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Schriftsteller Oliver Pötzsch

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Oliver Pötzsch: "Meine Vorfahren waren Henker"

Oliver Pötzsch erfährt bereits als Kind, dass er aus einer Henkersfamilie stammt. Lange Zeit verdrängt er diese Vergangenheit - bis er sich intensiv mit ihr befasst. Seine Romane über die Henkerstochter sind heute Bestseller auf der ganzen Welt.

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Von
  • Astrid Uhr

"Als ein Ahnenforscher aus meiner Familie die ganzen Stammbäume zu uns nach Hause brachte, da wusste ich es sofort: Das ist der Roman, den ich immer schreiben wollte", erzählt Oliver Pötzsch. Seinen ersten Roman über "Die Henkerstochter" bringt er im Jahr 2008 heraus. Der Schriftsteller ist überzeugt: "Geschichte schreibt die besten Geschichten." Sein Erfolg gibt ihm Recht: Über seine Vorfahren, die Henkersfamilie Kuisl aus dem oberbayerischen Schongau, veröffentlichte er bis heute acht Romane. In mehr als 20 Ländern werden seine Werke gelesen, darunter USA, China und Brasilien. Mehr als drei Millionen Bücher hat er bis heute verkauft.

Per Audioguide zum Folter-Ort

Über drei Jahrhunderte lang – vom 16. bis ins 19. Jahrhundert – üben die Kuisls den Beruf des Scharfrichters und Henkers aus. Im Namen der offiziellen Gerichtsbarkeit vollziehen sie Tortur und Folter. Folterinstrumente wie Daumenschrauben und Brenneisen, die im Schongauer Stadtmuseum ausgestellt sind, inspirieren den 50-jährigen Autor zu immer neuen Geschichten. Für seine Henkerstochter-Saga recherchiert er häufig an Originalschauplätzen, stöbert in Archiven und setzt sich mit Heimatgeschichte auseinander.

Die Historischen Romane von Oliver Pötzsch sind auch eine Chance für Schongau: Leser aus aller Welt besuchen die Region. Durch seine Romane kommen sie auch mit den dunklen Seiten der Stadtgeschichte in Berührung – etwa dem Schongauer Hexenprozess Ende des 16. Jahrhunderts. Er gilt als einer der größten im süddeutschen Raum. An die 63 Frauen, die damals unschuldig hingerichtet wurden, erinnern heute noch Rosenstöcke im Innenhof des Heiliggeist-Spitals. Gerade hat der Autor außerdem für die Stadt Schongau einen Audioguide entwickelt: eine App führt nun die Zuhörer zu den Schauplätzen seiner Romane.

Pest und Corona

Im April 2020 erschien sein neuester Roman "Die Henkerstochter und der Fluch der Pest". Obwohl Pötzsch sein Werk lange vor dem ersten Lockdown abgeschlossen hatte, zeigt seine Erzählung überraschende Parallelen zwischen Pest und Corona – etwa das Ausgehverbot nach Sonnenuntergang, die Isolation der Menschen und ihre Ängste.

Einen direkten Vergleich lehnt Pötzsch ab, denn an der Pest starb in Deutschland damals über ein Drittel der Bevölkerung. Doch es macht den Schriftsteller nachdenklich: "So viel haben wir nicht gelernt. Verschwörungstheorien gab es damals schon – und gibt es heute. Es ist offenbar schwer zu begreifen, dass eine Katastrophe einfach so kommt und man keinen Schuldigen benennen kann."

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Oliver Pötzsch Romane über die Henkerstochter sind heute Bestseller auf der ganzen Welt.

Folter ohne Schuldgefühle

Für die Taten seiner Vorfahren empfinde er keine Scham, sagt der Romanautor. Schließlich müsse man all diese grausamen Folter-Prozesse vor dem historischen Hintergrund der jeweiligen Zeit sehen: "Sie waren sicher keine Sadisten, sondern haben ihren Beruf ausgeübt, den sie von Generation zu Generation weitervererbten." Pötzsch fühlt sich mit seinen Ahnen verbunden. Durch sie kann er heute seinen Traumberuf ausüben und als Schriftsteller leben. Er geht ganz unverkrampft mit seiner Ahnentafel um, das haben auch seine Frau und seine zwei Kinder von klein auf so erlebt. "Andere Väter gehen vielleicht mit dem Aktenkoffer in die Arbeit – ich gehe oft mit dem Richtschwert zu einer Lesung," sagt der Geschichtenerzähler lachend. Humor ist für den Schriftsteller ein wichtiges Mittel, um sich von seiner Romanfigur, dem Henker Jakob Kuisl, zu distanzieren.

Ende Mai 2021 wird wieder ein neuer Roman von Oliver Pötzsch erscheinen: "Das Buch des Totengräbers" – der Beginn einer neuen Krimiserie, die um die Jahrhundertwende in Wien spielt.

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