative Partei PiS die polnische Politik. Sie verordnet "patriotische" Bücher, Theaterstücke und Filme, auch in den Schulen. Die Intellektuellen rebellieren, demonstrieren – und hoffen auf einen Machtwechsel im Herbst.

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Boomtown Warschau - in der 1,8-Millionen-Metropole schießt ein Wolkenkratzer nach dem anderen in die Höhe. Auch in der Kultur tut sich einiges. Warschau hat tolle Jazzclubs, interessante Museen, eine Oper von internationalem Format und eine junge, urbane Kunstszene. Aber man darf sich nicht täuschen lassen: Die polnische Hauptstadt wird von der liberal-demokratischen Opposition regiert.

Auf nationaler Ebene weht ein anderer Wind, da fährt die rechtspopulistische PiS-Regierung eine beinhart reaktionäre Kulturpolitik. Der Fotograf Chris Niedenthal – seine Fotoarbeiten aus der Solidarnosc-Zeit sind längst Ikonen – beobachtet die offizielle Kulturpolitik mit Sorge: "Nationalismus und Patriotismus sind exakt das, worauf es der Regierung in der Kulturpolitik ankommt. Die Theater sollen patriotische Stücke spielen, da geht es nicht darum, dem Publikum einen offenen Blick auf die Welt zu vermitteln oder neue ästhetische Horizonte zu eröffnen. Die Regierung ist da ganz, ganz altmodisch – in einem schlechten Sinn."

© Michal Fludra/picture alliance

Niedenthal im August 2018 in Danzig

"Patriotische" Lektüre dominiert in den Schulen

Seit die PiS ("Prawo i Sprawiedliwość", dt. Recht und Gerechtigkeit) 2015 wieder an die Macht gekommen ist, toben heftige Kulturkonflikte im Land. Renommierte Theaterdirektoren in Krakau und Wroclaw wurden gefeuert, der Avantgarde gegenüber aufgeschlossene Kulturmanager*innen entlassen, Museumsdirektionen umbesetzt. Kampf gegen Moderne und westliche Dekadenz, lautet die Parole. Der Publizist und Historiker Grzegorz Gauden weist darauf hin, dass auch die Lehrpläne an den Schulen mehr und mehr auf plumpen Nationalismus getrimmt werden: "Die Lehrer haben keinerlei Mitentscheidungsrecht, wie die Lektürelisten in den Schulen aussehen sollen. Die Konsequenz ist, dass die polnischen Schülerinnen und Schüler sich heute in erster Linie mit patriotischer Literatur des 19. Jahrhunderts beschäftigen müssen."

Eine Demonstration in der Warschauer Innenstadt: Die demokratisch-liberale Opposition trifft sich zu einer Kundgebung. Tausende sind gekommen an diesem Nachmittag. Unter ihnen die Übersetzerin Karolina Niedenthal. Sie hat unter anderem Bücher von Stefan Zweig und Martin Pollack ins Polnische übersetzt: "Wir gehen oft auf die Straße. Nicht nur wir, sondern alle unsere Freunde. Man weiß jetzt in Polen, wie man seinen Protest ausdrücken kann."

© Michal Fludra/picture alliance

Adam Michnik, Chefredakteur der Tageszeitung "Gazeta Wyborcza".

Alte Opportunisten und junge Rebellen

Im Demo-Getümmel taucht für einen Augenblick der Charakterkopf des alten "Solidarnosc"-Haudegens Adam Michnik auf, heute Chefredakteur der Tageszeitung "Gazeta Wyborcza". Auch Grzegorz Gauden nimmt – wie viele Künstler und Intellektuelle – an der Demo teil. Auf die Frage, ob es auch prominentere Leute aus der Kulturszene gebe, die die PiS unterstützen antwortet Gauden: "Es gibt natürlich immer Opportunisten, die sich der Macht andienen. Aber bedeutende Schriftsteller zu nennen, die die PiS und ihre Kulturpolitik unterstützen, das ist eine schwere Übung. Eigentlich fällt mir da nur einer ein: Jarosław Marek Rymkiewicz, ein bedeutender Poet. Aber sonst gibt es keinen einzigen Autor, keine einzige Autorin von Rang, die auf Seiten der PiS stehen." Die jüngere Schriftsteller-Generation stehe großteils auf Seiten der Opposition, fügt Gauden hinzu, "und ich kann Ihnen sagen: Die Jüngeren sind alle ganz schön rebellisch."

Die PiS gewann die Europawahl

Rebellisch hin oder her, bei den Europawahlen Ende Mai hat die PiS mit 45 Prozent einen überzeugenden Wahlsieg eingefahren, obwohl auch die Opposition gut abgeschnitten hat. Der Fotograf Chris Niedenthal lässt sich davon nicht entmutigen. Er setzt seine Hoffnungen auf die polnischen Parlamentswahlen im Herbst: "Ich hoffe, dass diese Regierung diese Wahlen verliert, ganz klar. Im Moment hat die PiS noch die Unterstützung vieler Menschen in Polen, daran wird sich so schnell nichts ändern." Niedenthal glaube nicht an einen triumphalen Sieg der Opposition im Herbst, hoffe aber darauf, dass die Opposition stark genug wird, um eine wirkliche Opposition sein zu können: "Vielleicht schließen sich die verschiedenen Oppositonsgruppen auch zusammen und treten geschlossen auf, dann könnte die Regierung nicht mehr alles tun, was sie tun möchte. Damit wäre ich für den Anfang schon einmal glücklich."

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