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Okwui Enwezor (2014 im Haus der Kunst München)
© picture-alliance/dpa / Stephan Goerlich
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Okwui Enwezor (2014 im Haus der Kunst München)

Okwui Enwezor stand seit 2011 an der Spitze des Münchner Hauses der Kunst, fühlte sich in dieser Zeit aber offenbar nicht ausreichend geschätzt. Diesen Eindruck erweckt zumindest das Interview, das er nun dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" gegeben hat. Darin beklagt der 54-jährige gebürtige Nigerianer, seine Erfolge würden unter den Teppich gekehrt. Und weiter: "Es ist durchaus denkbar, dass meine Herkunft, auch mein Äußeres manchen zu Projektionen verleiten. Ich beobachte sehr wohl, wie ich kulturell abgewertet werden soll." Christoph Leibold hat mit BR-Kunstkritikerin Joana Ortmann über Enwezor und das Interview gesprochen.

Christoph Leibold: Das ist natürlich ein sehr harter Vorwurf, den Enwezor da formuliert. Sehen Sie das auch so?

Joana Ortmann: Ich sehe in erster Linie, dass Enwezor sehr schlecht beraten war, dem "Spiegel" dieses Interview zu geben. Und zwar besonders, weil sich hier auf eine ungute Weise vor allem zwei Dinge vermischen: der Vorwurf von kulturellem Rassismus und eine lebensbedrohliche Erkrankung. Ich vermute, dieser Krankheit ist es zuzuschreiben, dass Okwui Enwezor jetzt nachträglich so scharf reagiert. Drei Jahre, so sagt er in diesem Interview, kämpft er schon gegen den Krebs, hat, so steht es wörtlich drin, nichts unversucht gelassen, das habe ich, muss ich sagen, zum ersten Mal in dieser Offenheit so gelesen. Das heißt, wir haben es hier nicht nur mit einem geschassten Museumschef zu tun, sondern mit einem angegriffenen, geschwächten Menschen. Das macht die Sache und für mich auch die Beurteilung von außen noch schwieriger.

Führt es vor diesem Hintergrund dann überhaupt weiter, diese Vorwürfe genauer zu beleuchten, vor allem den besonders harten der kulturellen Abwertung?

Bleiben wir vielleicht erst mal bei den Fakten, die man wirklich belegen kann. Mit wem haben wir es zu tun? Mit einem der bekanntesten Kuratoren der Welt, Enwezor war Leiter der documenta 11, er war Leiter der Biennale von Venedig, er hat überall ausgestellt, wo die großen Museen sind: New York, London, Paris. Und er war eben von 2011 an acht Jahre Direktor im Haus der Kunst München, also: Künstlerischer Leiter und Geschäftsführer. Und wenn er jetzt sagt, man konstruiere ein Bild des Scheiterns, dann stimmt das aus meiner Sicht nur bedingt, denn Finanzen und Personal waren schlicht und einfach in seiner Zuständigkeit als Chef. Er kann, glaube ich, eben nicht sagen: Ich habe davon nichts gewusst oder zu wenig gewusst oder zu spät gewusst. Insofern, ja: In diesen beiden Bereichen sehe ich ihn schon als Verantwortlichen. Er hat zu lange gewartet bei den Vorwürfen sexueller Belästigung, er hat auch gewartet damit, die Nähe einiger Mitarbeiter zu Scientology genauer zu untersuchen zu lassen.

Vielleicht noch mal zu den Finanzen: Ein Punkt im Interview ist ja, dass Enwezor auch beklagte, das Haus der Kunst sei chronisch unterfinanziert. Was ist dazu zu sagen?

Das Haus der Kunst ist seit Jahren unterfinanziert, insbesondere seit der Hauptsponsor abgesprungen ist. Dennoch hat sich Enwezor bei den Finanzen schlicht verspekuliert – und sich auch niemanden an die Seite geholt, der ihn davor hätte bewahren können. Ein trauriges und leider prägnantes Beispiel ist sein Herzensprojekt "Postwar". Ein Riesenprojekt, 400 Positionen Kunst der Nachkriegszeit, Kunst nach 1945, ein Versuch, die jüngere Kunstgeschichte neu zu sehen und zu deuten. Und allein der erste Teil war veranschlagt mit 1,2 Millionen Euro, verschlang aber am Ende mehr als das Dreifache: 4,4 Millionen. Einfach weil er sich mit Versicherungen und Transportkosten verrechnet hatte.

Hinter solchen Zahlen, beklagt sich Enwezor im „Spiegel“-Interview, verschwinde seine künstlerische Leistung, wobei die bayerische Kunstministerin Marion Kiechle gleich versichert hat, die kuratorische Leistung von Okwui Enwezor sei unbestritten. Trotzdem: Ist er auch Opfer eines politischen Klimas?

Dieser Satz hat mich, ehrlich gesagt, etwas gewundert. Vor nicht allzu langer Zeit hat Enwezor noch in einem BR-Interview gesagt, dass er eigentlich findet, das Problem Rassismus und Kunstbetrieb sei so gut wie passé. Ich denke eher, dass hier über viele Jahre die Kommunikation total schiefgelaufen ist, und zwar von zwei Seiten: Wir haben auf der einen Seite das Haus der Kunst mit seinen wirklich alten, starren Strukturen, und wir haben einen Leiter, der zwar wirklich spannende Ausstellungen macht, aber selber nur bedingt die Offenheit lebt, die er von anderen fordert. Wer Enwezor im Haus der Kunst erlebt hat, der weiß, dass er immer etwas Hermetisches ausgestrahlt hat und eine enge Grenze um sich gezogen hat. Sich nur mit einem kleinen englischsprachigen Team wirklich ausgetauscht hat, selber kein Deutsch gesprochen hat – ein heikler Punkt - und in acht Jahren auch nicht gelernt hat, Deutsch zu sprechen. Es ist dann aber auch kein Rassismus, wenn an den Chef des Hauses der Kunst in München der Wunsch herangetragen wird, er möge bitte Deutsch lernen. Also vieles, was dort eben in den letzten Jahren passiert ist, ist, würde ich sagen, sprachlichen und vielleicht auch kulturellen Missverständnissen geschuldet.

Was lernen wir nun aus dem Ganzen? Ihr Fazit?

Bei allem Respekt und bei allem Mitgefühl für seine wirklich angegriffene Situation hat sich, denke ich, Enwezor keinen Gefallen mit dieser rückwirkenden Verteidigung. Auch - und das finde ich eigentlich besonders tragisch - nicht in künstlerischer Hinsicht. Denn hätte er es bei der offiziellen Mitteilung vom Juni belassen, dass er aus gesundheitlichen Gründen geht, dann wäre die Erinnerung an seine vielen spannenden Ausstellungen und Entdeckungen ungetrübt geblieben: Louise Bourgeois, um nur ein Beispiel zu nennen, das war sein erster großer Coup, vor Kurzem die Ausstellung "Blind Faith", da ging es um Realität und Fake, dann die vielen afroamerikanischen, asiatischen, indischen Künstler, die er völlig neu für München entdeckt hat. So aber, in dieser unguten Mischung, ist dieses Interview kein Befreiungsschlag, sondern befeuert, fürchte ich, die Debatte von Neuem. Und dahinter droht dann sein Vermächtnis als Kurator leider wirklich zurückzutreten.

Autoren

Joana Ortmann

Sendung

kulturWelt vom 20.08.2018 - 08:30 Uhr