BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© picture alliance / akg-images
Bildrechte: picture alliance / akg-images

Frau mit Papagei auf der Schulter vor einem Radio ('Volksempfänger'), Foto, undatiert (30er Jahre); digital koloriert.

Per Mail sharen

    "On Air": Eine Ausstellung über 100 Jahre Radio in Deutschland

    Radio erlebt seit Jahren eine Renaissance, ob im Netz, über DAB+ oder analog über UKW, flankiert von immer mehr Podcast-Angeboten. In Berlin zeichnet eine große Jubiläumsschau im Museum für Kommunikation 100 Jahre Radiogeschichte in Deutschland nach.

    Per Mail sharen
    Von
    • Sissi Pitzer
    • Günter Herkel

    Am 22. Dezember 1920 schrieben Mitarbeiter der Hauptpoststelle Königs Wusterhausen bei Berlin Rundfunkgeschichte. Mit Geige, Cello und Klarinette spielten sie "Stille Nacht, heilige Nacht", die erste Übertragung von Instrumentalmusik über einen 10-Kilowatt-Langwellensender. Damals gab es aber noch keine Aufzeichnungsmöglichkeiten.

    Das war zwar noch kein offizieller Rundfunk – der startete erst drei Jahre später mit der "Deutschen Stunde" aus dem Vox-Haus in Berlin -, aber es klang mit Sprache, Musik und Moderation schon wie ein heutiges Radioprogramm.

    Hörfunk als Demokratie-Instrument

    Wegen seiner vergleichsweise einfachen Technik galt der Hörfunk in seinen Anfängen vielen progressiven Zeitgenossen als Demokratisierungsinstrument. Die Hörer und Hörerinnen sollten nicht nur passive Empfänger sein, sondern sich selbst bei Bedarf in "Sender" verwandeln können.

    "Die Arbeiterradio-Bünde haben dafür gekämpft, mehr Beteiligung zu bekommen, auch eigene Sender. Aber all diese demokratischen Grundzüge, die man hätte verfolgen können, waren 1933 komplett passé und wurden ad absurdum geführt, von den Nationalsozialisten ins Gegenteil verkehrt", erläutert Florian Schütz, Kurator von "On Air – 100 Jahre Radio" und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums für Kommunikation in Berlin.

    Propaganda-Maschinerie der Nazis

    Den NS-Propagandisten erschien das Radio als ideales Instrument zur ideologischen Gleichschaltung der Bevölkerung. Für 65 bis 76 Reichsmark brachte das Propagandaministerium den "Volksempfänger" unter die Leute. Vom Volksmund wurde das Gerät mit dem dunklen Bakelit-Gehäuse und der einfachen Bedienung schnell als "Goebbels-Schnauze" verspottet.

    Kalter Krieg im Äther

    Der Kalte Krieg nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde auch im Äther ausgetragen. Dem DDR-Regime war vor allem der aus Berlin sendende "Rundfunk im amerikanischen Sektor" RIAS ein Dorn im Auge und ein Ärgernis im Ohr.

    Die Ausstellung zeigt nicht nur Propaganda-Plakate, die den RIAS als Virenschleuder bzw. als Verbreiter von Lüge, Hetze und Hass titulieren - sondern auch Teile eines Störsenders: ein großes, schweres Gerät, mit dem der Empfang des RIAS in weiten Teilen der DDR gestört wurde.

    Bayern vorn: Erster UKW-Sender in Freimann

    Der erste UKW-Sender in Deutschland startete am 28. Februar 1949 um 16:30 Uhr auf dem Gelände des Bayerischen Rundfunks in München-Freimann. Eigentlich hatte der BR mit dem damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk NWDR abgesprochen, gemeinsam am 1. März mit der Ausstrahlung zu beginnen.

    Aber in München hatte man es offensichtlich nicht mehr aushalten können und schaltete den Sender einen Tag früher ein, wie Kurator Florian Schütz erzählt. "Viele Besucher gerade aus Bayern haben auch gesagt: Ja, wir wollten halt als erste dran sein."

    Radio-Design: Vom "Schneewittchensarg" zum Digital-Stick

    Radio-Geschichte ist immer auch Design-Geschichte. In der Riesenvitrine "Tönende Objekte" zeigt das Museum drei Dutzend besondere Radio-Exponate aus seinem Fundus. Darunter ist auch der berühmte Phonosuper Braun SK 4, eine Radio-Phono-Kombination, wegen seiner Plexiglas-Abdeckung besser bekannt unter dem Spitznamen "Schneewittchensarg".

    Kurios: das Küchenradio in Form einer Maggi-Flasche. Ein Exemplar wurde noch 1984 im Rahmen eines Gewinnspiels der Jugendzeitschrift "Bravo" verlost.

    Ausstellung derzeit nur digital zu besuchen

    Auch die Produktionsseite kommt in der Ausstellung nicht zu kurz. Wer will, kann im "Radio Klub 100", einem schallgedämpften Studio, sein eigenes Radioprogramm entwickeln, moderieren und im Ausstellungsäther "live on air" gehen – wenn das Museum wieder geöffnet hat. Geplant ist die Radio-Show derzeit bis Ende August 2021.

    Die Ausstellung "On Air – 100 Jahre Radio" ist Corona-bedingt derzeit zwar geschlossen, aber auch digital zu besuchen. Im Internet bietet das Deutsche Rundfunkarchiv einen wahren Schatz aus alten und neuen Aufnahmen - ob analog knisternd oder digital rauschfrei.

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!