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"One Night in Miami": Kammerspiel um Muhammad Ali und Malcolm X | BR24

© Audio: BR (Filmausschnitte aus dem Amazon Original Film One Night in Miami) / Bild: Patti Perret / Amazon Studios

"One Night in Miami" beginnt mit einem Boxkampf und wird zu einem Kammerspiel, in dem nur die Worte zählen.

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"One Night in Miami": Kammerspiel um Muhammad Ali und Malcolm X

Als Schauspielerin hat Regina King 2019 einen Oscar für ihren Auftritt in "If Beale Street Could Talk" gewonnen. Jetzt stellt sie ihr Regiedebüt vor und erzählt darin von dem Abend nach Alis Weltmeisterschafts-Sieg im Jahr 1964. Oscar-verdächtig?

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Von
  • Marie Schoeß

Ob er bereit sei für diesen Abend, wird Cassius Clay gefragt, der Mann, der schon wenig später als Muhammad Ali zur Legende werden soll. Clay antwortet, dass er so bereit sei, wie ein Mann nur bereit sein könne. Siegesgewiss kann man das nennen, vielleicht sogar eine Spur arrogant, aber Clay hält Wort und gewinnt die Weltmeisterschaft im Schwergewicht. Es ist das Jahr 1964, als Clay seinen Gegner austanzt und ausboxt, bis der schließlich aufgibt.

Ein imaginiertes Gespräch zwischen Fakt und Fiktion

Aber die Frage, ob er vorbereitet sei auf das, was folge, hat im Film noch eine weitere Bedeutung – denn "One Night in Miami" erzählt zwar von dem Abend dieses Kampfes, eigentlich aber geht es um das, was nach dem Sieg geschah oder besser: geschehen sein könnte. Kein historisches Zeugnis ist Vorlage dieses Films, sondern ein Theaterstück, Verbindung aus Fakt und Imagination.

Nach dem Kampf feiern im Film, wie schon im Theaterstück des Dramatikers Kemp Powers, vier Freunde den Sieg gemeinsam im Hotel. Sie alle stehen an der Spitze ihrer Disziplin, sie alle haben Tag für Tag mit Rassismus umzugehen: Cassius Clay selbst, Bürgerrechtler Malcolm X, Jim Brown – Football-Spieler und Schauspieler – und Sam Cooke, King of Soul. Ein männliches Quartett, das von Regisseurin Regina King geleitet wird. Sie entscheidet, in welchem Ton diese vier Ikonen miteinander reden, in welches Licht sie die Männer stellt, welche Miene sie auflegen. Und King trifft kluge Entscheidungen.

Politische Diskussionen statt Frauengeschichten

Zunächst sieht alles danach aus, als geriete der Abend zu einer schlichten Feierei, vier Männer allein im Hotelzimmer, immerhin drei von ihnen haben Lust auf einen ausgelassenen Abend. Nur Malcolm X wendet ein, dies wäre doch ein guter Moment, um zu reflektieren. Und so folgt Vanilleeis statt Alkohol, es folgen politische Diskussionen statt Frauengeschichten.

Der Film ist also vor allem ein Kammerspiel, ein Gespräch, das Albernheiten und Neckereien kennt, im Kern aber zum tieftraurigen Streitgespräch wird. Das behandelt Themen, die bis heute die Vereinigten Staaten umtreiben: die politische Verantwortung von schwarzen Idolen, die ebenso romantische wie fehlgeleitete Idee, dass alle Afroamerikaner ein Schicksal teilen, und die große Frage, welche Stimme es braucht, um Menschen im Kampf gegen Rassismus zum Zuhören zu bringen. Malcolm X – immerhin die fiktionalisierte Version dieses Widerstandskämpfers – weiß, es bräuchte die Stimme von Musiker Sam Cooke.

© Patti Perret / Amazon Studios

Sam Cooke auf der Bühne: Filmstill aus "One Night in Miami"

Rassismus in höflichem Ton

Dass Cooke es vorzieht, mit seiner Stimme zu unterhalten, statt politisch zu wirken, ist nur einer der persönlichen Vorwürfe dieses Abends. Dass der Film selbst dabei nicht ins Didaktische kippt, liegt daran, wie lebendig die Schauspieler ihre Rolle füllen. Denn die Geschichte ist recht klassisch aufgebaut und umgesetzt.

Gleich zu Beginn zeigen Rückblenden, dass der Erfolg keinen der Männer davor bewahrt, diskriminiert zu werden. Auch während des Gesprächs erinnern Rückblenden daran, dass Rassisten im höflichen, fast schon herzlichen Ton verletzen können. Das ist eindrucksvoll inszeniert, überrascht aber traurigerweise kaum noch, und überhaupt bleiben wir meist im Hotelzimmer, sind geradezu eingesperrt in der Enge des Raumes und des Dialoges.

Öffentliche Idole im Kampf mit sich selbst

Was berührt, findet aber auch in diesem Zimmer und damit im Dialog statt: Es ist der Kampf der vier Männer mit sich selbst, mit den eigenen politischen Fragen und Unsicherheiten, die den einen in die größte Angespanntheit und den anderen in die vermeintliche Lässigkeit zwingt. Nur kann niemand von ihnen an diesem Abend sein öffentliches Gesicht wahren. Sie alle verlassen ihre typischen Verhaltens- und Argumentationsweise und die Schauspieler lassen einen spüren, wie viel Überwindung und Kraft in einem solchen Akt liegt.

Unwahrscheinlich, dass dieses imaginierte Gespräch die Wirklichkeit trifft – aber das bedeutet nicht, dass keine Wahrheit darin liegt.

"One Night in Miami" ist ab 15. Januar bei Amazon Prime zu sehen.

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