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© dpa/pa/Uwe Zucchi

Okwui Enwezor

Die bayerische Kulturpolitik, namentlich die Kunstminister Heubisch und ab 2013 Spaenle, waren mächtig stolz auf diese Berufung: Als 2011 mit Okwui Enwezor ein gebürtiger Afrikaner die Leitung des Hauses der Kunst in München übernahm, war dies ein echter Nachweis für die Weltläufigkeit bayerischer Kulturverwaltung, aber auch ein Beweis für die Bedeutung dieses reinen Ausstellungstempels am Englischen Garten. Denn hier trat ein bereits weltbekannter Kurator an: Enwezor hatte mit der Documenta 11 im Jahr 2002 in Kassel eine sehr erfolgreiche und unterhaltsame Weltkunstschau geleitet. Parallel zu seiner Münchner Berufung kuratierte er dann außerdem noch 2015 die Kunstbiennale in Venedig, die andere weltwichtigste Kunstschau. Dieses arbeitsreiche Doppel war vor ihm nur dem Schweizer Harald Szeemann gelungen.

"Ich bin mir nicht so sicher, ob wir schon an dem Punkt sind, an dem Ausstellungen unmöglich sind. Aber es ist viel schwieriger geworden. Die Versicherung, die Bewachung, der Transport von Kunst verschlingen enorme Summen. Bei historischen Ausstellungen ist es deswegen schwierig geworden, die wichtigen Exponate zu bekommen, weil wir einen Zustand erreicht haben, bei dem Kunstwerke vor allem als Objekte von hohem Wert wahrgenommen werden", sagte Okwui Enwezor 2016 in einem Interview mit der Bayern 2 – kulturwelt.

In Nigeria geboren wurde Enwezor in New York zum Ostküsten-Intellektuellen

Als er 1963 in Nigeria geboren wurde, war ihm seine spätere Weltkarriere noch nicht vorherbestimmt. Zwar war sein Vater Bauunternehmer. Damit ermöglichte es ihm sein sozialer Status später in New York Literatur- und Politikwissenschaft zu studieren, wohlgemerkt: nicht Kunstgeschichte. Aber Enwezors Muttersprache war Igbo, ein auch in seinem Heimatland eher regionales Idiom. Vielleicht hat er deshalb hierzulande aus Stolz immer darauf verzichtet, Deutsch zu lernen – war doch die Verwandlung in einen Englisch sprechenden Ostküsten-Intellektuellen für Enwezor schon eine sehr große Anpassung?

In New York engagierte er sich zunächst in der Knitting Factory für zeitgenössische Lyrik. Erst 1993 gründete er mit zwei Freunden "NKA. Das Journal für zeitgenössische afrikanische Kunst“, das drei Mal pro Jahr erscheint. Nka – das heißt auf Igbo kreieren, machen, erfinden. Okwui Enwezor verstand sich fortan als ein Autor, der die aktuelle afrikanische Fotografie, die Kunst, das Design, die Architektur mit den weltweit immer noch dominierenden europäisch-amerikanischen Strömungen konfrontierte. Als Kurator, der immer beweisen wollte, dass es auf der ganzen Welt bemerkenswerte Kreativität zu entdecken gab und gibt. "Wir riskieren, banal zu werden, wenn wir alles tun, um Leute ins Museum zu bringen. Wir können Elefanten in die Mitte der Halle stellen – und sofort haben wir ein Publikum, das dieses Spektakel anschauen will. Mit unserer Arbeit wollen wir aber zeigen, dass das Obskure, das Gewöhnliche und Schwierige Seit an Seit mit dem Populären existieren kann." sagte Okwui Enwezor.

Großartige Ausstellungen entstanden daraus: "Short Century" über die Kunst der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen nach 1945 machte 2001 auch sehr erfolgreich in Berlin und München Station. Dieses Glück blieb Okwui Enwezor zwischen 2011 und 2018 als Direktor des Hauses der Kunst in München nicht immer treu. Da wäre zum Beispiel das Großunternehmen "Postwar", eine Ausstellung über die Kunstentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg auf der ganzen Welt. 2016 wurde daraus ein riesiger, das Publikum überfordernder Parcours durch viele Säle, Stockwerke und Themen – und verursachte überdies ein siebenstelliges finanzielles Defizit. Enwezor hätte sich auch um Skandale kümmern müssen: um sexuelle Übergriffe und Scientology-Mitgliedschaften im Management und beim Aufsichtspersonal. Was ihm allerdings schwer fiel durch seine sprachliche Distanz und durch seine inzwischen fortschreitende schwere Krebserkrankung. So ist er im Juni 2018 schließlich von all seinen Aufgaben im Haus der Kunst in München zurückgetreten. Was jetzt bleibt, ist die Erinnerung an einen Kunstkurator und Ausstellungsmacher, der als Erster weltweit die Forderung nach der globalen Relevanz der Kunst wirklich erfüllt hat. Und das aus eigener Anschauung zwischen Calabar in Nigeria, New York, Kassel, Venedig und München.

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