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Olga Tokarczuk: "Die Literatur kann die Welt verändern" | BR24

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Olga Tokarczuk spielt als Kind zwischen Bücherregalen, schreibt ihr erstes Buch über "Buchmenschen" und verschreibt sich von da an ganz der Literatur. Heute erhält sie in Stockholm den nachgeholten Literaturnobelpreis für 2018. .

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Olga Tokarczuk: "Die Literatur kann die Welt verändern"

Olga Tokarczuk spielt als Kind zwischen Bücherregalen, schreibt ihr erstes Buch über "Buchmenschen" und verschreibt sich von da an ganz der Literatur. Heute erhält sie in Stockholm den nachgeholten Literaturnobelpreis für 2018.

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Als die inzwischen wichtigste polnische Literaturauszeichnung "Nike" 1997 zum ersten Mal verliehen wurde, wählten die Leser Olga Tokarczuk zu ihrer Favoritin. Später ging die Nike noch einige Male an sie – und auch wieder in der Kategorie des Publikumspreises. Die unprätentiöse Autorin, die die Grünen unterstützt, für linksliberale, politische Zeitungen schrieb und in ihrer ruhigen Art Stellung bezieht zu aktuellen Themen, ist beliebt in Polen – beim Publikum und bei der Kritik. Vielleicht spüren die Leser, dass es ihr ernst ist mit ihrer literarischen Botschaft – mit ihrer Mission: "Die Literatur kann die Welt verändern, denn das ist eine sehr raffinierte Art zwischenmenschlicher Kommunikation. Gerade der Roman erscheint mir als eine ganz besondere literarische Gattung, eine seltsame, wunderbare menschliche Erfindung, die auf Empathie beruht. Lesend fühlen wir uns in andere Menschen hinein, erweitern unser Bewusstsein, werden dadurch größer und besser. Der Roman, erlaubt uns, eine Zeit lang das Leben anderer Menschen zu leben."

Bücher bilden eine Bücher eine eigene mächtige alternative Welt

Die therapeutische Wirkung von Literatur unterstreicht Olga Tokarczuk. Ihre Werke erinnern an psychologische Studien, übermittelt in teils surrealen, fantastischen Bildern. Schließlich hat sich die Psychologin während ihres Studiums intensiv mit der Tiefenpsychologie Carl Gustav Jungs beschäftigt. Und auch beim Schreiben schöpft sie aus den Tiefen historischer Stoffe, alter Überlieferung, aus dem Urgedächtnis der Menschheit, bezieht sich auf Märchen und Mythen.

Es sind zunächst ihre persönlichen Erfahrungen, die Tokarczuks Prosa zugrunde liegen. Schon in ihrem ersten Roman die "Reise der Buchmenschen" spielt das geschriebene Wort eine exponierte Rolle: Eine Schar Auserwählter macht sich auf die Suche nach dem Buch der Weisheit, das auch Heilkräfte besitzt. Die Wertschätzung für Bücher stammt aus ihrer frühesten Kindheit, die sie in Schlesien, in der Nähe von Zielona Gora verbrachte. Die Mutter war Lehrerin, der Vater Bibliothekar. "Ich hatte Glück, dass ich meinen Vater schon in der frühesten Kindheit in die Bibliothek begleiten durfte, ich spielte dort zwischen den Buchregalen. Und schon damals entdeckte ich, dass Bücher eine eigene mächtige alternative Welt bilden, die andere Realitäten hervorbringt, in denen man sich verstecken und anders leben kann. Und die Faszination an Fantasiewelten hat mich bis heute nicht verlassen."

Andersdenkende werden Shitstorm-Opfer

Ihre Fantasiewelten führen den Leser mal an seltsame fiktive Orte wie Ur – in ihrem erfolgreichen Roman "Ur und andere Zeiten". Mal ist es die malerische niederschlesische Landschaft, wo die 57-jährige Schriftstellerin teilweise lebt. Hier, im Kreis Klodzki, hat sie ihren Roman "Der Gesang der Fledermäuse" angesiedelt – eine Art Thriller über die Zerstörung der Natur, die Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender, den die renommierte polnische Regisseurin Agnieszka Holland verfilmt hat. Und plötzlich geschah etwas, das Olga Tokarczuk das Schicksal ihrer Protagonistin am eigenen Leib spüren ließ. Ein gewaltiger Shitstorm fegte über sie hinweg, als sie für ihr monumentales Werk "Die Jakobsbücher" mit dem Nike-Preis geehrt wurde und das Buch öffentlich so kommentierte: "Wir haben uns die Geschichte Polens als ein besonders tolerantes, offenes Land erdacht, als ein Land, das seine Minderheiten niemals schlecht behandelte. Jetzt sollten wir uns unsere Geschichte nochmal anschauen und sie ein wenig umschreiben, ohne all die schlimmen Sachen zu verstecken."

Polen war nicht immer ein homogenes Staatsgebilde

Die Geschichte neu schreiben, erzählen, was nie gesagt wurde. In Tokarczuks vom Nobelpreiskomitee erwähnten "Jakobsbüchern" lässt die Autorin die historische Figur des jüdischen Religionsführers Jakob Frank aufleben – und mit ihm die Epoche der polnisch-litauische Adelsrepublik im 18. Jahrhundert. Eine Epoche, die sie als ebenso multikulturell, multireligiös und grenzübergreifend, wie als barbarisch und ungerecht schildert. Damit widerspricht sie dem Mythos von der friedlichen, einheitlichen, katholischen Nation, der von konservativen Kreisen in Polen hochgehalten wird. Liberale, demokratische Kreise danken es ihr, wie die vielen Zuschriften zeigen, die sie während des Shitstorms verteidigt haben.