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So kämpft Oliver Polak gegen Antisemitismus | BR24

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Judith Heitkamp im Gespräch mit Oliver Polak

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So kämpft Oliver Polak gegen Antisemitismus

Oliver Polak, bekannt als durchaus kontroverser Comedian, konstatiert zunehmenden Antisemitismus in Deutschland in seinem sehr ernst gemeinten Buch "Gegen Judenhass". Im Interview erzählt er, warum das Weghören und Verharmlosen aufhören muss.

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Oliver Polak, preisgekrönter Comedian und Autor, hat gerade ein Buch veröffentlicht mit dem sehr ernst gemeinten Titel "Gegen Judenhass". Judith Heitkamp hat mit ihm über Antisemitismus früher und heute gesprochen – und darüber, was jeder dagegen tun kann.

Judith Heitkamp: Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung wiederholt häufig zwei Zahlen: 80 Prozent der Juden in Deutschland haben den Eindruck, dass der Antisemitismus zunehme, und 80 Prozent der nicht-jüdischen Bevölkerung in Deutschland sind der Meinung, es gebe wichtigere Probleme. Dass diese beiden Zahlen so auseinanderfallen – liegt das einfach nur daran, dass nicht-jüdische Deutsche eben keinen Antisemitismus erleben? Oder auch an einer veränderten Stimmung im Land?

Oliver Polak: Ich habe dieses Buch geschrieben, weil mir auffiel, dass Sachen salonfähig wurden, bei denen es vorher immer hieß "Nie wieder!" und "Wehret den Anfängen!". Vor vier Jahren zum Beispiel, Stichwort Iron Dome gegen Angriffe auf Israel, da wurden am Kurfürstendamm mitten in Berlin Israelfahnen verbrannt, da gab es Sprechchöre "Hamas, Hamas, Juden ins Gas!", Araber, aber auch Linke waren da vertreten. Da dachte ich, irgendwas ist hier gerade ganz komisch. Und dann häuften sich in den letzten Monaten Meldungen von jüdischen Restaurantbesitzern, die angegriffen wurden, weil ihnen ihre schiere Anwesenheit vorgeworfen wurde; von jüdischen Restaurants, denen die Scheiben eingeworfen wurden; jüdischen Schülern, die auf Schulhöfen bedroht wurden. Das erinnerte mich an meine Kindheit. Ich bin in Papenburg im Emsland groß geworden. Als ich sieben, acht Jahre alt war, da wurde ich auch über den Schulhof gejagt, nur damals hieß es immer, das sind hier die letzten antisemitischen Ausläufer, sowas kann mal passieren. Ich dachte also, das wird alles besser – aber jetzt werden wieder jüdische Schüler auf deutschen Schulhöfen gejagt. Ich habe mich gefragt, warum niemand denen eine Stimme gibt. Und dann dachte ich, ich mache das! Ich versuche, das große, schwere Thema herunter zu brechen. Was ist Antisemitismus? Die Frage leichter zugänglich zu machen, sie nicht so intellektuell zu beantworten.

Herunterbrechen auf ganz kleine Sachen – zum Beispiel geht es Ihnen immer wieder um das Klischee vom reichen Juden, der mit Geld so gut umgehen kann.

Das ist ja so ein Jahrhunderte altes Ding, aus einer Zeit, wo Christen keine Geldverleiher sein durften, aus religiösen Gründen, jüdische Leute aber schon. Sie haben dann diese Berufe ausgeübt und genau das wurde ihnen am Ende wieder vorgeworfen. Auf der einen Seite werden Juden als mächtige und reiche Übermenschen dargestellt, die die Fäden in der Hand halten und die Welt kontrollieren, andererseits sind Juden Opfer, jammern, da wird man wieder klein gemacht. Egal, was du bist, es ist falsch, ja? Und warum das so ist – da kann man nur spekulieren, dass natürlich immer ein Sündenbock gesucht wird. An der Misere im Osten sind die Flüchtlinge schuld, zum Beispiel. Der Antisemitismus ist da ein Evergreen. Wenn man was nicht richtig zuordnen kann, ist am Ende immer der Jude der Böse.

Heißt das, man muss jedem scheinbar harmlosen Klischee sofort etwas entgegensetzen?

Ja, ich glaube schon. Und das ist hier nie passiert, in Deutschland. Wenn in der Kneipe Leute komische Sachen sagen, muss man direkt sagen, hey Alter, das ist rassistisch, das ist antisemitisch, sei mal still, ja? Und nicht, ach komm, der meinte das doch nicht so, komm, der war betrunken. In dem Moment, wo das passiert, entsteht ein immer größer werdendes Loch, wo diese ganzen Sachen irgendwie legitim und salonfähig werden. Deswegen der Versuch, diese Vorurteile, diese Klischees in dem Buch einfach mal herunter zu brechen und zu erklären, was für ein Schwachsinn das ist. Der reiche Banker ist genauso eine Erfindung wie der Osterhase und der Weihnachtsmann. Darum geht es.

Am Wochenende hat sich die Gruppe "Juden in der AfD" gegründet. Wie ordnen Sie das ein?

Die AfD tut so, als ob sie total judenfreundlich sei, um sich Verbündete zu holen im Kampf gegen den – in Anführungszeichen – bösen Islamisten. Der Zentralrat der Juden und noch viele weitere jüdische Organisationen haben sich in der letzten Woche sehr eindeutig geäußert: Das ist einfach ein No Go. Das muss man ganz klar sagen.

Ihr Buch "Gegen Judenhass" ist als Taschenbuch in Neon Orange bei Suhrkamp erschienen – wen erreicht man mit so einem Buch?

Das weiß man ja eben nicht. Meine Zielgruppe sind nicht die Älteren, die kann ich eh nicht mehr retten, mir geht es primär um jüngere Menschen. Der größte Wunsch oder Traum wäre, dass so ein Buch vielleicht auch in der Schule durchgenommen wird. Deswegen auch am Anfang diese vielen Fragen.

Am Anfang gibt es ganz viel weißes Papier, es steht immer nur eine Frage auf einer Seite: "Was weißt Du über Juden?" "Sind Juden geldgierig?" "Wie sehen Juden aus?"

Die Idee ist, dass man den Leser erst mal alleine lässt mit diesen Fragen, dass er sich selber mal abklopfen kann. Und der zweite Teil ist dann Text.

Am Ende des Buches gibt es noch mal einen starken Appell, jeden kleinsten Anflug von Antisemitismus zu thematisieren, nichts durchgehen zu lassen. Klingt aber auch nach Political Correctness – die Sie ja dann als Comedian selber auch nicht bedienen.

Es ist ganz einfach. Auf der einen Seite bin ich Stand Up Comedian, ich würde sagen, einer der kontroversesten Stand Up Comedians in Deutschland.

Sie fragen in ihrem Programm das Publikum häufig "War das zu hart?" Ich müsste da manchmal sagen – ja, war's.

Genau. Aber keiner meiner Witze ist so hart wie die Realität im Moment da draußen. Man darf politisch inkorrekt sein, aber es ist ein Unterschied, wenn ich zu einem Juden sage "Wie willst du denn zum auserwählten Volk gehören, wenn du nicht mal weißt, wie ein Cheeseburger schmeckt?", oder wenn man zu jemandem sagen würde "Mein Vater ist auch im KZ gestorben – besoffen vom Wachturm gefallen". Da gibt es einfach Unterschiede. Witze dürfen hart sein, die lösen ja auch einen Prozess aus, man klopft da etwas ab und hinterfragt Dinge. Je größer das Tabu, desto besser muss die Pointe sein. Aber wie gesagt, das eine ist Comedy – und das andere ist Antisemitismus.

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