Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Olga Tokarczuk: Nobelpreis für den Kampf gegen Nationalismus | BR24

© BR / Carsten Schmiester

Sie war eine Favoritin: Olga Tokarczuk, ausgezeichnet mit dem Literaturnobelpreis 2018, gilt als Meisterin des Historischen Romans und liebt mythische Gleichnisse. Die Polin, die über die Psychoanalyse zum Schreiben kam, kämpft gegen Nationalismus.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Olga Tokarczuk: Nobelpreis für den Kampf gegen Nationalismus

Sie war eine Favoritin: Olga Tokarczuk, ausgezeichnet mit dem Literaturnobelpreis 2018, gilt als Meisterin des Historischen Romans und liebt mythische Gleichnisse. Die Polin, die über die Psychoanalyse zum Schreiben kam, kämpft gegen Nationalismus.

Per Mail sharen
Teilen

Die Bielefelder Stadtbibliothek hatte die "richtige Nase": Dort wurde die Literaturnobelpreisträgerin 2018 heute Abend zur Lesung erwartet, und schon im Vorfeld war gemutmaßt worden, ob die polnische Autorin an diesem Tag nicht etwas zu Feiern haben würde. Entsprechend nervös waren die Organisatoren.

Tatsächlich galt sie als eine der Favoritinnen auf den Nobelpreis. Auf ihrem Facebook-Profil zeigte sich Tokarczuk "sprachlos vor Freude und Rührung" und gestand der polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza", die Auszeichnung "komme noch gar nicht an sie ran". Die Stockholmer Jury erreichte die Autorin auf ihrem Weg nach Bielefeld. Tokarczuk musste dann erst mal "rechts ran fahren", um die frohe Nachricht zu verarbeiten. Auf Tour ist sie derzeit mit ihrem gerade ins Deutsche übersetzten Roman "Die Jakobsbücher", ein tausendseitiges Werk über den osteuropäischen Juden und selbsternannten Erweckungsprediger Jakob Josef Frank, der im 18. Jahrhundert durch die Welt reiste und dabei mit allerlei für ihn fremden Ländern und Religionen konfrontiert wurde.

"Die Jakobsbücher" wurde von der Schwedischen Akademie denn auch als bisher bestes Werk von Tokarczuk gewertet und darauf hingewiesen, "dass sie mit erzählerischer Vorstellungskraft und enzyklopädischer Leidenschaft Grenzen überschreite." Die Autorin betrachte die Wirklichkeit niemals als "stabil und immerwährend", in ihren Romanen erzähle sie oft von Gegensätzen, etwa der Natur und Kultur oder Mann und Frau.

© Beata Zawrzel/Picture Alliance

In Polen als "Verräterin" beschimpft

Tokarczuk lässt es sich nicht nehmen, in diesem aktuellen Buch, das in ihrer Heimat 2014 erschien, Episoden auf Polnisch, Litauisch und Hebräisch einzuflechten, schließlich war das damalige Königreich Polen-Litauen ein Vielvölkerstaat. So entfaltet sich vor dem Hintergrund einer wild bewegten Zeit eine europäische Monumental-Saga mit vielen Bezügen zur Gegenwart. Der Autorin selbst ist es wichtig, allgemeinverständlich zu schreiben und auch Nichthistoriker für den Stoff zu gewinnen, "den Klugen zum Gedächtnis, den Landsleuten zur Besinnung, den Laien als erbauliche Lehre".

Über Sigmund Freud zur Schriftstellerei

Tokaraczuks Eltern waren beide linksliberale Lehrer und Flüchtlinge aus ehemals ostpolnischen Regionen, die jetzt zur Ukraine gehören. Zunächst studierte Olga Tokarczuk Psychologie in Warschau, nach eigener Aussage aus dem "romantischen Antrieb heraus, Menschen zu helfen". Dann arbeitete sie mit verhaltensauffälligen Jugendlichen und beschäftigte sich intensiv mit dem Werk von Carl Gustav Jung, dem Begründer der analytischen Psychologie. Weil sie in der Klinik feststellte, dass sie teilweise "beunruhigter" war als ihre Patienten, gab sie die Arbeit auf. Überhaupt habe sie erst die Lektüre von Sigmund Freuds Werken zur Schriftstellerei gebracht.

Zu ihren großen Vorbildern zählt Olga Tokarczuk ihren Landsmann Bruno Schulz, der für seine surrealen, gleichnishaften Werke als moderner Klassiker geschätzt wird. Er wurde 1942 von der SS erschossen. Beeinflusst wurde die Autorin allerdings auch von TS Eliot und Czesław Miłosz.

Früh zeigte sich Tokarczuks Interessen an historischen Stoffen. Schon ihr erster Roman, "Podróż ludzi księgi" (Reise der Buchmenschen, 1993) spielt im 17. Jahrhundert. Es darin um zwei Menschen auf der Suche nach einem Buchgeheimnis, das sinnbildlich für das Leben als solches steht. Mythisch ist ihr dritter und bisher erfolgreichster Roman von 1996, "Prawiek i inne czasy" (Ur und andere Zeiten). Darin führt sie ihre Leser in ein abgelegenes polnisches Dorf namens Ur, das von vier Erzengeln behütet wird. Diese Schutzpatrone erzählen vom Leben der "Urgesteine", nämlich den Bewohnern des Dorfes im 20. Jahrhundert.

© Matt Crossick/Picture Alliance

Olga Tokarczuk kann sich freuen

Beschimpft als "Verräterin"

In einem Interview von 2018 zeigte sich Tokarczuk enttäuscht von ihrem Heimatland, weil es noch nicht bereit sei, auch die "dunklen Seiten" seiner Geschichte zu diskutieren. Anlass dafür war ein Fernsehauftritt zu ihrem neuesten Roman "Die Jakobsbücher", in dem die Autorin darin erinnerte, dass Polen speziell im 18. Jahrhundert Großmacht-Fantasien hatte und eine "schreckliche" Kolonisierung betrieb. Sie wurde daraufhin in ihrer Heimat als "targowiczanin" beschimpft, als Verräterin, und brauchte Leibwächter.

Über die Unterschiede zur englischsprachigen Literatur sagte sie einem britischen Journalisten des "Guardian": "Wir vertrauen der Realität nicht so sehr wie ihr. Wir haben nicht die Geduld für lineare Erzählungen. Wir glauben, in jedem Augenblick muss etwas schiefgehen, weil unsere eigene Geschichte nicht linear war. Außerdem wurzelt ihr in der Psychoanalyse, während wir immer noch in mythischen, religiösen Kategorien denken."

In ihrem derzeitigen Wohnort Krajanów bei Nowa Ruda führte sie mehrere Jahre einen Verlag, seit einiger Zeit ist sie dort Gastgeberin eines kleinen Literaturfestivals .

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!